Die letzte Folge ist gelaufen. Der Abspann der finalen Staffel war für viele ein emotionales aber auch nostalgisches Ende, denn „Stranger Things“ hat seit 2016 eine ganze Generation durch ihre Teenagerjahre begleitet, durch Prüfungszeiten, durch Lockdowns, durch alles Mögliche. Und jetzt ist es einfach vorbei. Oder doch nicht?
Wer noch nicht weiß, dass es zur Netflix-Hit-Serie eine Reihe offizieller Comics bei Panini gibt, hat sich bisher einiges entgehen lassen. Und wer es weiß, aber noch gezögert hat, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen. Denn gerade nach dem Serienfinale bekommen diese Bände noch mal eine ganz andere Qualität. Sie halten das Universum nämlich am Leben, ohne es zu zertreten. Was die „Stranger Things“-Comics so angenehm macht, ist ihre Haltung zur Serie.
Sie drängen sich nicht auf, erklären nicht alles bis ins Detail und versuchen auch nicht, die großen Momente der Handlung nochmal aufzuwärmen. Stattdessen schauen sie zur Seite. Was passiert in Hawkins, während die Hauptgeschichte läuft? Was ist vorher passiert? Was erleben die Lieblingscharaktere aber auch Figuren, die in der Serie nur am Rand vorkommen? Diese Fragen sind der Antrieb, und das merkt man den Bänden an. Drum wollen wir allen Fans und Interessierten mal einen kleinen Einblick geben, was euch in den „Stranger Things“-Comics unter anderem so erwartet.
Will, Francine und die dunkle Seite von Hawkins
Dabei fangen die Comics ganz unterschiedlich an. Manche tauchen tief in die Psychologie einzelner Figuren ein, andere setzen eher auf klassisches Abenteuer-Feeling mit ordentlich Tempo. Wer die erste Staffel der Serie gesehen hat und sich gefragt hat, wie Will die Zeit auf der anderen Seite tatsächlich erlebt hat, also all die Stunden, die in der Serie nur durch Andeutungen und Joyce' verzweifelte Wanderung durch die Wohnung greifbar wurden, der bekommt in „Stranger Things 1 – Die andere Seite“ endlich eine Antwort.
Der Band folgt Will durch das Upside Down, dieses verfallene Spiegelbild von Hawkins, und zeigt ihn nicht als passives Opfer, sondern als jemanden, der kämpft, improvisiert und verzweifelt nach Wegen sucht, sich bemerkbar zu machen. Was dabei entsteht, ist weniger Horrorshow als eine Art einsame Survival-Geschichte, die erstaunlich viel Gefühl entwickelt. Und die ist nichts für schwache Nerven, trifft aber genau den Ton, den man sich wünscht.
Noch etwas weiter zurück in der Zeitlinie bewegt sich „Stranger Things 2 – Sechs“, das offizielle Prequel zur ersten Staffel. Hier steht nicht Will im Mittelpunkt, sondern Francine, eine junge Frau mit übernatürlichen Fähigkeiten, die als Testperson im Hawkins National Laboratory landet. Also lange bevor Eleven überhaupt auftaucht. Der Band zeigt das Labor von innen, zeigt Brenner in seiner ganzen kalten Entschlossenheit und erzählt dabei eine Geschichte, die eigenständig funktioniert, aber das Universum der Serie auf eine Art vertieft, die man so nicht erwartet hätte. Wer sich immer gefragt hat, wie dieser ganze Apparat überhaupt entstanden ist, bekommt hier zumindest einen Teil der Antwort.
Dustin, Schläger und ein Schatz im Schnee
Natürlich ist die Reihe immer dann stark, wenn sie Figuren in den Vordergrund rückt, die zu wahren Fanlieblingen geworden sind. Dustin zum Beispiel. Er ist in der Serie der Charakter, der fast immer für die richtigen Momente sorgt, der mit seiner Art einfach funktioniert und „Stranger Things 4 – Das Camp" widmet sich der Geschichte, wie er im Wissenschafts-Sommercamp seine große Liebe Suzie kennenlernt. Klingt harmloser als es ist, denn natürlich bleibt es nicht bei Lagerfeuer und Forschungsprojekten.
Was sich da im Wald abspielt, hat durchaus Horror-Qualitäten, und Dustin darf zeigen, dass er eben doch mehr ist als nur der Witzbold der Clique. Für alle, die Dustin in der Serie besonders ins Herz geschlossen haben, ist dieser Band fast schon Pflicht. Ganz andere Perspektiven liefert indes der Comic „Stranger Things – Der Rowdy“. Hier stehen keine Helden im Mittelpunkt, sondern ausgerechnet die Schulschläger Troy und James. Also genau die, die Mike, Lucas und Dustin in der ersten Staffel das Leben schwergemacht haben, bis Eleven ihnen gezeigt hat, wo die Grenzen sind.
Was diese beiden antreibt, als sie dem Geheimnis des mysteriösen Mädchens auf die Spur kommen wollen, ist anfangs reine Neugier und Überheblichkeit. Dass sie dabei auf Demo-Hunde stoßen, hätten sie sich wohl anders vorgestellt. Der Band läuft parallel zur zweiten Staffel und ist eine dieser Geschichten, die zeigen, wie viel in Hawkins gleichzeitig passiert, ohne dass die Hauptfiguren davon ahnen.
Ähnlich funktioniert „Stranger Things 5 – Die Gruft von Ybwen“. Ein Band, der sich Bob „Superhero“ Newby widmet. Einer Figur, deren Tod in der zweiten Staffel allen Fans wirklich wehgetan hat. Hier wird sein Vermächtnis auf eine unerwartete Weise lebendig gehalten: Will findet eine alte Schatzkarte, die Bob hinterlassen hat, und macht sich mit seinen Freunden auf die Suche. Das klingt nach Kinderfilm, fühlt sich aber nach echtem „Stranger Things“ an. Und zwar mit allem, was dazu gehört.
Es ist einer dieser Bände, bei dem man merkt, dass die Macher verstehen, warum die Serie funktioniert. Es geht nicht um die Monster. Es geht um die Menschen, die sie umgeben, und um das, was sie hinterlassen.
Hawkins, Hohe See und der Kalte Krieg
Wer etwas Anderes ausprobieren möchte, findet in „Stranger Things 8 – Geschichten aus Hawkins“ eine willkommene Abwechslung. Statt einer durchgehenden Handlung versammelt der Band mehrere kürzere Storys aus verschiedenen Ecken der Stadt. Den Auftakt machen zwei Jäger, die im Herbst 1983 in den Wald gehen und in einer Situation landen, aus der sie sich lieber herausgehalten hätten. Das Format passt gut zur Serie, die ja selbst immer wieder gezeigt hat, dass Hawkins ein Ort ist, an dem hinter jeder Fassade etwas lauert. Wer gerne in kurzen, knackigen Geschichten schmökert, ist hier richtig.
Wer eher auf die größeren Zusammenhänge steht, kommt mit „Stranger Things 6 – Kamchatka“ auf seine Kosten, dem Prequel zur vierten Staffel der Serie. Die sowjetischen Handlungsstränge der Serie haben viele Fans überrascht, aber was davor passiert ist, blieb weitgehend offen. Dieser Band füllt genau diese Lücke. Im Mittelpunkt steht ein russischer Wissenschaftler, der in ein Geheimprojekt hineingezogen wird, das ihn weit über das hinausführt, womit er gerechnet hätte. Was seine Familie unternimmt, um ihn zurückzubekommen, trägt den Band und gibt ihm eine emotionale Grundlage, die man in einem solchen Prequel nicht unbedingt erwartet.
Passend dazu spinnt „Stranger Things 9“ diesen Faden auf eine völlig andere Weise weiter. Eine sowjetische Wissenschaftlerin will einen Demogorgon auf dem Seeweg transportieren – und ein Frachterkapitän, dessen Geschäfte alles andere als gut laufen, willigt auf den zweifelhaften Deal ein. Was dann auf hoher See passiert, als ein Besatzungsmitglied zerfleischt wird und ein Sturm aufzieht, entwickelt sich zu einem Kammerspiel, das man so im Stranger Things Universum noch nicht gesehen hat. Isoliert, eingesperrt, kein Entkommen – der Band beweist, dass das Franchise auch in völlig neuen Settings funktioniert.
Eddie Munson und die Würfel des Schicksals
Und dann ist da noch Eddie Munson. Wer nach Staffel vier nicht mindestens eine Woche gebraucht hat, um über seinen Heldentod hinwegzukommen, lügt sich in die Tasche. Dass es einen Comic-Band gibt, der ausschließlich ihm gewidmet ist, ist fast schon eine Wiedergutmachung. „Stranger Things and Dungeons & Dragons – Hellfire Forever“ zeigt Eddies Anfänge als Dungeon Master, wie der Hellfire Club zu dem wurde, was er war, und wie er Lucas, Mike und Dustin für sein Spiel begeistert hat.
Dabei geht es nicht nur um D&D als Hobby, sondern darum, was es für diese Außenseiter bedeutet hat. Nämlich eine Gemeinschaft, eine Sprache, ein Ort, an dem sie einfach sie selbst sein konnten. Dungeons & Dragons war in der Serie immer mehr als ein Spiel, und „Hellfire Forever“ versteht das und feiert es entsprechend. Wer Eddie mochte, wird diesen Band lieben. Wer ihn vermisst, findet hier zumindest einen kleinen Trost.
Für alle, die Hawkins noch nicht loslassen wollen
Was alle Bände verbindet, ist eine durchgehend gute Verarbeitung. Die Paperback-Ausgaben sind stabil, die Seiten fühlen sich nicht billig an und die Zeichnungen kommen nicht nur gut rüber, sie sind ein echter Grund, die Bände in die Hand zu nehmen. Die Panels sind farblich stark, die Atmosphäre stimmt von der ersten bis zur letzten Seite, und wer die Serie kennt, wird sofort spüren, dass hier jemand verstanden hat, was Stranger Things ausmacht. Die Texte und Bilder greifen dabei angenehm ineinander, weshalb man durchgehend ein rundes Lesegefühl verspürt.
Was die Comics außerdem gut hinbekommen, ist diese ganz eigene Mystery-Atmosphäre, die durch die starken Illustrationen entsteht. Die Panels rund um die Hawkins-Figuren haben eine Qualität, bei der man gerne verweilt, bevor man weiterliest. Und die Storys selbst? Kurzweilig, manchmal unheimlich, immer fesselnd, also genau das richtige Gesamtpaket. Für alle „Stranger Things“-Fans sind diese Comics also keine Frage. Wer die Serie liebt, wird hier bekommen, was er sucht. Nämlich mehr Zeit in Hawkins, mehr von den Figuren, mehr von dieser ganz eigenen Mischung aus 80er-Jahre-Nostalgie, Freundschaft und Mystery-Horror.
Und wer die Serie nie gesehen hat? Auch kein Problem. Die Bände stehen für sich, brauchen keine Vorkenntnisse und funktionieren als eigenständige Geschichten. Manchmal ist das eben auch der beste Einstieg in ein Universum – nicht durch die Haupttür, sondern durch den Seiteneingang.
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