Ein Haus, eine Familie und eine unsichtbare Präsenz, die offenbar jeden Winkel des Gebäudes kennt. Eigentlich sind das die klassischen Zutaten für einen Haunted-House-Horrorfilm. Doch was Regisseur Steven Soderbergh daraus macht, hat mit gewöhnlichem Geisterspuk erstaunlich wenig zu tun. Mit „Presence“ wagt sich der Oscar-Preisträger auf ungewohntes Terrain und beweist dabei, dass selbst ein vielfach ausgeschöpftes Genre noch für echte Überraschungen gut ist.
Gemeinsam mit Drehbuchautor David Koepp hat er einen ebenso ungewöhnlichen wie beklemmenden Geister-Thriller geschaffen, der vor allem durch seine grandiose Inszenierung begeistert. Für das Heimkino ist „Presence“ nun unter anderem als limitiertes Mediabook mit UHD, Blu-ray und einem 24-seitigen Booklet erschienen. Im Mittelpunkt steht eine Familie, die in ein neues Haus zieht und dort eigentlich einen Neuanfang wagen möchte.
Besonders Tochter Chloe (Callina Liang) hat eine schwere Zeit hinter sich und kämpft noch immer mit dem Tod einer engen Freundin. Ihre Eltern (Lucy Liu, Chris Sullivan) haben derweil mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Was keiner der neuen Bewohner ahnt, ist die Tatsache, dass sie vom ersten Moment an beobachtet werden. Eine geheimnisvolle Präsenz bewegt sich durch das Gebäude, verfolgt Gespräche und interessiert sich zunehmend für Chloe. Doch was genau sie will, bleibt zunächst völlig unklar.
Hier schaut der Geist selbst zu
Der eigentliche Clou von „Presence“ liegt in seiner ungewöhnlichen Erzählweise. Soderbergh zeigt das Geschehen konsequent aus der Perspektive jener unsichtbaren Kraft, die sich im Haus aufhält. Die Kamera wird damit praktisch selbst zum Geist und bewegt sich durch Räume, folgt den Bewohnern oder beobachtet sie aus einiger Entfernung. Das klingt zunächst nach einem interessanten Experiment, entwickelt aber bereits nach wenigen Minuten eine erstaunliche Wirkung.
Denn plötzlich verändert sich die gesamte Wahrnehmung. Während andere Horrorfilme ihre Zuschauer gemeinsam mit den Figuren vor unbekannten Bedrohungen erschrecken lassen, befindet man sich hier gewissermaßen auf der anderen Seite. Man beobachtet die Menschen, bekommt ihre intimsten Momente mit und weiß häufig mehr als sie selbst. Gleichzeitig bleibt die eigentliche Natur der Präsenz lange ein Rätsel. Das erzeugt eine ungewöhnliche Form der Spannung, die nicht auf billige Schockeffekte angewiesen ist.
Besonders beeindruckend ist dabei die Kameraarbeit. Soderbergh nutzt jede noch so kleine Bewegung, um der körperlosen Präsenz eine eigene Persönlichkeit zu verleihen. Mal gleitet der Blick ruhig und beinahe neugierig durch das Haus, dann sorgen plötzliche Richtungswechsel für ein Gefühl von Unruhe oder Bedrohung. Selbst kleinste Bewegungen können Emotionen vermitteln, obwohl die eigentliche Hauptfigur niemals zu sehen ist. Diese Konsequenz in der Inszenierung ist schlicht großartig und macht „Presence“ zu einem außergewöhnlichen Filmerlebnis.
Ein Haus voller unausgesprochener Probleme
Doch „Presence“ hat wesentlich mehr zu bieten als seine clevere Kameraperspektive. David Koepps Drehbuch nimmt sich ausreichend Zeit, um die Familie und ihre schwierigen Beziehungen untereinander vorzustellen. Hinter der scheinbar normalen Fassade brodelt es gewaltig. Gerade Chloe wirkt zunehmend verletzlich, während die übrigen Familienmitglieder auf unterschiedliche Weise mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sind. Die übernatürliche Präsenz wird dabei zum stillen Beobachter einer Familie, in der längst nicht alles so harmonisch läuft, wie es zunächst scheint.
Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt auch an der überzeugenden Besetzung. Lucy Liu und Chris Sullivan liefern starke Leistungen ab, während vor allem Callina Liang als Chloe nachhaltig Eindruck hinterlässt. Die Charaktere wirken glaubwürdig und vor allem ihre Konflikte bekommen genügend Raum. Dadurch entsteht eine emotionale Verbindung, die für den weiteren Verlauf der Story entscheidend ist. Man möchte nicht nur herausfinden, was sich in diesem Haus verbirgt, sondern interessiert sich zunehmend auch für das Schicksal seiner Bewohner.
Soderbergh versteht es außerdem hervorragend, die Spannung langsam zu steigern. Statt alle paar Minuten einen neuen Schock aus dem Hut zu zaubern, setzt „Presence“ auf eine durchgehend unangenehme Atmosphäre. Oft passiert auf den ersten Blick überhaupt nichts Außergewöhnliches und trotzdem liegt eine spürbare Anspannung über den Szenen. Das Haus wird dabei zum zentralen Schauplatz, dessen Räume mit zunehmender Laufzeit immer vertrauter und gleichzeitig unheimlicher erscheinen.
Grandios emotionales Finale
Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass hinter den Beobachtungen der geheimnisvollen Präsenz mehr steckt als gewöhnlicher Spuk. Soderbergh und Koepp setzen die einzelnen Puzzleteile geschickt zusammen und lassen die Geschichte zunehmend bedrohlicher werden. Dabei verliert der Film nie seine ruhige und kontrollierte Erzählweise. Gerade deshalb treffen die entscheidenden Entwicklungen umso härter.
Besonders das Finale hat es in sich. Ohne zu viel verraten zu wollen, wartet „Presence“ mit einer überraschenden Wendung auf, die dem bisherigen Geschehen noch einmal eine ganz andere Bedeutung verleiht. Das ist nicht einfach ein Twist, der lediglich für einen kurzen Schreckmoment sorgen soll. Vielmehr fügt sich die Auflösung hervorragend in die Geschichte ein und sorgt dafür, dass man anschließend einige Szenen mit völlig anderen Augen betrachtet.
Genau solche Momente bleiben auch nach dem Abspann noch eine ganze Weile im Kopf. Dabei ist „Presence“ nicht ein Film, der vorrangig Angst erzeugen möchte. Zwischen den unheimlichen Beobachtungen und der stetig wachsenden Bedrohung steckt eine überraschend emotionale Geschichte.
So frisch kann Geisterhorror sein
Letzten Ende gelingt Steven Soderbergh mit „Presence“ ein kleines Kunststück. Er nimmt eine vertraute Horroridee, verändert einen einzigen entscheidenden Blickwinkel und erschafft daraus einen Film, der sich erstaunlich erfrischend anfühlt. Die konsequent durchgehaltene Perspektive der unsichtbaren Präsenz ist dabei weit mehr als ein netter Einfall. Sie bestimmt die gesamte Inszenierung und sorgt gemeinsam mit der hervorragenden Kameraarbeit für eine Atmosphäre, die man in dieser Form nur selten erlebt.
Wer bei Haunted-House-Horror vor allem auf möglichst viele Jump-Scares und laute Schockmomente wartet, dürfte hier etwas anderes bekommen als erwartet. Wer dagegen ungewöhnliche Genreideen, schleichende Spannung und einen Film mit emotionalem Gewicht zu schätzen weiß, sollte sich „Presence“ unbedingt ansehen. „Presence“ gehört jedenfalls zu den stärksten Genrebeiträgen des Jahres und ist ein echter Geheimtipp für Horrorfreunde, die gerne einmal etwas Anderes sehen möchten.
:quality(90))