Gute Western haben eines gemeinsam, man spürt nämlich den Staub nicht nur auf der Leinwand. Und dieser setzt sich irgendwo fest und bleibt. Ned Crowleys Regiedebüt „Killing Face“ kann das auch. Es ist kein aufgeräumtes Heldenspektakel, kein romantisierter Blick auf den Wilden Westen. Nein, was Crowley hier vorlegt, ist dunkel, unbehaglich und schwer abzuschütteln. Ab sofort ist „Killing Face“ auf DVD und Blu-ray für das Heimkino verfügbar und das ist die richtige Gelegenheit, ihn zu entdecken.

Bleierne Zeiten, schwere Last

Arizona, 1849. Das Land gehört dem Tod, dem Dreck und den Fanatikern. Eine Frau ist unterwegs mit ihrer kranken Tochter. Einem Mädchen, das überall Unglück zu bringen scheint. Jeder, der das Kind berührt, stirbt. Ob Fluch, Seuche oder Strafe Gottes, dass weiß niemand so genau. Was die Frau braucht, ist jemand mit medizinischem Verstand. Und was sie kriegt, ist Dr. Bender. Guy Pearce spielt diesen Arzt als Mann, der sich mit Äther über den Tag rettet, mit Sarkasmus über die Nacht, und trotzdem nicht ganz kalt geworden ist. Zu dritt zieht die Gruppe durch ein Land, das längst aufgehört hat, irgendjemandem Schutz zu versprechen.

Zwei Figuren, die den Film schultern

Western stehen und fallen mit ihren Hauptfiguren und in „Killing Face“ stimmt die Besetzung. Guy Pearce macht aus Dr. Bender keine durchgeknallte Karikatur, sondern einen Mann mit Geschichte, der sich selbst im Weg steht. Es sind vor allem die kleinen Momente, die überzeugen. DeWanda Wise hält dagegen mit einer Darstellung, die nie ins Weinerliche abgleitet. Ihre Figur hat Haltung, auch wenn ihr alles genommen wurde. Diese beiden zusammen, nun, das ist der eigentliche Kern des Films.

Zwei Leute mit kaputten Biografien, die sich durch ein kaputtes Land bewegen und dabei irgendwie mehr füreinander werden als nur Reisegefährten. Dazu kommt Bill Pullman als Prediger, der irgendwo zwischen Erleuchtung und Wahnsinn pendelt. Wer an Figuren wie diese gewöhnt ist, aus den großen amerikanischen Frontier-Geschichten, der weiß sofort, dass mit dem nicht zu spaßen ist. Und Pullman spielt das mit einer ruhigen Bedrohlichkeit, die unter die Haut geht.

Kein Saloon, kein Shootout & trotzdem Western

Crowley dreht keinen Western nach dem typischen Baukasten. Stattdessen drehte er einen Film, der sich Zeit nimmt, der Nebenfiguren kommen und gehen lässt, der Fragen aufwirft, ohne sich zur Antwort verpflichtet zu fühlen. Das kann gerade zu Beginn den einen oder anderen nerven, vor allem wer Tempo will. Aber wer sich einlässt, merkt, dass genau diese Sperrigkeit dem Film seinen eigenen Charakter gibt. Visuell arbeitet Crowley indes konsequent gegen jede Verklärung des Westens. Die Landschaft ist keine malerische Kulisse, sondern ein feindseliger Raum. Wer Cormac McCarthy als Benchmark für dunkle Frontier-Literatur kennt, der ahnt schon, in welche Richtung das geht.

Für alle, die den Western lieben, wenn er wehtut

„Killing Face“ ist kein Film für Sonntagabend-Western-Fans, die nach zwei Stunden entspannt ins Bett wollen. Er ist ein Film für alle, die wissen, dass der Wilde Westen vor allem eines war, nämlich ein brutaler, unübersichtlicher Ort, an dem Menschen unter Druck das Schlechteste und gelegentlich das Unerwartet-Beste in sich zeigten. Auf Blu-ray macht sich „Killing Face“ gut im Regal und noch besser auf dem Bildschirm, wenn es draußen dunkel ist.

„Killing Face“ (Capelight Pictures) VÖ: 28. Mai 26