Van ausbauen, Wohnung hinter sich lassen und einfach der Straße folgen. Was auf Instagram nach Freiheit und Abenteuer aussieht, bekommt in „Passenger“ ziemlich schnell eine unangenehme Kehrseite. Regisseur André Øvredal macht aus dem Roadtrip eines jungen Paares einen übernatürlichen Horrortrip, bei dem ausgerechnet die endlose Straße irgendwann verdammt eng wirkt.

Øvredal kennt sich mit unheimlichen Stoffen aus. Nach Filmen wie „The Autopsy of Jane Doe“, „Scary Stories to Tell in the Dark“ und „Die letzte Fahrt der Demeter“ schickt er dieses Mal Jacob Scipio und Lou Llobell auf den Highway. Das Konzept ist hierbei angenehm simpel. Zwei Menschen, ein Van und etwas, das sie besser nicht mitgenommen hätten.

Ein Unfall – und plötzlich fährt etwas mit

Tyler (Jacob Scipio) und Maddie (Lou Llobell) haben ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen und sind seit einigen Wochen mit ihrem Van unterwegs. Freiheit, neue Orte und möglichst wenig Alltag stehen auf dem Programm. Bis die beiden auf einer abgelegenen Straße Zeugen eines schweren Unfalls werden.

Danach stimmt etwas nicht mehr. Denn Tyler und Maddie haben den Unfallort offenbar nicht allein verlassen. Eine dämonische Präsenz, die nur als „The Passenger“ bezeichnet wird, hat sich an ihre Fersen geheftet und Abstand scheint für sie keinerlei Bedeutung zu haben. Weiterfahren hilft nicht, Verstecken ebenso wenig. Aus dem entspannten Van-Life wird damit ziemlich schnell ein Roadtrip, bei dem niemand mehr darüber diskutiert, wo man die nächste Nacht verbringt.

Highway to Hell statt Freiheit auf vier Rädern

Die vielleicht stärkste Idee von „Passenger“ steckt direkt im Setting. Normalerweise steht ein Roadmovie für Bewegung und grenzenlose Möglichkeiten. Wenn es irgendwo nicht gefällt, fährt man eben weiter. Øvredal dreht genau dieses Prinzip um. Tyler und Maddie können fahren, wohin sie wollen. Doch wirklich weg kommen sie trotzdem nicht.

Dabei funktioniert der Van gleich doppelt. Einerseits ist er Rückzugsort und das einzige Stück Zuhause, das die beiden noch besitzen. Andererseits wird er mit zunehmender Laufzeit immer mehr zur engen Blechkiste, in der man sich vor einem übernatürlichen Verfolger nur schwer verstecken kann. Dunkle Highways, einsame Parkplätze und Tankstellen erledigen den Rest. „Passenger“ braucht deshalb keine riesigen Schauplätze, um seine unangenehme Grundstimmung aufzubauen.

Ganz ohne die bekannten Werkzeuge des modernen Horrorkinos geht es allerdings nicht. Jumpscares und plötzliche Gewaltausbrüche gehören genauso zum Programm wie die Frage, wann der Passenger das nächste Mal auftaucht. Nicht jede dieser Ideen ist neu, das Zusammenspiel mit dem Roadmovie-Setting gibt dem Ganzen aber einen eigenen Anstrich.

Wenn aus dem Rückspiegel ein Feind wird

Ein Horrorfilm mit einer derart überschaubaren Ausgangslage steht und fällt mit seinen Hauptfiguren. Entsprechend viel Zeit verbringen wir mit Maddie und Tyler. Lou Llobell und Jacob Scipio müssen nicht nur glaubwürdig auf die immer absurdere Bedrohung reagieren, sondern gleichzeitig vermitteln, dass hier ein Paar unterwegs ist, dessen gemeinsamer Neuanfang gerade ziemlich spektakulär entgleist.

Gerade Llobell bekommt dabei Gelegenheit, mehr zu tun, als lediglich vor dem Monster wegzulaufen. Scipio bildet dazu einen passenden Gegenpart, während Melissa Leo als bekanntestes Gesicht der weiteren Besetzung zusätzliche Präsenz mitbringt. Das eigentliche Zugpferd bleibt allerdings der Passenger selbst. Je weniger klar ist, wann und wo er wieder auftaucht, desto besser funktioniert die Bedrohung.

„Passenger“ fährt eine bekannte Strecke – aber nachts

Wer regelmäßig Horrorfilme schaut, wird in „Passenger“ einiges wiedererkennen. Der Film erfindet weder den dämonischen Verfolger noch das Prinzip einer Bedrohung neu, der man scheinbar nicht entkommen kann. Øvredal weiß allerdings, wie er aus Dunkelheit, begrenztem Raum und der ständigen Erwartung des nächsten Angriffs Spannung ziehen kann.

Vor allem die Kombination aus Van-Life und übernatürlichem Horror gibt „Passenger“ seinen eigenen Charakter. Die große Stärke liegt weniger darin, das Genre komplett auf links zu drehen, sondern in der simplen Vorstellung, dass Weiterfahren irgendwann keine Lösung mehr ist. Und vielleicht ist das für einen Horror-Roadmovie ohnehin das schönste Kompliment. Denn nach „Passenger“ wirkt der einsame Rastplatz um drei Uhr morgens noch ein kleines bisschen weniger einladend.

Wer also Lust auf einen wirklich spannenden und atmosphärischen Horrorfilm hat, ist mit „Passenger“ bestes bedient und zwar ab sofort im Heimkino auf Blu-ray und DVD.

„Passenger“ (LEONINE) – VÖ: 11. Sep 26