Manchmal beginnt ein großer Filmklassiker mit einer denkbar unspektakulären Ausgangslage. Ein Geschäftsmann aus gutem Hause verschwindet, seine Familie bittet einen befreundeten Ermittler um Hilfe, und die einzige Spur ist ein Callgirl, das eigentlich nichts mit der Sache zu tun haben will. Aus diesem Ausgangspunkt entwickelt Alan J. Pakula einen der einflussreichsten amerikanischen Genrefilme der frühen Siebziger. Die Rede ist vom Klassiker „Klute“, der mehr als fünfzig Jahre nach seiner US-Premiere, erstmals mit deutscher Tonspur auf Blu-ray erhältlich ist. Dies sogar als schön aufgemachtes Mediabook fürs Heimkinoregal.

Zwei Figuren, die einander eigentlich meiden wollen

Alles beginnt in „Klute“ mit Bree Daniels die in New York lebt. Sie arbeitet als Callgirl und will vor allem in Ruhe gelassen werden. John Klute kommt aus der Provinz, ist als Ermittler in der Großstadt fehl am Platz und braucht trotzdem ihre Hilfe, um dem verschwundenen Tom Gruneman auf die Spur zu kommen. Was als widerwillige Zusammenarbeit beginnt, wird zu etwas Komplizierterem, sobald klar wird, dass Bree selbst beobachtet wird und offenbar in Gefahr schwebt.

„Klute“ verrät hierbei relativ früh, wer hinter den Vorfällen steckt. Als klassischer Whodunit funktioniert „Klute“ also nicht. Stattdessen interessiert sich Pakula für das, was zwischen zwei einsamen Menschen entsteht, wenn sie gezwungen sind, sich aufeinander zu verlassen. Das trägt den Film maßgeblich über seine Figurenzeichnung. Donald Sutherland spielt seinen Klute mit einer schüchternen, fast linkischen Zurückhaltung, die gut zu einem Mann passt, der spürbar nicht in seine Umgebung gehört.

Ein Film, der seinem Publikum etwas zutraut

Jane Fonda dagegen bekommt die komplexere Rolle. Denn Bree wirkt beruflich abgeklärt und selbstbewusst, kämpft aber sichtbar mit sich selbst, was der Film unter anderem in ihren Gesprächen mit einer Therapeutin offenlegt. Für diese Darstellung gab es 1972 den Oscar, und die Leistung ist bis heute beeindruckend.

Erzählerisch verzichtet Pakula auf einen geradlinigen Aufbau. Informationen werden häppchenweise vergeben, Szenen brechen ab, bevor sie sich vollständig erklären, und wiederkehrende Motive, so etwa Tonbandaufnahmen, die im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle spielen, tauchen zunächst ohne Kontext auf. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer Geschichte belohnt, die ihre Spannung nicht aus Action, sondern aus einem stetig wachsenden Gefühl der Bedrohung zieht.

Blickwinkel & paranoide Grundstimmung

Visuell setzt „Klute“ das fort, was die Erzählweise andeutet. Heißt, die Figuren werden im breiten Bildformat oft an den Rand gedrängt, durch Türrahmen oder Fensterausschnitte betrachtet, oder aus einer Distanz gefilmt, die sie klein und angreifbar wirken lässt. Immer wieder bleibt unklar, aus wessen Blickwinkel eine Einstellung eigentlich gefilmt ist. Eine Unsicherheit, die sich direkt überträgt und dem Film seine paranoide Grundstimmung verleiht.

Es ist genau diese Machart, mit der Pakula wenig später zu einem der prägendsten Regisseure des politischen Thrillers wurde, mit Filmen, die dasselbe Gefühl von Beobachtetwerden und Misstrauen gegenüber Institutionen weitertrugen. Bei „Klute“ ist davon noch weniger die große Politik betroffen als vielmehr zwei einzelne Menschen, was den Film in mancher Hinsicht sogar persönlicher macht als seine Nachfolger.

Intelligent inszeniertes Genrekino

Für Fans von langsam brennendem, intelligent inszeniertem Genrekino ist die neue Mediabook-Edition daher eine klare Empfehlung. „Klute“ verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern und einer Inszenierung, die auch mehr als fünfzig Jahre später nichts an Wirkung eingebüßt hat. Dass dieser Kult-Klassiker hierzulande so lange auf eine deutsche Blu-ray-Fassung warten musste, war also längst überfällig zu korrigieren.

„Klute“ Mediabook, Blu-ray+DVD (Plaion Pictures) - VÖ: 23. Jul 26