Manche Bands haben einfach eine Qualität, die sich schwer in Worte fassen lässt. Man hört die ersten Töne und weiß sofort, um wen es sich handelt. Draconian aus Schweden sind so eine Band. Seit über 30 Jahren schrauben sie an ihrem ganz eigenen Sound, Gothic Doom Metal, der nicht einfach nur düster klingt, sondern sich anfühlt wie ein langer Abend, an dem man sich bewusst mit dem Schmerz anfreundet. Mit ihrem mittlerweile achten Studioalbum „In Somnolent Ruin“ melden sie sich nun eindrucksvoll zurück.
Und das Timing passt, denn zuletzt erschien 2020 mit „Under A Godless Veil“ ein Album, das einen tief in die Schwärze zog und so gut wie keinen Ausweg ließ. Ein gutes Album, keine Frage. Aber eines, das kaum Luft zum Atmen ließ. Auf „In Somnolent Ruin“ klingen Draconian merklich anders. Nicht softer, nicht zahmer, aber irgendwie tiefer geerdet, reifer, und vor allem, wieder vollständig.
Sie waren nie wirklich weg
Der entscheidende Faktor dürfte vielen Fans bereits bekannt sein. Lisa Johansson, die langjährige Sängerin der Band, ist nach einigen Jahren Abwesenheit zurückgekehrt. Während ihrer Auszeit teilte sich Anders Jacobsson das Mikrofon mit Heike Langhans, die ihren eigenen, unverwechselbaren Beitrag zur Band leistete. Aber Lisas Rückkehr gibt „In Somnolent Ruin“ eine Qualität zurück, die man vielleicht erst dann richtig vermisst hatte, als man sie wieder hört.
Schon der Opener „I Welcome Thy Arrow“ macht das deutlich. Der Track beginnt ruhig, Lisas Stimme trägt den Song in seinen ersten Minuten fast alleine, behutsam und eindringlich zugleich. Dann schiebt sich der Rest der Band rein, die Gitarren nehmen Fahrt auf, und Anders Jacobssons tiefe Growls setzen einen harten Kontrapunkt. Das Zusammenspiel zwischen den beiden Vocals ist schlicht eine der größten Stärken dieser Band, und hier funktioniert es so gut wie selten zuvor.
Wo das Album richtig zündet
Was „In Somnolent Ruin“ von vielen Genrevertretern unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der Draconian ihre Stimmungen aufbauen und wieder auflösen. „The Monochrome Blade“ ist ein gutes Beispiel dafür. Ein wuchtiger, bedrohlicher Track, bei dem die Gitarrenarbeit von Johan Ericson und Niklas Nord die Atmosphäre trägt. Lisas Gesang bleibt dabei zurückgenommen, fast sehnsüchtig. Ja, ein herrlicher Kontrast, der dem Song genau die Spannung gibt, die er braucht.
Besonders stark gerät das Feature „Anima“ mit Gastsänger Daniel Änghede. Gemeinsam mit Lisa entsteht hier eine emotionale Intensität, die den Track zu einem echten Höhepunkt des Albums macht. Die Gitarren halten sich zunächst zurück, bevor das Stück im letzten Drittel noch einmal aufbaut und härter wird. Wenn Anders dann im finalen Refrain mit einsteigt, ist das einer dieser Momente, für die man diese Art von Musik hört.
„Cold Heavens“ gehört indes zu den dynamischeren Tracks des Albums. Textlich dreht sich hier alles um das Verhältnis zwischen Leben und Tod, und die Band findet dabei keine billigen Antworten. Das macht den Song ernster, als er auf den ersten Blick klingt. Den stärksten Eindruck hinterlässt jedoch „Misanthrope River“. Der Track nimmt sich Zeit, entfaltet sich langsam, und baut eine Atmosphäre auf, die einfach hängenbleibt. Wer sich fragt, warum diese Band seit Jahrzehnten zu den besten im Genre zählt, bekommt hier eine sehr klare Antwort.
Klingt so, wie es sich anfühlen soll
Für die Produktion war hauptsächlich Gitarrist Johan Ericson verantwortlich, und er hat seine Arbeit gut gemacht. Das Album klingt groß, die schweren Parts haben Gewicht, die ruhigeren Passagen behalten Raum und Luft. Auf „Asteria Beneath The Tranquil Sea“ zeigt sich das besonders schön. „In Somnolent Ruin“ ist alles in allem keine Neuerfindung, und das soll es auch gar nicht sein. Draconian wissen, was sie können, und dieses Album ist ein Beweis dafür, dass sie es nach wie vor besser können als die meisten anderen.
Die Rückkehr von Lisa Johansson gibt der Band eine Dimension zurück, die gefehlt hat, und das Songwriting ist so stark wie lange nicht. Wer die Band kennt, weiß ohnehin, was ihn erwartet und wird nicht enttäuscht werden. Und wer Draconian noch nicht kennt, nun, „In Somnolent Ruin“ ist ein sehr guter Ausgangspunkt. Einfach mal einen ruhigen Abend nehmen, Kopfhörer auf, und die Musik machen lassen.
Draconian „In Somnolent Ruin“ (Napalm Records) – VÖ: 8. Mai. 26
Tracklist: 01. I Welcome Thy Arrow // 02. The Monochrome Blade // 03. Anima // 04. The Face Of God // 05. I Gave You Wings // 06. Asteria Beneath The Tranquil Sea // 07. Cold Heavens // 08. Misanthrope River // 09. Lethe
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