Es gibt Filme, bei denen man schon nach wenigen Minuten weiß, dass hier so einiges anders läuft, als man es gewohnt ist. Der Thriller „Strange Darling“ gehört genau in diese Kategorie. Ab sofort darf man sich diesen Thriller der anderen Art als 2-Disc Limited Collector’s Mediabook (UHD + Blu-ray), Blu-ray oder auf DVD ins Heimkino holen. Von den Machern hinter „Late Night with the Devil“ stammt ein Streifen, den man so schnell nicht vergisst.

Regisseur und Autor JT Mollner lässt hierbei einen kurzen, scheinbar unverbindlichen Flirt in eine eskalierende Hetzjagd münden, die keine Gnade kennt. Es ist dieser Moment, wenn eine junge Frau unvermittelt aus dem Dickicht tritt, keuchend und mit weit aufgerissenen Augen, die auf etwas deuten, das im Schatten des Waldes lauert. Sekunden später taucht ihr Verfolger auf. Ein Mann mit einer Waffe, ein Jäger ohne Mitgefühl.

Wer ist hier Täter, wer Opfer, was ist real?

Diese Szene setzt den Ton dieser ungewöhnlichen Mischung aus Suspense und Vintage-Flair, wobei „Strange Darling“ einen buchstäblich aus der Komfortzone reißt. Anstatt einer linear erzählten Geschichte bietet „Strange Darling“ fünf Kapitel, die nicht in der erwarteten Reihenfolge ablaufen. Diese ungewöhnliche Struktur führt dazu, dass sich die Wahrnehmung immer wieder verschiebt. Wer ist hier Täter, wer Opfer, und was ist überhaupt real?

Das Werk vermeidet klare Antworten, lässt im Dunkeln tappen und zwingt einen, die Puzzleteile selbst zusammenzusetzen. Dieses Prinzip erinnert an ein raffiniertes Tarantino-Szenario, in dem Altbekanntes mit neuen Mitteln durchgerüttelt wird. Der Film spielt dabei mit der Erzählweise, aber auch mit optischen Mitteln. So wurde er auf 35-mm-Film gebannt und verströmt so ein authentisches 60er- und 70er-Jahre-Gefühl.

Rau und unbequem

Die Optik ist rau, die Farben satt, alles wirkt ein wenig unbequemer als die sterile Glätte moderner Hochglanzproduktionen. Auch akustisch wird man in eine andere Zeit versetzt: Ein intensiver Soundtrack sorgt für ein brodelndes Spannungsniveau und treibt die beunruhigende Handlung weiter an. Dabei erinnert man sich an Genre-Klassiker wie „The Texas Chainsaw Massacre“ oder den „Halloween“-Originalfilm, deren unverbrauchte Härte hier als stilistische Inspiration dient.

Mittendrin befindet sich Willa Fitzgerald („Der Distelfink“) und Kyle Gallner („Smile – Siehst du es auch?“) die in ihren Rollen wahrlich brillieren. Auch wenn „Strange Darling“ sich wie eine wüste Achterbahnfahrt anfühlt, schimmert hinter all dem Blut und Wahnsinn ein gedankliches Konzept durch. Es ist kein Zufall, dass hier klassische Thriller-Techniken auf den Kopf gestellt werden.

Kein normales Katz-und-Maus-Spiel

So ist beim Plot auch die literarische Technik „Tschechows Gewehr“ zu finden. Also immer dann, wenn man glaubt, die Lage erfasst zu haben, öffnet sich ein neues Kapitel und lässt die bisherigen Annahmen ins Leere laufen. Jede scheinbar zufällige Information kann später an entscheidender Stelle wieder auftauchen und das bereits Gesehene neu beleuchten. In „Strange Darling“ wird die klassische Idee eines Katz-und-Maus-Spiels somit auf links gedreht.

Kein Moment ist sicher, kein Hinweis eindeutig, und selbst der Zufall scheint mit bitterer Absicht gesät. Wer in dieser Geschichte versucht, die üblichen Muster des Genres anzuwenden, läuft Gefahr, sich in einem Labyrinth aus Hinweisen und falschen Versprechen zu verlieren. Wer sich gerne von packenden Twists vereinnahmen lässt, wer düstere Geschichten mit Vintage-Charme liebt und wem ein reiner Adrenalinkick allein nicht genügt, wird bei „Strange Darling“ auf seine Kosten kommen.

Dieser Streifen ist für all jene geeignet, die Lust haben, einen Thriller auf neue Art zu erleben. Ohne verlässlichen Boden unter den Füßen, ohne die gewohnten Schlupflöcher, lädt „Strange Darling“ dazu ein, sich ganz auf sein Spiel einzulassen und sich an den Rand des filmischen Abgrunds führen zu lassen.

„Strange Darling“ (Capelight Pictures) VÖ: 12. Dez. 24