Es ist der 10. April 2026, irgendwo zwischen Mitternacht und dem ersten Kaffee am Morgen, als Enter Shikari einfach ein neues Album droppen. Kein Countdown, keine Teaser-Kampagne, keine vorab ausgekoppelten Singles. Einfach da. „Lose Your Self“ heißt das Ding, zwölf Tracks und wer die Band kennt, weiß, dass ist kein Zufall, das ist eine Ansage!

In einer Musiklandschaft, in der Alben oft monatelang durch Einzelsongs, Snippets und Social-Media-Hype vorbereitet werden, stellt sich die Band aus St. Albans einfach quer und sorgt so für eine dicke Überraschung. Dies mit einem Album, das einen belohnt, wenn man sich drauf einlässt!

Vertraut und trotzdem frisch

Drei Jahre nach „A Kiss for the Whole World“, dem bis dato kommerziell erfolgreichsten Studioalbum der Band, hätte man erwarten können, dass Enter Shikari entweder auf Nummer sicher gehen oder aber einen radikalen Richtungswechsel vollziehen. Beides passiert auf dem neuen Dreher nicht. „Lose Your Self“ klingt nach einer Band, die sich selbst noch nicht ausgereizt hat und das nach fast zwei Jahrzehnten im Musik-Business.

Musikalisch bewegt sich das Album in den Bahnen, die Enter Shikari über fast zwei Jahrzehnte ausgebaut haben. Harte Gitarren, elektronische Elemente, Vocals irgendwo zwischen hymnischem Cleangesang und aggressivem Growl und dazwischen immer wieder diese Momente, in denen ein Song kurz innehält, bevor er einen mit voller Wucht trifft.

Was auf „Lose Your Self“ auffällt ist, dass die Platte wesentlich offener wirkt, irgendwie weniger auf Hochglanz gebürstet als das ein oder andere frühere Release. Das Album hat herrliche Ecken und Kanten und das tut dem Ganzen sehr gut. Schon der Titeltrack macht klar, wo die Reise hingeht. Dichter Spoken-Word-Einstieg, dann elektronische Flächen, dann der Refrain, der sich festsetzt.

Klassisches Shikari-Handwerk, aber mit einer Dringlichkeit, die sofort packt. Zusammen mit „Find Out the Hard Way“ legt die Platte ein Fundament, das sowohl neu Hinzugekommene als auch Fans der ersten Stunde abholen dürfte.

Politisch, persönlich, pointiert

Thematisch ist „Lose Your Self“ kein leichtes Album. Verlassenheit, Frustration über den Zustand der Welt, das Gefühl, dass vieles aus den Fugen geraten ist. Ja, das zieht sich durch die Platte. Vocalist und Songwriter Rou Reynolds hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass Enter Shikari mehr sein wollen als Unterhaltung. Auf diesem Album ist das deutlicher denn je.

Aber Reynolds wäre nicht Reynolds, würde er das alles ohne Ausweg stehen lassen. Das Album endet nicht im Nihilismus. Gerade gegen Ende hin schalten Enter Shikari noch einmal einen Gang hoch. „Shipwrecked!“ ist so ein Moment, der vor allem Live explodieren wird und der abschließende Track „Spaceship Earth III. (Maestoso)“ bringt die eigentliche Botschaft auf den Punkt: Hoffnung ist keine Schwäche. Sie ist der Antrieb!

Dass zwischendurch auch Raum für Überraschungen bleibt, zeigt etwa „it's OK“, das für kurze Zeit fast bluesige Töne anschlägt, bevor es in einen Alternative-Rock-Chorus übergeht. Solche Momente verhindern, dass das Album in eine Richtung kippt.

Kurz gesagt: Einfach reinhören!

Wer erst mit den späteren, zugänglicheren Alben zur Band gestoßen ist, bekommt hier alles, was Enter Shikari ausmacht und dann noch etwas drauf. Wer dagegen von Anfang an dabei war und die raueren, ungeschlifteneren Momente vermisst hat, wird ebenfalls fündig. Die Platte schlägt eine Brücke zwischen beiden Welten, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. „Lose Your Self"“ ist kein Album, das sofort alles preisgibt.

Es braucht ein paar Durchläufe, bis es sich vollständig erschließt und genau das ist seine Stärke. Enter Shikari haben hier kein Produkt abgeliefert, sondern ein Werk. Eines, das atmet, das Fragen stellt und das am Ende trotzdem mit einem Funken Optimismus endet. Das ist alles andere als selbstverständlich und genau deshalb lohnt sich der Sprung ins kalte Wasser.

Enter Shikari „Lose Your Self“ (So/Integral) – VÖ: 10. März 2026

Tracklist: 01. Lose Your Self 02. Find Out The Hard Way… 03. Dead In The Water 04. Demons 05. The Flick Of A Switch I. 06. I Can’t Keep My Hands Clean 07. It’s OK 08. The Flick Of A Switch II. 09. Shipwrecked 10. Spaceship Earth I. Avec Abandon 11. Spaceship Earth II. Angoscioso 12. Spaceship Earth III. Maestoso