Wer bei Anime-Filmen sofort an quietschbunte Augen und überdrehte Kampfschreie denkt, liegt hier falsch. Scarlet ist das Gegenteil davon, nämlich ruhig, dunkel und an manchen Stellen unangenehm ehrlich. Regisseur Mamoru Hosoda hat sich in der Vergangenheit immer wieder an Stoffen versucht, die mehr wollen als Unterhaltung und mit diesem Werk legt er etwas vor, das emotional deutlich schwerer wiegt als sein ruhiges Äußeres vermuten lässt. Ab sofort ist „Scarlet“ auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Eine Prinzessin, ein Sanitäter & eine Welt dazwischen
Im Mittelpunkt steht Scarlet. Sie ist eine Prinzessin, die mit dem Schwert aufgewachsen ist und deren gesamte Existenz auf einen einzigen Zweck ausgerichtet ist: Rache! Als ihre Mission scheitert, landet sie schwer verletzt in einer Zwischenwelt, die sich zwischen den Zeiten zu befinden scheint. Dort trifft sie auf Hijiri, einen jungen Sanitäter aus der Gegenwart, der in ihrer Welt so fehl am Platz wirkt wie ein Funksignal im Mittelalter. Er kämpft nicht, er rächt sich nicht, er heilt.
Und genau das macht ihn für Scarlet zum unbequemsten Menschen, dem sie je begegnet ist. Die Geschichte bewegt sich zwischen Mittelalterkulisse, moderner Gegenwart und einer surrealen Anderswelt, und ja, dass ist viel auf einmal. Hosoda mischt Genres mit einer Freiheit, die das Pacing gelegentlich ins Straucheln bringt. Wer ein sauber durchgetaktetes Erzähltempo erwartet, braucht hier Geduld. Wer sich aber darauf einlässt, bekommt eine Geschichte, die sich mit der Zeit entfaltet wie ein Knoten, den man langsam löst.
Zwischen Hass und Hoffnung
Scarlet selbst ist das Beste an diesem Film. Sie ist keine strahlende Heldin, kein Vorbild. Nein, sie ist eine junge Frau, die so lange Hass getankt hat, dass sie kaum noch weiß, was sie ohne ihn wäre. Diese Entwicklung, weg vom reinen Überlebensmodus hin zu der Frage ob das Leben noch mehr sein kann als der nächste Kampf, ist der eigentliche Kern des Films. Und den trifft Hosoda bemerkenswert gut. Die Dynamik zwischen Scarlet und Hijiri ist dabei kein aufgesetztes Romantic-Subplot-Beiwerk, sondern ein ehrliches Ringen zweier Menschen mit völlig unterschiedlichen Weltbildern.
Dass sich daraus etwas Echtes entwickelt, macht einige Szenen überraschend wuchtig und ja, wer beim Schauen kurz schlucken muss, ist in guter Gesellschaft. Scarlet stellt keine kleinen Fragen. Im Kern geht es um Trauer, um Gewaltzyklen, um den Moment in dem man entscheiden muss ob man seinen Schmerz festhalten oder loslassen will und das ohne erhobenen Zeigefinger. Der Film hat Shakespeares Hamlet als thematischen Unterbau. Studio Chizu macht hier indes keine halben Sachen.
Die Anderswelt, in der ein Großteil der Handlung stattfindet, ist in einem Mix aus klassischer 2D-Animation und moderner CGI-Technik gestaltet. Auf einer guten Heimkino-Anlage kommt das richtig zur Geltung, gerade in den ruhigeren Momenten, in denen die Animation fast stillsteht und trotzdem alles sagt. Die deutsche Synchro ist dabei solide besetzt.
Für alle, die Anime ernst nehmen
Alles in allem ist „Scarlet“ kein makelloser Film. Die Handlung greift manchmal nach zu vielem gleichzeitig, und einige Nebenfiguren bleiben blasser als sie sein sollten. Aber das sind Kritikpunkte, die verblassen, wenn man merkt wie selten Animationsfilme diese Art von emotionaler Wucht hinbekommen. Hosoda erzählt eine Geschichte über Rache —und landet am Ende bei der eigentlich viel schwereren Frage. Nämlich wer wir sein wollen, wenn die Wut irgendwann nachlässt? Für Anime-Fans, die mehr suchen als Spektakel, ist das hier Pflichtprogramm!
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