Es gibt Filme, die man schaut und dann relativ schnell wieder vergisst. Man lehnt sich zurück, genießt zwei Stunden Unterhaltung und das war es. Und dann gibt es Filme, die sich festsetzen. Die einen noch Tage später beschäftigen, während man eigentlich gerade an etwas ganz anderes denkt. „Zeugen der Wahrheit“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie und wer sich auf diesen Film einlässt, wird ihn so schnell nicht loskriegen. Jetzt ist er als DVD und Blu-ray erhältlich und damit endlich auch bequem für zuhause verfügbar.
Polen, Januar 1942. Die Nationalsozialisten haben in Chelmno ein Vernichtungslager errichtet. Ganz im Verborgenen, weit weg von der Öffentlichkeit. Solomon und Michael, zwei jüdische Männer, werden dort zur Zwangsarbeit gezwungen. Sie müssen mit ansehen, wie Menschen in Lastwagen getrieben und vergast werden. Jeden Tag. Immer wieder. Irgendwann reifen in ihnen ein Gedanke und ein Entschluss. Die Welt muss davon erfahren, koste es, was es wolle.
Gratwanderung souverän gemeistert
Was folgt, ist ein riskanter Fluchtversuch, der mehr Mut erfordert, als die meisten von uns sich überhaupt vorstellen können. Und der Film macht genau das spürbar. Diesen Mut, diese Verzweiflung, aber auch die zerbrechliche Hoffnung, die die beiden antreibt. Regisseur Lior Geller, der für seine Arbeit den Deutschen Filmpreis erhalten hat, erzählt diese Geschichte mit einer Ernsthaftigkeit, die man heute nicht selbstverständlich nehmen kann.
Er dramatisiert nicht um des Effekts willen. Er übertreibt nicht, er schmückt nicht aus. Stattdessen nähert er sich dem Stoff mit einer ruhigen, fast dokumentarischen Präzision, die gerade deshalb so unter die Haut geht. Gerade die erste Hälfte des Films ist schwer zu ertragen und das soll sie auch sein. Was Solomon und Michael durchmachen müssen, wird nicht beschönigt. Gleichzeitig verliert der Film dabei nie den Blick auf die Menschen hinter dem Grauen. Das ist eine Gratwanderung, die Geller souverän meistert.
Survival-Thriller & brillanter Cast
Wenn die Flucht in der zweiten Hälfte beginnt, wechselt der Film nahezu das Genre. Plötzlich ist man mitten in einem packenden Survival-Thriller. Der Wald, die Nazis im Nacken, ein gestohlenes Motorrad, ja, das klingt fast zu filmisch, aber es ist passiert. Und genau dieser Kontrast macht „Zeugen der Wahrheit“ zu einem so besonderen Erlebnis. Oliver Jackson-Cohen, bekannt aus „The Haunting of Hill House“ und „The Invisible Man“, trägt den Film mit einer Darstellung, die nichts Aufgesetztes hat.
Man glaubt ihm jeden Moment. Jeremy Neumark Jones steht ihm dabei in nichts nach. Das Zusammenspiel der beiden funktioniert, weil es glaubwürdig ist. Also keine Heldenposen, keine großen Gesten, sondern echte, menschliche Zerbrechlichkeit. David Kross, der deutschen Kinofans vor allem aus „Der Vorleser“ bekannt ist, spielt auf der anderen Seite und zeigt, dass er weit mehr kann, als Sympathieträger zu verkörpern.
Das ist es, was großes Kino ausmacht
„Zeugen der Wahrheit“ ist letztendlich kein Film, den man sich für einen entspannten Filmabend auswählt. Das ist er nicht, und das will er auch nicht sein. Aber er ist einer dieser Filme, die man gesehen haben sollte. Weil er eine Geschichte erzählt, die zu lange im Verborgenen geblieben ist. Weil er daran erinnert, was es bedeutet, Zeuge zu sein und zu handeln, auch wenn alles dagegenspricht.
Und weil er das mit schauspielerischer Klasse und erzählerischer Sorgfalt tut, die man nicht oft findet. Die Blu-ray-Version kommt außerdem mit einem exklusiven Interview mit Michael Podchlebnik. Also dem realen Menschen hinter der Figur im Film. Wer sich auf „Zeugen der Wahrheit“ einlässt, wird am Ende anders aus ihm herausgehen, als er hineingegangen ist. Und genau das ist es, was großes Kino ausmacht!
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