Nachdem Skullcandy mit dem Push 720 Open erst kürzlich Neuland in Sachen Open-Ear-Kopfhörer betreten hat, will es die US-amerikanische Audio-Lifestyle-Marke nun endgültig wissen und steigt in den Ring der Premium-Kopfhörer. Anstatt für den ersten Auftritt in der ersten Liga nun aber irgendein neues Design ins Rennen zu schicken, besinnt man sich in Park City, Utah, alter Tugenden.
Mit dem Aviator 900 ANC legt Skullcandy nämlich einen Klassiker aus dem Jahr 2010 neu auf, der als Design-Statement für viele Jahre zum Aushängeschild der Marke Skullcandy avancierte und das Image nachhaltig prägte. Und im – nach wie vor – sehr lebendigen Sortiment des Herstellers aufzufallen, ist schon eine Kunst.

Skullcandy wollte mit dem ursprünglichen Aviator ein Lifestyle-Produkt etablieren, das optisch aus der Masse hervorsticht, aber gleichzeitig qualitativ höher angesiedelt ist als die typischen, sehr bunten Modelle der Marke. Im Prinzip passt diese Aussage auch auf den neuen Aviator 900 ANC, nur dass dieser in technischer Hinsicht selbst im zeitlichen Kontext deutlich mehr unter der Haube hat.
Adaptive Geräuschunterdrückung, Bluetooth 5.3, THX Spatial Audio mit Head Tracking, Trageerkennung – moderne High-End-Technik trifft hier auf Retro-Chic, welches an das Design klassischer Pilotenbrillen angelehnt ist. Gut zu erkennen ist das an den tropfenförmigen Ohrmuscheln, die aktuelle Inkarnation setzt allerdings auf eine weichere Linienführung. Zum Standard wird indes das unverschämt stylische transparente Gehäuse, das seinerzeit nur bestimmten Designversionen vorbehalten war.
Nun sieht man dahinter nicht wirklich die Technik, vielmehr dienen die abgedunkelten Flächen als eine Art Schaufenster auf eine weitere Designbühne, auf welcher Skullcandy sein ikonisches Logo und umlaufende Schriftzüge präsentiert. Das sieht schon recht edel aus.

Auch der Rest der Konstruktion zitiert Elemente aus der Luftfahrt. So erinnern die eleganten Metallbügel zur Größenverstellung sicherlich nicht zufällig an alte David Clark-Flugheadsets. Und auch die Kabel, welche für die Übertragung der Audio-, Steuer- und Stromsignale zwischen den Ohrmuscheln sorgen, setzt Skullcandy als bewusstes Retro-Detail erneut offen und diesmal spiralförmig in Szene.
Der Premium-Retro-Look setzt sich nach oben hin fort, wo eine Verkleidung in Wildlederoptik den Kopfbügel aufwertet. Auf der Unterseite sorgt eine umlaufende Polsterung mit glattem Kunstlederüberzug für bequemen Sitz, gleiches findet sich bei den Ohrmuscheln wieder.
Die ausschließlich physischen Bedienelemente befinden sich an den unteren Rückseiten der beiden Gondeln. Rechts sitzt unter dem rotgeränderten Power-Button ein Mini-Joystick mit konkaver Fingerauflage für die Medienbedienung. Als weiteres Vintage-Statement thront oben zudem noch ein monochromer LCD-Bildschirm, der wohl an die Instrumente in einem Cockpit erinnern soll.

Bewusst klein gehalten dient dieser in erster Linie der Industrial-Ästhetik, da sich der Nutzen der rudimentären Segmentanzeige in Grenzen hält. Der Bildschirm aktiviert sich automatisch, wenn man etwa den EQ-Modus ändert, den Akku lädt oder die Wiedergabe pausiert, zeigt kurz die jeweiligen Symbole an und erlischt dann direkt wieder. Sehen tut man davon freilich nichts, wenn man den Kopfhörer trägt. Dass uns beim Einstecken des Ladekabels der Akkustand angezeigt wird, ist aber immerhin ganz praktisch. Tatsächlich fänden wir es ganz stilvoll, wenn es eine Option gäbe, den Bildschirm dauerhaft eingeschaltet zu lassen – cool sieht es ja schon aus –, eine solche gibt es aber nicht.
An der linken Ohrmuschel sitzen außerdem noch ein gerändeltes Daumenrad, über welches der ANC-Modus gewechselt wird. Ein über die App frei belegbarer Custom-Button schließt den Bedienreigen ab. Unten findet sich ferner ein Eingang für das mitgelieferte 3,5-mm-Klinkenkabel, an der gleichen Stelle rechts steckt man das ebenfalls im Lieferumfang enthaltene USB-C-Ladekabel an.
Und wo wir gerade dabei sind: Der Aviator 900 ANC bringt es bei deaktivierter Geräuschunterdrückung auf satte 60 Stunden Laufzeit. Das ist schon amtlich. Mit ANC sind es immer noch zwischen 40 und 50 Stunden, je nach eingestellter Intensität und Lautstärke. Und sollte es dennoch mal knapp werden, stehen nach zehn Minuten Schnellladezeit wieder vier Stunden auf der Uhr. Passiv über das Klinkenkabel betreiben lässt sich der Kopfhörer in Ermangelung eines analogen Signalwegs jedoch nicht.

Platz finden der faltbare Kopfhörer und die Kabel in einer robust wirkenden und mit weichem Futter ausgekleideten Stofftasche, die man sich mit dem Trageriemen über die Schulter hängen oder auch als Bauchtasche tragen kann. Ob man die Tasche schick findet, ist natürlich Geschmackssache. Wertig ist sie aber allemal und vor allem auch wesentlich alltagstauglicher als die unpraktisch klobigen Hardcases anderer Premium-Headsets.
Mit den erwähnten Knöpfen, dem Rad und dem Joystick setzt der Aviator 900 ANC komplett auf eine haptische Bedienung. Touch-Elemente spart sich Skullcandy, was die Steuerung dank gut zu erfühlender Tasten sehr direkt und zuverlässig macht – mal abgesehen davon, dass alles andere mit Blick auf die Designsprache ohnehin deplatziert gewirkt hätte.
Ohnehin sind wir Fans von Mini-Joysticks, die gleich mehrere relevante Befehle unter einen Hut bringen. Ein Druck nach oben macht die Musik lauter, einer nach unten leiser. Nach rechts geht es einen Track voran, nach links einen zurück. Ein kurzer Druck pausiert, zweimal drücken aktiviert den Smartphone-Assistenten, gedrückt halten beendet oder lehnt einen Anruf ab. Da gibt es keine Missverständnisse.

Der Custom-Button links dient werkseitig dem Durchschalten zwischen den Soundprofilen (einmal drücken), de/aktiviert das Head-Tracking (zweimal drücken) und gibt und Zugriff auf das Spotify Tap-Feature, um direkt zum Musikstreamer zu wechseln (dreimal drücken). Hält man ihn eine Sekunde gedrückt, schaltet man zudem den über Mimi personalisierten Sound hinzu oder aus. Diese Belegung ist nicht fix und kann in der App angepasst werden, so dass wir den Aviator 900 ANC beispielsweise zur Fernbedienung umfunktionieren, um auf Knopfdruck etwa ein Foto zu schießen.
Etwas unschlüssig sind wir indes, was wir von dem ANC-Rad halten sollen. Dieses hat eine begrenzte Laufweite. Drehen wir nach oben, gehen wir in den ANC-Modus, nach unten wechseln wir in den Transparenz-Modus. Genau in der Mitte befindet sich ein spürbarer Nullpunkt, welcher beide Features deaktiviert. Das funktioniert zwar grundsätzlich okay, auch wenn man manchmal an dem Nullpunkt vorbeidreht, wirkt jedoch etwas aufgesetzt. Ein Schiebeschalter hätte es sicherlich auch getan und wäre dabei auch noch besser zu bedienen gewesen. Schade von daher, dass man nicht auch das Rad frei belegen kann, um darüber etwa die Lautstärke stufenlos zu regeln.
Nun können wir direkt am Gerät zwar alle Funktionen ansteuern, ins Detail geht es aber nur über die App. Hier schalten wir das räumliche Audio über THX und das Head-Tracking nicht nur ein- und aus, wir wählen sogar den virtuellen Abstand zum Lautsprecher. Auch in Sachen ANC und Transparenzmodus justieren wir über Schieberegler die Intensität, wechseln zwischen aktiv und adaptiv, regeln die Sprachverstärkung bei Anrufen und wechseln bei Bedarf in den Niedrig-Latenz-Modus.

Stets gern gesehen ist die Trageerkennung, die Musik automatisch pausiert, wenn wir den Kopfhörer abnehmen und wieder startet, wenn wir ihn wieder aufsetzen, die Multipoint-Steuerung für die Verbindung mit mehreren Geräten und natürlich der Equalizer.
Über ein Kreismenü anwählbar, stehen die vier Presets „Bass Boost“, „Movie“, „Podcast“ und „Music“ zur Auswahl. Wer gerne selbst Hand anlegt, wechselt indes in den Custom-Modus, über den wir Zugriff auf den Equalizer bekommen, um uns unseren Wunschsound zusammenzuschieben. Fünf Frequenzbänder sind nun nicht unbedingt üppig, aber ausreichend.
Schön auch, dass wir den Aviator 900 ANC über die Mimi-Hörsoftware unserem individuellen Hörvermögen anpassen können. Mittels eines kurzen Tests wird der Status Quo analysiert und die Klangwiedergabe automatisch angepasst, um verlorene Frequenzen zu verstärken und einen klareren und detaillierteren Sound zu ermöglichen. Von daher ist der Effekt je nach Hörvermögen mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Wir persönlich haben das Feature standardmäßig aktiviert, da es tatsächlich eine hörbare Steigerung der akustischen Qualität mit sich bringt. Probiert es unbedingt aus!

Obwohl der Aviator auf den ersten Blick überraschend kompakt erscheint, fühlt er sich aufgesetzt im besten Sinne richtig groß an. Unsere Ohren passen bequem unter die Muscheln, der Anpressdruck ist sehr angenehm austariert. Wenn es sehr warm ist, kann es unter den Kunstlederpolstern auf Dauer jedoch etwas schwitzig werden. Von dem Kopfbügel merkt man dank indes so gut wie gar nichts. So lässt es sich mit einem 332 Gramm schweren Over-Ear aushalten.
Die Anbindung geht dank Google Fast Pair problemlos vonstatten, nach dem Einschalten begrüßt uns zudem die mit Abstand angenehmste Stimme, die uns jemals in einem Kopfhörer begleitete. Vor diesem Hintergrund wird einem erst so richtig bewusst, dass selbst hochdotierte Hersteller auch heute noch mit künstlich wirkenden und teils richtig unangenehm quäkigen Computerstimmen auffahren. Die neue Stimme von Skullcandy klingt hingegen durch ihre natürliche Betonung richtig sympathisch und ziemlich lässig. Großes Kompliment für diese gar nicht mal so kleine Kleinigkeit.
Wenn schon die Setup-Stimme so gut klingt, wie ist dann erst der Sound? Die Antwort: Sehr voluminös, dynamisch und detailliert. Schon in seiner Standardeinstellung lässt der akzentuierte Klang kaum Raum für Kritik. Die 40-mm-Treiber trennen die Frequenzen sauber und liefern eine akustische Bühnenshow, die der Preisklasse des Aviator 900 ANC durchaus gerecht wird.

Skullcandy setzt alleine schon aus Tradition auf einen sehr warmen Sound mit Bass-Fokus, schlägt dabei aber bei weitem nicht so aus, wie etwa mit der hauseigenen Crusher-Reihe. Und wer es brachialer mag, kann ja immer noch in den Bass-Boost-Modus wechseln.
So richtig lustig wird es aber erst, wenn man THX hinzuschaltet und förmlich hört, wie sich die flache 2D-Bühne zu einer raumfüllenden Soundblase aufbläht. Ein Effekt, der sich über den Schieberegler für den Lautsprecherabstand in der App gut nachvollziehen lässt, jedoch auch einen dezent künstlichen und leicht blechernen Nebengeschmack offenbart – je nach Qualität der zugespielten Quelle mal mehr, mal weniger.
Letzterer Punkt spielt auch eine wichtige Rolle beim Headtracking, welches im Sinne der Immersion registriert, wie man seinen Kopf im Raum bewegt, um diese Bewegungen in das Klangbild einzubeziehen. Wenn man seinen Kopf also nach rechts dreht, bleibt die Klangquelle virtuell an ihrem Platz, was dann wirkt, als würdet man sich real zu einer Lautsprecherbox hin- oder wegdrehen. Ein sehr cooler Effekt, der umso besser wirkt, je hochwertiger das Klangformat vorliegt – sucht idealerweise gezielt nach THX Spatial Audio oder auch nach Dolby Atmos.

In Sachen Noise Cancelling macht Skullcandy mit dem Aviator 900 ANC und den dazu verbauten sechs Mikrofonen einen großen Schritt nach vorne. Waren wir mit dem bereits erwähnten Crusher diesbezüglich noch etwas unterwältigt, sorgt das Feature nun für eine deutlich effektivere Lärmreduzierung vor allem bei statischen Geräuschquellen wie Straßenverkehr oder Motorengeräuschen. An die Branchenführer Sony und Bose reicht der Aviator 900 ANC jedoch nicht heran. Es ist gut, aber eben nicht sehr gut.
Etwas weniger angetan sind wir von dem Transparenzmodus, der in der maximalen Einstellung ein Hintergrundrauschen offenbart. In der mittleren Einstellung rauscht es zwar kaum noch, dafür verschwindet aber auch der hörbaren Effekt nahezu komplett. Lasst den Schieberegler also am besten auf Anschlag und schaltet den Wachmodus bei Bedarf einfach nur ein oder aus.
Bonuspunkte gibt es dafür in Sachen Sprachqualität beim Telefonieren. Hier scheint Skullcandy richtig warm geworden zu sein. Denn wie schon zuvor beim Push 720 Open, war unser Gesprächspartner überrascht zu erfahren, dass wir über einen Kopfhörer sprechen. Ein Unterschied zu einem ans Ohr gehaltenen Smartphone ist nicht zu hören. Die „Clear Voice Smart Mic“-Software macht offenbar einen äußerst guten Job.

Mit dem Aviator 900 ANC wagt Skullcandy den Sprung ins Premium-Segment und vereint zu diesem Anlass Retro-Chic mit High-End-Technologie. Die stilsichere Neuauflage des Klassikers aus dem Jahr 2010 setzt dazu auf zeitgemäße Features wie adaptive Geräuschunterdrückung, Bluetooth 5.3, THX Spatial Audio mit Headtracking und satte 60 Stunden Laufzeit.
Das selbstbewusste Design weiß zu gefallen und integriert eine komplett haptische Bedienung mit gut durchdachten Steuerelementen, die benutzerfreundlicher kaum sein könnten. Schade nur, dass der ästhetische Vintage-LCD-Screen mehr optischen Charme als praktischen Nutzen besitzt.
In Sachen Sound spielt der Aviator 900 ANC druckvoll und warm auf. Die Integration von THX Spatial Audio und Headtracking sorgt zudem für ein voluminöses Klangerlebnis, das der Akustik eine hörbar räumliche Ebene verleiht. Bonuspunkte gibt es außerdem für die adaptive Geräuschunterdrückung, die deutlich besser funktioniert als es noch bei vorangegangenen Modellen des Herstellers der Fall war.
Alles in allem überzeugt der Aviator 900 ANC innen wie außen und ist damit ein echtes Statement für alle, die Wert auf gute Klangqualität, hohen Tragekomfort und eine gelungene Mischung aus Stil und Technik legen. Seinen Platz im Premium-Sektor hat sich Skullcandy mit dem Aviator 900 ANC also redlich verdient.
Den Skullcandy Aviator 900 ANC bekommt ihr für 299,99 Euro auf der Webseite des Herstellers.
:quality(90))