„Nürnberg“ gehört zu jenen Filmen, die eine Geschichte nicht einfach nacherzählen, sondern versuchen, sie zu verstehen. Statt den bekannten Weg über staubtrockene Gerichtssaalszenen zu gehen, wählt Regisseur James Vanderbilt einen deutlich persönlicheren Zugang zum Thema. Das Historiendrama ist nun fürs Heimkino auf DVD und Blu-ray erschienen.

Grundlage der Handlung bildet das Sachbuch „The Nazi and the Psychiatrist“ von Jack El-Hai, was dem Stoff von Anfang an ein solides Fundament verschafft. Erzählt wird von den Nürnberger Prozessen der Jahre 1945 bis 1949, allerdings nicht aus dem Blickwinkel der Anklagebänke, sondern aus dem der Gefängniszellen. Genau dieser Perspektivwechsel macht „Nürnberg“ zu etwas anderem als die üblichen Historiendramen zum Thema.

Ein Duell auf Augenhöhe

Rami Malek spielt den amerikanischen Militärpsychiater Douglas Kelley, der den Auftrag bekommt, die geistige Verfassung der inhaftierten NS-Führung zu begutachten. Sein Gegenüber ist Hermann Göring, gespielt von Russell Crowe in einer Rolle, die mit seinem bisherigen Image so gar nichts gemein hat. Was zwischen den beiden entsteht, ist kein simples Verhör, sondern ein psychologisches Kräftemessen mit wechselnden Vorteilen.

Göring gibt sich lange kontrolliert und selbstsicher, lässt sich nicht einfach aus der Reserve locken und behält seine Fäden meist selbst in der Hand. Kelley wiederum muss lernen, geduldig zu sein und sich mit kleinen Gesten Vertrauen zu erarbeiten, ohne dabei seine eigentliche Mission aus den Augen zu verlieren. Diese fein austarierte Beziehung ist es, die den Film über weite Strecken trägt und ihm seine besondere Spannung verleiht.

Namen über Namen, ohne dass es zu viel wird

Vanderbilt hat sich für seinen Film einen Cast zusammengestellt, der sich sehen lassen kann. Michael Shannon gibt den US-Chefankläger Robert H. Jackson, Richard E. Grant übernimmt die Rolle des britischen Anklägers David Maxwell Fyfe. Für zusätzliche Authentizität sorgt John Slattery als Gefängniskommandant Burton C. Andrus, dessen strenge Präsenz man ihm nach seiner „Mad Men“-Rolle kaum zugetraut hätte.

Colin Hanks, Leo Woodall und Lotte Verbeek komplettieren die Besetzung. Bei einer derart prominenten Besetzung wäre es leicht gewesen, die Geschichte zu überladen. Vanderbilt gelingt es aber, jeder Figur ihren Platz zu geben, ohne den roten Faden zwischen Kelley und Göring zu verlieren. Im Unterschied zu älteren Verfilmungen des Themas, die häufig mit erfundenen Figuren arbeiteten, bleibt „Nürnberg“ konsequent bei den tatsächlichen historischen Personen.

Cleverer Bruch mit dem Erzählfluss

Diese Entscheidung hat einen Preis, denn immer wieder blendet der Film Originalaufnahmen aus den befreiten Lagern ein, die keinerlei fiktionale Distanz zulassen. Solche Szenen brechen bewusst mit dem Erzählfluss und holen einen zurück in die reale Tragweite des Geschehens. Statt sich in juristischen Details zu verlieren, konzentriert sich das Drehbuch fast durchgehend auf die Dialoge zwischen Psychiater und Angeklagtem. Dadurch bekommt „Nürnberg“ über weite Strecken etwas fast Intimes, obwohl das Thema alles andere als klein ist.

Wer auf große Plädoyer-Reden gehofft hat, wird überrascht sein, wie viel Raum stattdessen den leisen Zwischentönen eingeräumt wird. Wer dem Film die ersten ruhigeren Minuten zugesteht, wird mit einer Geschichte belohnt, die zunehmend an Spannung gewinnt. Crowe zeigt dabei eine der intensivsten Leistungen seiner Karriere und macht Görings kalte Selbstsicherheit fast unheimlich greifbar. Malek hält hier als moralisches Gegengewicht mit.

Für die Kinolänge mussten zwangsläufig einige historische Nebenstränge gestrichen werden, was aus heutiger Sicht durchaus bedauerlich ist. Am Gesamteindruck ändert das aber wenig, weil das eigentliche Herzstück, das Ringen zwischen Kelley und Göring, jederzeit im Fokus bleibt. Für alle, die sich für Kriegsgeschichte abseits von Schlachtfeldern interessieren, öffnet „Nürnberg“ einen ungewöhnlichen Zugang zum Thema.

Anspruchsvolles Historiendrama

Alles in allem überzeugt „Nürnberg“ als düsteres und packendes Historiendramen mit echtem Tiefgang. Wer sich für Machtstrukturen, Psychologie und die Frage nach persönlicher Verantwortung interessiert, bekommt hier reichlich Stoff zum Nachdenken mitgeliefert. Einfache Antworten liefert „Nürnberg“ bewusst nicht, und genau deshalb bleibt er lange im Kopf. Für Fans anspruchsvoller Historiendramen ist „Nürnberg“ daher eine klare Empfehlung.

„Nürnberg“ (Weltkino / LEONINE) – VÖ: 21. Aug 26