Manchmal dauert es ein Weilchen, bis eine Band wirklich zu sich findet. Nicht weil es vorher schlecht war, sondern weil manche Dinge einfach Zeit brauchen. Die Rede ist von Black Veil Brides mit „Vindicate, dem siebten Studioalbum, das nun über Spinefarm Records veröffentlicht wurde. Hier liefert die Band aus Cincinnati ihren bisher überzeugendsten Beweis dafür, dass sie mehr können, als viele ihnen je zugetraut haben.
Was dieses Album sofort von seinen Vorgängern unterscheidet ist die Produktion. Diese lag diesmal komplett in den Händen von Gitarrist Jake Pitts und Frontmann Andy Biersack. Kein externer Mastermind, der die Band in eine bestimmte Richtung drückt. Dazu hat Mix-Spezialist Zakk Cervini dem Ganzen einen Sound verpasst, der druckvoll, klar und fokussiert ist. Und das ohne dabei die theatralische DNA der Band zu opfern. Das Ergebnis klingt ehrlicher und direkter als alles, was Black Veil Brides bisher veröffentlicht haben.
Thematisch stark, musikalisch stärker
„Vindicate“ ist kein Album, das man einfach nebenbei hört. Es dreht sich um Glauben, Rache und die Frage, was beides mit einem Menschen macht und wie man am Ende trotzdem weitergeht. Das klingt zunächst schwer, aber die Band schafft es, diese Themen in Songs zu verpacken, die direkt ins Ohr gehen. Der Einstieg mit „Invocation To The Muse“ macht sofort klar, wohin die Reise geht. Orgelklänge, eine getragene Sprechstimme, Spannung pur.
Dann kommt der Titeltrack wie ein Schlag in den Nacken mit modernem Metal, der auf Hardrock trifft. Das Stück ist eine Aufforderung, sich nichts gefallen zu lassen, Schmerz als Antrieb zu begreifen statt als Bremse. Wer Black Veil Brides kennt, weiß, dass dieses Thema kein Zufall ist. Andy Biersack hat seine Fans immer dazu ermutigt, für sich einzustehen und auf „Vindicate“ klingt das überzeugender denn je.
Die Songs, die man nicht vergisst
„Hallelujah“ ist einer der Momente auf diesem Album, über die man noch lange redet. Der Song nimmt echten Schmerz und verwandelt ihn in etwas, das sich nach Befreiung anfühlt. Der Refrain ist gebaut, um gemeinsam gesungen zu werden. Ja, live wird das ein Gänsehautmoment. Ähnliches gilt für „Bleeders“, das düster und drückend daherkommt und sich mit gesellschaftlichem Druck auseinandersetzt. Dass Black Veil Brides diesen Track bereits 2024 auf einer EP veröffentlicht hatten und er trotzdem perfekt ins Albumkonzept passt, spricht übrigens für sich.
Das absolute Highlight ist aber der Song „Cut“. Ein Duett mit Lilith Czar, besser bekannt als Juliet Simms. Die beiden Stimmen harmonieren auf eine Art, die man nicht erwartet, aber sofort liebt. Der Song beginnt ruhig, baut sich auf und endet auf eine Weise, die noch eine Weile im Kopf bleibt. Wer es lieber härter mag, findet in „Alive“ und „Revenger“ das Richtige. Ersterer brennt von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Dies mit Riffs, die sitzen, und ein Gesang, der zwischen Aggression und großer Melodie hin und her wechselt. „Revenger“ bekommt dazu noch Unterstützung von Robb Flynn, dem Frontmann von Machine Head, dessen markante Vocals dem ohnehin schon tempo- und technikbetonten Track noch einmal einen extra Schub geben.
Andy Biersack in Bestform
Es wäre unfair, dieses Album zu besprechen, ohne auf Biersack als Sänger einzugehen. Auf „Vindicate“ liefert er die vielleicht variationsreichste Performance seiner Karriere ab. Klare, melodische Passagen wechseln sich mit harten Growls ab. Am deutlichsten zu hören auf „Sorrow“, das sich von einer experimentellen Stimmung in einen massiven Breakdown entlädt. Biersack zeigt hier, dass er stimmlich nicht mehr in eine Schublade zu stecken ist.
Der Schluss von „Vindicate“ ist so, wie gute Alben enden sollten. Nämlich mit einem Echo. Nach dem treibenden „Ave Maria“ und dem hymnischen „Woe & Pain“ schließt das Album mit „Eschaton“ ab. Ein kurzes, aber bewegendes Stück für Piano und Streicher, das kaum zwei Minuten dauert und trotzdem das Gewicht des gesamten Albums trägt. Es ist ein ruhiger Abschluss für ein Album voller Wucht und Emotion.
„Vindicate“ ist der Moment, in dem Black Veil Brides beweisen, dass sie nicht von der Vergangenheit leben. Das Album hat Biss, Tiefe und einen Sound, der nach großen Bühnen verlangt. Natürlich ist nicht jeder Song eine Offenbarung, und wer nach dem fünften Track merkt, dass gewisse Strukturen sich ähneln, liegt nicht ganz falsch. Aber das ändert nichts daran, dass „Vindicate“ als Gesamtwerk mehr Kraft hat als alles, was Black Veil Brides zuletzt gemacht haben. Für langjährige Fans ist dieses Album eine Bestätigung. Für alle anderen ist es ein guter Einstieg in eine Band, die mehr zu sagen hat als ihr Äußeres manchmal vermuten lässt.
Black Veil Brides „Vindicate“ (Spinefarm Records) – VÖ: 8. Mai. 26
Tracklist: 01 Invocation To The Muse // 02 Vindicate // 03 Certainty // 04 Bleeders // 05 Hallelujah // 06 Cut (feat. Lilith Czar) // 07 Alive // 08 Purgatory // 09 Revenger (feat. Machine Head) // 10 Sorrow // 11 Grace (Interlude) // 12 Ave Maria // 13 Woe & Pain // 14 Eschaton
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