Südkoreanisches Kino hat in den letzten Jahren bewiesen, dass es den Rest der Welt locker alt aussehen lassen kann. Park Chan-wook gehört dabei zu den Regisseuren, bei denen man schon beim ersten Trailer weiß, dass das kein gemütlicher Abend wird. Sein neuster Film „No Other Choice“ trifft dabei einen Nerv, der gerade bei vielen blank liegt und verpackt das in zwei Stunden schwarzen Humor, der einem manchmal das Lachen im Hals stecken lässt. Was Park Chan-wook daraus macht, ist einer der unangenehmsten, komischsten und klügsten Filme der letzten Jahre. Und jetzt ist er endlich auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Bonsai, Bewerbungen & das große Erwachen

Man-su hat alles richtiggemacht. Studiert, gearbeitet, gespart. Haus, Familie, Garten und in der Freizeit kümmert er sich um seine Bonsaibäume. Der Mann hat sein Leben im Griff, so sehr, dass er sogar Bäume in Form schneidet, die eigentlich wild wachsen wollen. Und dann übernimmt eine KI seinen Job. Von einem Tag auf den anderen bricht das ganze Konstrukt ins Wanken. Die Freizeitaktivitäten der Familie fallen weg, Streamingdienste werden gekündigt, sogar die Haustiere werden zum Luxusproblem. Man-su schreibt Bewerbungen, bekommt Absagen, schreibt wieder. Und irgendwann kommt der Moment, in dem er begreift, dass das Problem nicht die fehlenden Jobs sind. Das Problem ist die Konkurrenz! Und dann trifft er eine Entscheidung, die den Film in eine ganz andere Richtung katapultiert.

Balanceakt zwischen Lachen und Unbehagen

„Squid Game“-Fans kennen Lee Byung-hun bereits. Hier zeigt er noch mal eine ganz andere Seite. Man-su ist keine Figur, der man einfach die Daumen drückt. Er ist kein Held, aber auch kein klarer Bösewicht. Nein, er ist ein Typ, der langsam abrutscht, während er gleichzeitig verzweifelt versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Diese Ambivalenz spielt Byung-hun mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt. Man glaubt ihm jede Entscheidung, auch wenn man sie nicht gutheißt.

Ein großes Lob geht auch einfach an Regisseur Park Chan-wook. Er dreht nicht einfach, er komponiert. Jede Einstellung in „No Other Choice“ wirkt durchdacht, ohne dass der Film dabei steif oder selbstverliebt wirkt. Die Kamera beobachtet, manchmal fast zu gelassen, was einzelne Szenen umso mehr Wucht verleiht. Zwischen bitterkomischen Momenten und echter Beklemmung wechselt der Ton mühelos hin und her. Das ist handwerklich eine echte Herausforderung, in „No Other Choice“ klappt das nahtlos. Es gibt Szenen, bei denen man lacht und im nächsten Moment nicht sicher ist, ob das eigentlich okay war.

KI killt Jobs – das ist kein Sci-Fi mehr

Was „No Other Choice“ von vielen anderen Gesellschaftssatiren unterscheidet ist, dass er erschreckend nah an der Realität ist. Denn die Angst, durch KI vom Arbeitsmarkt weggefegt zu werden, ist für viele Menschen längst Realität. Park Chan-wook nutzt das nicht als Hintergrundgeräusch, er baut den ganzen Film darauf auf. Auch die Frage, was von einem Mann übrigbleibt, wenn er nicht mehr der Versorger, der Macher, der Erfolgreiche sein kann, die stellt der Film mit einer Direktheit, die stellenweise richtig wehtut.

Heimkino-Pflichtprogramm

Wer übrigens „Parasite“ geliebt hat, ist hier bestens aufgehoben. Nicht weil beide Filme gleich sind, sondern weil sie ähnlich ticken. Gesellschaftskritik, die durch eine Geschichte erzählt wird, die zunächst fast alltäglich wirkt und sich dann in etwas ganz Anderes verwandelt. „No Other Choice“ ist dabei nochmal zugespitzter und um einiges kompromissloser.

Insgesamt ist „No Other Choice“ einer dieser Filme, die einem noch lange nach dem Abspann im Kopf bleiben. Denn er ist so herrlich komisch und düster, so präzise und unangenehm aktuell. Lee Byung-hun liefert hier jedenfalls eine der stärksten Performances seit Langem, und Park Chan-wook beweist, dass er zu den besten Regisseuren seiner Generation zählt. Für alle, die gesellschaftskritische Filme mögen, die wirklich etwas zu sagen haben und dabei auch noch verdammt gut aussehen … unbedingt anschauen!

„No Other Choice“ (Mediabook, 4K-UHD+Blu-ray) – PLAION PICTURES – VÖ: 28. Mai 26