Acht Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Vor allem für eine Band wie Marmozets, die früher oft so klang, als würden ihre Songs jederzeit komplett auseinanderfliegen. Nach „Knowing What You Know Now“ von 2018 wurde es ruhig um die Band aus Yorkshire. Wirklich ruhig. Während andere Gruppen nach jeder kleinen Pause sofort irgendein großes Comeback ankündigen, verschwanden Marmozets einfach erstmal aus dem Blickfeld.

In der Zwischenzeit kamen Familie, Kinder und normale Jobs dazu. Genau deshalb fühlt sich „CO.WAR.DICE.“ jetzt aber auch nicht wie irgendein kalkuliertes Reunion-Album an. Denn das hier ist keine vorsichtige Rückkehr und schon gar kein nostalgisches Wiederaufwärmen alter Stärken. Marmozets klingen eher so, als hätten sie acht Jahre lang Anlauf genommen. Die Besetzung hat sich inzwischen verändert. Will Bottomley ist raus, Sam MacIntyre übernimmt den Bass und Jack Bottomley steht jetzt alleine an der Gitarre.

Trotzdem klingt die Band kein bisschen kleiner. Im Gegenteil. „CO.WAR.DICE.“ wirkt fokussierter als alles, was Marmozets bisher gemacht haben. Früher wollten die Songs manchmal gleichzeitig explodieren, stolpern und noch drei Richtungswechsel mitnehmen. Diesmal sitzt das Chaos viel gezielter an den richtigen Stellen. Die hektischen Mathcore-Ausbrüche der Anfangstage sitzen diesmal nicht mehr überall gleichzeitig im Song, sondern genau dort, wo sie gebraucht werden.

Dadurch wirkt das Album größer, direkter und überraschend eingängig, ohne seine Aggressivität zu verlieren. Und dann ist da natürlich Becca Bottomley. Eigentlich war sie immer schon der Grund, warum Marmozets nie wie irgendeine weitere Alternative-Rock-Band geklungen haben. Aber auf „CO.WAR.DICE.“ steht ihre Stimme noch stärker im Mittelpunkt als früher. Die Songs wirken diesmal spürbar stärker um ihre Melodien herum gebaut. Das macht die Platte melodischer, manchmal fast hymnisch, ohne dass die Band plötzlich weichgespült klingt.

Schon der Opener „A Kiss From A Mother“ macht klar, dass die Band keine Lust auf ein vorsichtiges Zurücktasten hat. Der Einstieg klingt erst kurz so, als wäre man in irgendeinem staubigen Italo-Western gelandet, bevor das Schlagzeug den Song plötzlich komplett nach vorne schiebt. Danach kommen kantige Gitarren, roughes Riffing und ein Refrain, der sofort hängen bleibt. Vor allem Becca Bottomley zieht den Song komplett an sich. Man hört sofort wieder, warum ihre Stimme so perfekt zu dieser Band passt.

„New York“ wird danach deutlich chaotischer. Der Song stolpert kontrolliert durch seine Rhythmuswechsel, klingt stellenweise kurz vorm Kollaps und fängt sich trotzdem immer wieder in dicken Hooks. Genau dieses kontrollierte Chaos konnten Marmozets schon immer besser als viele andere Bands aus dieser Ecke. Gleichzeitig klingt „CO.WAR.DICE.“ deutlich luftiger als die Vorgänger. Früher wollten Marmozets manchmal alles gleichzeitig. Hier lassen sie den Songs mehr Platz zum Atmen.

Das hört man besonders bei „Swear I’m Alive“. Der Song startet fast verträumt, zieht sich langsam hoch und explodiert dann doch noch in einem Refrain, der sofort hängen bleibt. „Running With The Sun In Your Eyes“ ist indes super catchy und dann kommt „Dandy“. Wahrscheinlich der Moment, mit dem auf diesem Album am wenigsten zu rechnen war. Nämmlich einer Ballade, nur mit Akustikgitarre und Beccas Stimme. „Like Last Night“ tritt dann wieder Tür ein und klingt wie gemacht für verschwitzte Clubs.

Es folgt einer der Highlights mit „Mes Désirs“. Die Vocals schrauben sich immer weiter nach oben, die Melodie frisst sich fest und spätestens hier merkt man, wie absurd eingängig dieses Album stellenweise geworden ist. Es folgen das zackige „You Want The Truth“ und „Flowerz“, bevor mit „Keep Going Darling“ der Abschluss der Platte naht. Mit über sieben Minuten der längste Song des Albums und gleichzeitig genau der richtige Schluss für diese Platte. Der Track wächst langsam immer weiter, nimmt sich Zeit für seine Spannungsbögen und endet deutlich wärmer, als man es nach vielen anderen Momenten des Albums erwarten würde.

Und genau deshalb ist „CO.WAR.DICE.“ das beste Marmozets-Album geworden. Nicht, weil hier alles größer oder härter klingt als früher. Sondern weil die Band zum ersten Mal komplett verstanden hat, wann sie eskalieren muss und wann eben nicht. Die Platte braucht manchmal zwei, drei Durchläufe, weil viele Songs ihre besten Momente nicht sofort verraten. Aber genau das macht sie so stark. Marmozets klingen hier nicht wie eine Band, die einfach zurück ist. Sondern wie eine Band, die endlich genau da angekommen ist, wo sie immer hinwollte.

Marmozets „CO.WAR.DICE.“ – Nettwerk (H'Art) – VÖ: 22. Mai. 26

Tracklist: 01. A Kiss From A Mother // 02. New York // 03. Cut Back // 04. Swear I'm Alive // 05. Running With The Sun In Your Eyes // 06. Dandy // 07. Like Last Night // 08. Mes Désirs // 09. You Want The Truth // 10. Flowerz // 11. Keep Going Darling