Ein Video melden, weiterscrollen und wenige Sekunden später ist längst der nächste Clip auf dem Bildschirm. Was danach mit dem gemeldeten Inhalt passiert, darüber dürften sich die wenigsten Gedanken machen. Irgendjemand muss schließlich entscheiden, was auf einer Plattform bleiben darf und was besser ganz schnell aus dem Netz verschwindet.

Genau diese Menschen stellt „American Sweatshop“ ins Zentrum. Lili Reinhart tauscht dafür den Teenie-Kosmos von „Riverdale“ gegen einen Arbeitsplatz, an dem Gewalt, Hass und andere Abgründe des Internets zum normalen Tagesgeschäft gehören. Regie führte Uta Briesewitz, die nach zahlreichen US-Serien mit „American Sweatshop“ ihr Spielfilmdebüt vorlegt. Nun ist der Thriller auch auf DVD und Blu-ray fürs Heimkino erhältlich.

Acht Stunden Internet-Hölle, fünf Tage die Woche

Daisy (Lili Reinhart) arbeitet als Content-Moderatorin. Gemeinsam mit ihren Kollegen sitzt sie vor Monitoren und prüft gemeldete Beiträge. Bleibt ein Video online oder wird es gelöscht? Eine Entscheidung, die möglichst schnell getroffen werden muss, denn der nächste digitale Abgrund wartet bereits.

Dass ein solcher Job nicht einfach nach Feierabend im Büro bleibt, macht „American Sweatshop“ ziemlich schnell deutlich. Daisy ist von dem täglichen Strom verstörender Bilder längst gezeichnet und zunehmend abgestumpft. Dann landet ein Video auf ihrem Bildschirm, das selbst sie nicht mehr abschütteln kann. Daisy glaubt, darin ein reales Verbrechen gesehen zu haben.

Ihre Chefin Joy (Christiane Paul) sieht keinen Anlass, daraus einen größeren Fall zu machen, und auch bei den Behörden stößt Daisy auf wenig Interesse. Also beginnt sie selbst nach Antworten zu suchen. Je stärker sie sich in den Fall verbeißt, desto weiter entfernt sie sich von der vermeintlichen Sicherheit ihres Arbeitsplatzes.

Der Horror bleibt auf der anderen Seite des Monitors

Eine der interessanteren Entscheidungen von „American Sweatshop“ ist dabei ausgerechnet das, was der Film nicht zeigt. Briesewitz könnte die Arbeit der Moderatoren problemlos als Einladung für möglichst drastische Bilder benutzen. Stattdessen bleibt vieles außerhalb unseres Blickfelds. Manchmal reichen Titel, Geräusche oder kurze Ausschnitte. Entscheidend sind ohnehin die Menschen vor den Monitoren und die Frage, was der permanente Kontakt mit solchen Inhalten mit ihnen macht.

Dadurch wird „American Sweatshop“ unangenehm, ohne sein Thema für billigen Voyeurismus auszuschlachten. Das ist auch deshalb spannend, weil Content-Moderatoren normalerweise genau dann unsichtbar werden, wenn sie ihren Job erledigt haben. Wir sehen den problematischen Beitrag nicht mehr und damit auch nicht den Menschen, der ihn vorher ansehen und bewerten musste. „American Sweatshop“ dreht diese Perspektive um und bleibt konsequent bei denen, die beruflich dorthin schauen müssen, wo der Rest von uns möglichst schnell wegklickt.

Lili Reinhart muss hier nichts schönreden

Dass dieses Konzept funktioniert, liegt zu einem großen Teil an Lili Reinhart. Daisy ist keine klassische Thriller-Heldin, die plötzlich zur Internetdetektivin mutiert und jedem anderen zwei Schritte voraus ist. Sie wirkt müde, abgestumpft und zunehmend besessen von der Vorstellung, dass hinter dem Video tatsächlich ein Verbrechen steckt. Reinhart spielt diese Entwicklung angenehm zurückgenommen. Gerade weil Daisy ihre Belastung nicht permanent in großen emotionalen Szenen nach außen trägt, bekommen die Momente mehr Gewicht, in denen ihre Fassade doch Risse zeigt.

Wer Reinhart hauptsächlich mit „Riverdale“ verbindet, bekommt hier jedenfalls eine deutlich andere Seite von ihr zu sehen. Dazu kommen unter anderem Daniela Melchior, Joel Fry und Christiane Paul, der Film bleibt jedoch eng an Daisy. Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Je tiefer sie sich in ihre Suche hineinsteigert, desto stärker hängt auch der gesamte Thriller daran, ob man bereit ist, ihr auf diesem Weg zu folgen.

Scrollen wir eigentlich noch oder stumpfen wir schon ab?

Denn „American Sweatshop“ ist am interessantesten, wenn er gar kein klassischer Cyberthriller sein will. Die Suche nach dem Ursprung des Videos liefert zwar den Story-Motor, spannender ist aber die Welt drumherum. Menschen sitzen jeden Tag vor dem Schlimmsten, was andere Menschen ins Internet stellen, während gleichzeitig Quoten, Regeln und Arbeitsabläufe eingehalten werden müssen.

Nicht jede Idee wird dabei bis zum Ende ausgeschöpft. Gerade wenn „American Sweatshop“ stärker in Richtung Mystery und Thriller abbiegt, verliert die Geschichte etwas von der Wucht ihres eigentlichen Themas. Daisys Arbeitsplatz und die psychischen Folgen der Content-Moderation sind letztlich spannender als manches, was ihre Ermittlungen hervorbringen.

Vielleicht liegt genau darin aber auch die unangenehmste Seite des Films. „American Sweatshop“ braucht kein erfundenes digitales Schreckgespenst, um unheimlich zu werden. Die Vorstellung, dass irgendwo Menschen sitzen und acht Stunden am Tag genau das wegklicken, was wir selbst lieber niemals sehen möchten, reicht vollkommen aus. Und beim nächsten beherzten Klick auf „Melden“ denkt man vielleicht zumindest für einen Moment darüber nach, wer sich das jetzt eigentlich ansehen muss.

„American Sweatshop“ (Plaion Pictures) – VÖ: 03. Sep 26