Vor vier Jahren sollte ein gewisser Ichiban Kasuga das Erbe einer absoluten Videospiellegende antreten – und tat dies entgegen aller Erwartungen mit Bravour. Im Gegensatz zum stoischen Kazuma Kiryu war Ichiban ein absoluter Lebemann, blickte sein Vorgänger noch stets düster drein, zeichnete sich der neue Held nun durch einen fast schon ans Manische grenzenden Optimismus aus – ungewohnt, aber äußerst erfrischend.

Mit Ichiban erfuhr die alteingesessene Traditionsreihe Yakuza außerdem eine Umbenennung in Like a Dragon und – zumindest in Sachen Kampfsystem – sogar einen Genrewechsel. Nun geht Like a Dragon endlich in die zweite Runde und hat neben einem Schwung neuer Figuren auch eine ganze Reihe altbekannter Gesichter im Gepäck.

Die Hauptrolle in dem Action-RPG übernimmt abermals der sympathische Ichiban.

Nachdem das erst kürzlich erschienene und ursprünglich als DLC geplante Like a Dragon Gaiden: The Man Who Erased His Name erzählte, wie es mit Kazuma Kiryu nach seinem letzten großen Auftritt in Yakuza 6 weiterging, verknüpfen die Macher die Erzählstränge der beiden Figuren in Like a Dragon 2: Infinite Wealth nun zu einem gemeinsamen Garn.

Nach den Ereignissen des Vorgängers als „Held von Yokohama“ gefeiert, hat sich Ichiban gemäß des Wunsches seines verstorbenen Vaters – der gleichzeitig ein großer Yakuza-Patriarch war – der Aufgabe verschrieben, ehemaligen Mitgliedern nach der großen Auflösung der kriminellen Clans den Weg in ein normales und ehrliches Leben zu erleichtern.

Um dies zu ermöglichen, hat er einen Job in einer Arbeitsvermittlungsagentur angenommen, wird jedoch alsbald Opfer einer medialen Verschwörung, die ihm seine Stelle und seinen Ruf kostet – und auch in der Liebe läuft es alles andere als rund. Als Ichiban dann aber erfährt, dass seine leibliche Mutter, die er nie kennenlernen konnte, angeblich auf Hawaii leben soll und ihn treffen möchte, entflammt seine Abenteuerlust und kurz darauf sitzt Ichiban bereits im Flieger.

Im Aloha State angekommen, kommt der um große Gesten nie verlegene Bursche aber direkt mit den dort vorherrschenden kriminellen Strukturen in Kontakt und muss alsbald feststellen, dass seine Mutter nicht nur verschwunden ist, sondern gleich mehrere Organisationen nach ihr Suchen.

Ichiban will natürlich herausfinden, weshalb, und macht dazu, was er am besten kann: Kämpfen und Quatschen.

Wer sich in der Reihe ein wenig auskennt, weiß, dass man in Sachen Story so einiges an Sitzfleisch mitbringen muss. Von daher ist es zum Verständnis der Ereignisse von großem Vorteil, wenn man zumindest den direkten Vorgänger bereits gespielt hat, richten sich die kurzen Flashbacks doch eher als Erinnerungshilfe an alte Hasen. Eine Zusammenfassung für Neulinge gibt es leider nicht.

Gespräche und Zwischensequenzen gestalten sich abermals sehr ausufernd und degradieren den Spieler immer wieder minutenlang zum passiven Beobachter. Allerdings sich die Dialoge kompetent geschrieben, meist sehr interessant und häufig sogar reichlich komisch. Die Figuren haben Tiefgang und handeln nach meist nachvollziehbaren und glaubwürdigen Motiven, zeitgemäße Kontroversen werden aufgegriffen, schwere Themen nicht gescheut. Ausgerechnet Ichiban mutet mit seinem schier überirdischen Optimismus zuweilen jedoch an, als wäre er etwas wahnsinnig.

Das spiegelt sich auch im Kampfsystem wieder, wenn sich normale Menschen plötzlich in seltsame Wesen verwandeln.

Im Gegensatz zu der ursprünglichen Reihe, wird in Like a Dragon: Infinite Wealth abermals rundenbasiert gekämpft. Kommt es zu einer Auseinandersetzung, wechselt das Spiel in einen Kampfbildschirm und spiegelt dabei wieder, wie Ichiban die Welt wahrnimmt:

Als großer Fan von Rollenspielen und Fantasy, verwandelt sich ein Bettler im Schlafsack plötzlich in eine Art Lindwurm, der uns mit Kaugummi piesackt, fiese Schläger ohne T-Shirt werden zu werwolfartigen Kreaturen, bösartige Hip-Hopper attackieren uns mit „aggressiven Lines“, eingeölte Urlauber mit Luftmatratzen. Die Gegnerschar kommt auf jeden Fall äußerst abwechslungsreich daher und lässt scheinbar Normales vollkommen absurd erscheinen.

Die eigene Party ist bis zu vier Mitglieder groß, deren Kampfstil vom jeweiligen Job anhängt.

Drischt Ichiban als Held beispielsweise mit seiner Baselballkeule auf Gegner ein, wehrt er sich als Aquanaut wiederum mit einem Surfbrett oder schlägt als Action-Star wie Bruce Lee mit einem Nunchaku zu. Als Hommage an seine Echtzeit-Vergangenheit beherrscht Kazuma wiederum drei Kampfstile mit unterschiedlichen Vorteilen, zwischen denen vor jedem Angriff gewechselt werden kann – dafür kann er in diesem für ihn exklusiven Job keine Waffen nutzen.

Von dieser Ausnahme abgesehen, bringen alle Berufsklassen im Laufe des Spiels den Zugang zu immer mächtigeren Waffen mit sich, die außerdem mit Geld und Ressourcen verbessert werden können.

Elementarmagie reichen. Dass hier eine Autobatterie für einen Blitzangriff kurzgeschlossen wird, oder ein Gegner Wasserschaden nimmt, nachdem er mit Schwamm und Seife ordentlich abgeschrubbt wird, gehört zum stets etwas albernen Unterton des Spiels. Auch herumstehende Fahrräder oder ganze Sessel werden als Waffen zweckentfremdet.

Generell geht es dabei mit Magie- und Trefferpunkten sowie einer Reihe an Charakterwerten recht klassisch zu.

Als modernes Spiel ist es in Like a Dragon 2 jedoch möglich, die jeweils aktive Figur in einem festgelegten Radius frei zu bewegen, um sich für Attacken von hinten oder spezielle Teammanöver taktisch klug zum Gegner zu positionieren. Laufen wir auf einen Feind zu, können wir im Gegensatz zum Vorgänger glücklicherweise nicht mehr von anderen Gegnern aufgehalten werden, wodurch sich die Kämpfe noch eine Spur zackiger spielen.

Das Kampfsystem ist schnell verstanden und nicht allzu komplex. Gerade zu Beginn kommt man auch gut mit seinen Standardmanövern zurecht, wer jedoch so gar keine Lust auf Grinding hat, wird bald an den höheren Leveln der Gegner abprallen. Von daher kommt nach nicht drum herum, sowohl den Charakter- als auch den Joblevel gezielt zu steigern.

Während ersterer die Grundwerte wie Lebenspunkte und Angriff steigert, findet die Progression bei den Jobs vor allem über das Erlernen neuer und mächtigerer Fähigkeiten statt. Da man bereits erworbenen Fähigkeiten auch einer anderen Klasse hinzufügen kann, lohnt es sich, ab und an den Job zu wechseln, um aus den vielen verschiedenen Manövern frei eine ganz eigenen Klasse zu basteln. So kann beispielsweise Ichiban, der in seiner Heldenklasse zunächst nur zuschlägt, später auch mächtige Angriffsmagie erlernen.

Wer auf die im Kern stets recht ähnlich ablaufenden Kämpfe mal keine Lust hat, der aktiviert einfach den praktischen Automodus, bei dem wir in drei Stufen das Verhalten unserer Charaktere festlegen können. Äußerst sinnvoll finden wir auch, dass man schwachen Gegnergruppen in der Open-World mit nur einem Knopfdruck den Garaus machen kann.

Neben den aufwändig inszenierten Zwischensequenzen und den Rundenkämpfen, ist die Open World das dritte große Standbein von Like a Dragon: Infinite Wealth.

Wie in der Reihe üblich, gibt es zwei Orte, die wir frei erkunden können. Neben dem bereits bekannten Yokohama, wagen die Macher mit dem hawaiianischen Honolulu aber erstmals ein Schritt über die japanische Grenze. Serienkenner werden merken, dass sich spielmechanisch dabei kaum etwas geändert hat, das sonnendurchflutete Urlaubssetting ist mit seinen Stränden, Promenaden und der generellen Gute-Laune-Stimmung jedoch eine echte Wohltat nach all den vielen Jahren in dunkeln Gassen und Rotlichtbezirken.

Nun könnte man sich straight von der Story quer durch Honolulu schleifen lassen, dort gibt es nebenbei jedoch so viel zu entdecken und zu tun, dass es wahrlich schwerfällt, sich auf seine eigentliche Aufgabe zu konzentrieren. Das Spiel mutet zuweilen an wie ein Freizeitpark, in dem man gar nicht weiß, was man zuerst machen soll.

Fängt es noch recht harmlos mit einer sozialen App an, über die wir Passanten als Freude gewinnen können, indem wir diese regelmäßig begrüßen und dafür mit hilfreichen Gegenständen belohnt werden, finden wir uns alsbald in zufallsgenerierten Dungeons wieder, versuchen Frauen auf einem Dating-Portal zu einem Treffen zu überreden, liefern auf einen Fahrrad in einem wilden Mini-Spiel Essen aus oder absolvieren in der Straßenbahn eine krude Fotosafari.

Auch stoßen wir auf allerlei kleine und große Nebenquests, die mal banal ausfallen, dann aber auch wieder ernsthafte Töne anschlagen, wenn es etwa darum geht, einer sterbenden Frau den Wunsch zu erfüllen, es ein letztes Mal schneien zu sehen, oder ein Kind von seinem alkoholsüchtigen Vater drangsaliert wird. Meist geht es aber eher locker und mit typisch japanischen Humor zu, der sich westlichen Gemütern nicht unbedingt immer erschließen mag.

Zwei der Nebenbeschäftigungen fallen besonders umfangreich aus: Die Sujimon-Kämpfe und der Aufbau von Dondoku-Island.

Bei ersten handelt es sich um eine Hommage an die Pokemon-Games, nur dass wir hier nicht mit Taschenmonstern antreten, sondern mit (größtenteils) menschlichen Kämpfern, die wir rekrutieren und trainieren können. Manch einer davon kann nach einem Open-World-Kampf über ein schlichtes Minispiel davon überzeugt werden, unserem Team beizutreten, andere gewinnen wir bei speziellen Raids hinzu oder erhalten wir als Belohnung.

Auf dem Weg an die Spitze der Sujimon-Liga müssen wir eine Reihe von Trainern besiegen, um uns für den nächsten Rang zu qualifizieren. Die meisten davon finden wir in den Straßen Hawaiis, fünf davon fungieren als Endgegner im Rahmen einer kleinen Story. Die Kämpfe selbst sind simpel gestrickt und funktionieren nach dem Stein-Schere-Papier-Prinzip, welches hier durch die Elementarzugehörigkeit der Figuren dargestellt wird.

Wir sind rückblickend selbst ein wenig überrascht, wie viel Zeit wir in diese Nebenbeschäftigung gesteckt haben. Die Macher von Like a Dragon: Infinite Wealth verstehen es ganz einfach meisterlich, die Motivationsspirale selbst repetitiver Tätigkeiten durch stetige Progression immer weiter am Laufen zu halten, so dass man als Spieler begeistert am Ball bleibt.

Nicht anders verhält es sich mit dem Dondoku-Island-Abstecher, bei dem es gilt, ein verwahrlostes Ferien-Ressort von Grund auf neu aufzubauen.

Dies beginnt doch tatsächlich damit, dass wir mit einem Baseballschläger Flächen von Müll befreien, Steine zerdeppern und Bäume fällen. Sind die Müllhalden schließlich wieder bebaubar, errichten wir nach und nach ein Urlaubsparadies. Können wir zunächst nur einen Brunnen und eine Bank zimmern, ziehen wir bald ganze Amüsiermeilen hoch und steigern so die Kundenzufriedenheit und den finanziellen Ertrag.

Um auf alle Facetten einzugehen, müssten wir einen eigenen Test nur für dieses „Mini“-Spiel schreiben, weshalb wir uns aus Platzgründen an dieser Stelle darauf beschränken wollen, dass man irre viel Zeit in den Aufbau stecken, die Sache aber auch nur halbherzig zu einem Ende führen oder sogar weitestgehend ignorieren kann – lediglich eine kurze Einführung ist Pflicht.

Ist man Willens, für viele Spielstunden die immer gleichen Abläufe zu absolvieren, wird dies mit einer ordentlichen Menge Geld belohnt, die einem im ungewöhnlich knauserigen Hauptspiel sehr zugutekommt. Allerdings gefiel uns die deutlich zugänglichere und vor allem auch kurzweiligere Wirtschaftssimulation des Vorgängers deutlich besser. Der Aufbau von Dondoku-Island ist weitaus sperriger, nervt mit einer ungenauen Steuerung und lässt ein wenig die urige Dynamik von Ichibans Pralinen-Geschäft vermissen.

Folgt man stumpf der Story, dürfte man das Spiel in gut 50 Stunden absolviert haben, wer sich hingegen Zeit für all die vielen kleinen und großen Geschichten am Wegesrand nimmt, dürfte gut 100 Stunden beschäftigt sein. Das Gesamterlebnis hängt von daher stark von der persönlichen Spielweise ab. Während umtriebige Abenteurer das zum Vorankommen nötige Grinding als solches kaum wahrnehmen dürften, werden hastige Gemüter sich ein uns andere Mal über künstliche gesetzte Level-Grenzen ärgern.

Technisch macht Like a Dragon: Infinite Wealth im Gegensatz zum Vorgänger keinen großen Sprung.

Zwar können die Hauptfiguren mit ausdrucksstarker Mimik punkten, die NPCs fallen hingegen stark ab und könnten auch aus der letzten Konsolengeneration stammen. Negativ fällt zudem auf, dass Levelelemente und auch Passanten sichtbar aufploppen, auf Dondoku-Island ruckelt es zuweilen sogar. Ansonsten ist die Bildrate auf 60 fps festgezurrt, unterschiedliche Grafikoptionen gibt es nicht.

Die beiden Konsolenversionen geben sich optisch nichts, die speziellen Funktionen des DualSense-Controllers der PS5 fielen uns abseits vom Fische fangen und einer kurzen optischen Rückmeldung des LED-Lichts beim Wirken einer Spezialfähigkeit nicht weiter auf.

Schade ist, dass man dem Spiel abermals keine deutsche Tonspur widmen wollte. Gesprochen wird wahlweise lediglich auf Japanisch und Englisch. In beiden Fällen gefallen uns die Sprecher jedoch ausnehmend gut, die deutschen Untertitel entsprechend allerdings oft nicht dem Gesagten und sind dazu auch noch von Fehlern durchzogen.

Ein ganz großes Pfui wollen wir außerdem noch für die unsympathische Entscheidung aussprechen, Käufern der günstigsten Standardversion das New Game+ vorzuenthalten. Derartige Geschäftspraktiken sind eines Ichiban Kasugas einfach nicht würdig.

Fazit:

Like a Dragon: Infinite Wealth zu spielen ist, als würde man mit Kinderaugen durch einen Freizeitpark spazieren und einfach nicht wissen, was man als erstes machen soll. Die Macher des Action-RPGs verstehen es wahrlich meisterlich, selbst an sich repetitive Nebenaufgaben durch stete Progression so motivierend zu gestalten, dass man immer wieder die Zeit vergisst.

Und an Nebenaufgaben mangelt es auf Hawaii und in Yokohama wahrlich nicht: Hinter jeder kleinen Nebenquest kann sich ein neues Minispiel verbergen, als Sujimon-Trainer wollen wir der Allerbeste sein und der Aufbau von Dondoku-Island ist ein Spiel für sich. Da gerät die Hauptgeschichte schon mal zur Nebensache, die abermals sehr ausufernd, dafür aber auch nahezu durchweg spannend und unterhaltsam geschrieben ist.

Besonders gut gefällt uns dabei die tiefe Charakterzeichnung der beiden Haudegen Ichiban und Kazuma, die als Männer in den Vierzigern allmählich von einer sich immer schneller drehenden Welt überholt werden. Neben dem optimistischen Grundton und der typisch japanischen Albernheit schreckt Infinite Wealth nicht davor zurück, sich auch mit ernsten und kontroversen Themen auseinanderzusetzen und stimmt immer mal wieder nachdenklich.

Ein schwieriger Spagat, welcher dank der äußerst sympathischen und nachvollziehbar agierenden Protagonisten allerdings durchweg als gelungen bezeichnet werden kann – gleiches gilt für das sinnvoll verbesserte Rundenkampfsystem und den neuen Schauplatz. Wer Action-Rollenspiele mag, bekommt mit Like a Dragon 2 von daher abermals einen erfrischend andersartigen Vertreter des Genres, der jedoch einige Längen mit sich bringt.

Like a Dragon: Infinite Wealth ist für PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox Series, Xbox One, und Microsoft Windows erhältlich.