Ergonomische Bürostühle im Preisbereich unter 200 Euro sind ein schwieriges Terrain. Viele Modelle versprechen umfangreiche Verstellbarkeit und Langzeitkomfort, sparen jedoch bei Mechanik, Materialqualität oder Stabilität. Der ProtoArc EC200 möchte hier eine Lücke schließen und tritt dazu mit einem vergleichsweise ambitionierten Funktionsumfang an.
Mit Sitztiefenverstellung, in Höhe und Tiefe regulierbarer Lendenstütze, arretierbarer Neigemechanik samt Spannungsanpassung und einer mehrdimensional einstellbaren Kopfstütze bringt der EC200 einen Funktionsumfang mit, der im unteren Preissegment nicht selbstverständlich ist.
Im ausführlichen Praxistest mit täglichen Sitzzeiten zwischen vier und acht Stunden musste der EC200 zeigen, ob er sich als ernstzunehmende ergonomische Lösung im Arbeitsalltag behaupten kann – Spoiler: Er kann.

Design & Verarbeitung
Optisch setzt der ProtoArc EC200 auf eine sachliche und klare Formensprache. Mesh-Rückenlehne und gepolsterte Sitzfläche folgen dem etablierten Ergonomie-Prinzip und wirken ohne künstliche Spielereien auf den ersten Blick funktional und „gesund“.
Die Konstruktion besteht überwiegend aus Kunststoff, ergänzt durch eine fünfarmige Aluminium-Basis und die notwendigen Metallkomponenten in der Mechanik. Der Kunststoffanteil wirkt robust und solide verarbeitet. Spaltmaße sind gleichmäßig, Kanten frei von scharfen Graten oder sichtbaren Fertigungsrückständen. Während unserer Testphase sind uns zudem keinerlei störende Geräusche wie Knarzen oder Klappern aufgefallen – ganz im Gegenteil, laufen doch alle beweglichen Teile auffällig sauber und ruhig.

Mit einem Gewicht von rund 12,5 Kilogramm wirkt der Stuhl weder übermäßig leicht noch besonders massiv. Im aufgebauten Zustand steht er stabil, auch bei stärkerem Zurücklehnen oder seitlicher Gewichtsverlagerung. Die Rückenlehne besteht aus einem Kunststoffrahmen mit eingespanntem Mesh-Gewebe. Das Mesh ist straff verarbeitet und gleichmäßig gespannt.
Die Aluminium-Basis vermittelt einen robusteren Eindruck als einfache Kunststoff-Sternfüße, wie sie bei günstigeren Modellen häufig zum Einsatz kommen. Auch die 60-Millimeter-Rollen sitzen passgenau in den Aufnahmen und laufen im Test gleichmäßig und ohne spürbares Spiel.
Montage
Der EC200 wird zerlegt geliefert. Werkzeug und Ersatzschrauben liegen bei, die Bauteile sind klar gekennzeichnet. Die Anleitung ist übersichtlich bebildert und logisch aufgebaut. Der Aufbau ist mit einer Einzelperson in 15 bis 20 Minuten gestemmt. Probleme bereitete uns lediglich das Anbringen der Kopfstütze, deren Ausrichtung etwas ungewöhnlich anmutet.

Die Passgenauigkeit der Bauteile ist überzeugend, wenn auch nicht perfekt. Beim Zusammenstecken der Basis zeigte eines der Schraublöcher einen leichten, mit ein wenig Kraftaufwand aber überwindbaren Versatz zum Gewinde. Die Schrauben selbst sind mit einer vorapplizierten Gewindesicherung versehen, die ein späteres Lockern durch Bewegung verhindert, beim Festziehen jedoch etwas mehr Schmackes erfordert.
Sitzkomfort und Features
In Sachen Sitzpolsterung setzt ProtoArc auf einen „55D High Resiliency-Schaum“, also einen Schaum mit einer Dichte von 55 kg/m³, der für eine vergleichsweise feste, formstabile Sitzbasis sorgt. Und so wird auch direkt beim ersten Probesitzen deutlich, dass der EC200 nicht auf Schmeicheleien, sondern auf dauerhafte Unterstützung ausgelegt ist – was sich im Alltag zunächst ungewohnt anfühlt, dann aber als als überraschend komfortabel erweist.
Auch nach mehreren Stunden sind kein Durchsitzen oder störende Druckpunkte zu bemängeln. Das Polster bietet ausreichend Nachgiebigkeit für Komfort und verhindert gleichzeitig ein tiefes Einsinken.

Die Sitzfläche bietet ausreichend Platz, sodass der Autor dieser Zeilen seiner Gewohnheit entsprechend im Schneidersitz arbeiten kann. Die Vorderkante ist moderat abgeschrägt, zudem verfügt der EC200 über eine 5-stufig verstellbare Sitztiefe von 33 bis 43 Zentimetern, was eine präzise Anpassung an unterschiedliche Beinlängen erlaubt und die Oberschenkelauflage deutlich verbessert – so man denn anständig sitzt.
Die Mesh-Rückenlehne ist zwar straff gespannt, bietet aber dennoch eine angenehme Elastizität beim Zurücklehnen. Gleichzeitig sorgt das Material für Luftzirkulation, wodurch Wärmestau im Rückenbereich reduziert wird – ein Vorteil gegenüber voll gepolsterten Lehnen, insbesondere bei längeren Sitzzeiten.
Die in der Rückenlehne integrierte Lendenstütze ist sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe verstellbar und bietet klar spürbaren Gegendruck im unteren Rückenbereich. Zur Höhenverstellung schiebt man die Stütze in einem Schienenbereich von gut sechs Zentimetern einfach hoch und runter, zur Tiefeneinstellung dient ein Drehrad, das man mit ein wenig Gelenkigkeit auch gut erreichen kann, wenn man auf dem Stuhl sitzt und nach hinten greift.

Die ergonomisch geformte Rückenlehne selbst arbeitet mit einer Neigemechanik, bei der sich Sitz und Lehne in einem abgestimmten Verhältnis bewegen, sodass die Körperhaltung beim Zurücklehnen ergonomisch geführt bleibt. Der Widerstand ist über einen Drehknauf an der Unterseite der Sitzfläche einstellbar.
Vier Positionen – 90, 105, 120 und 130 Grad – lassen sich arretieren. Zusätzlich kann die Lehne frei beweglich genutzt werden. Der dazugehörige Hebel ragt seitlich unter der Sitzfläche hervor, ist gut zu erreichen und dient außerdem der Höhenverstellung, die sich laut ProtoArc an Personen zwischen 163 und 190 cm Körpergröße richtet.
Sehr lobenswertes Detail: Selbst wenn man den Hebel herauszieht, um die Arretierung zu lösen, schnellt die Lehne nicht nach vorne, sondern bleibt in ihrer Position, bis man sie mit einem leichten Druck nach hinten freigibt. Das wollen wir ab jetzt bei allen Bürostühlen so sehen!

Die 3D-Kopfstütze kommt mit zwei Neigungsgelenken sowie einer separate Tiefenverstellung daher. Dadurch lässt sich sowohl der Winkel als auch der Abstand zum Hinterkopf variieren. In der Praxis funktioniert das grundsätzlich gut, allerdings ist die Mechanik des Kippgelenks im Bereich der Rückenlehnenklammer so schwergängig, dass wir zunächst befürchteten, etwas kaputt zu machen. Ist die passende Position aber erst einmal gefunden, bietet die Kopfstütze eine solide Unterstützung für Hinterkopf und oberen Nackenbereich. Das Mesh-Material entspricht dem der Rückenlehne und sorgt somit auch hier für eine gute Luftzirkulation.
Kleiner Wermutstropfen: Die Armlehnen sind ausschließlich höhenverstellbar (um sieben Zentimeter). Eine Anpassung in Tiefe, Breite oder Drehwinkel fehlt – die deutlichste funktionale Einschränkung des EC200. Die Auflagen sind jedoch großzügig dimensioniert und angenehm gepolstert. Ein Stoffbezug fehlt uns hier nicht, da sich der verwendete Kunststoff geschmeidig und bequem anfühlt.

Langzeiteindruck und Sitzdynamik
In den ersten Tagen fühlte sich das Sitzen auf dem EC200 ungewohnt straff an, fast fordernd. Der Stuhl vermittelt spürbare Spannung und lässt wenig passives Einsinken zu. Im Vergleich zu vielen Stühlen dieser Preisklasse, die häufig weich und nachgiebig ausgelegt sind, verfolgt der EC200 hier also eine deutlich diszipliniertere Charakteristik – ganz im Sinne der Sitzgesundheit.
Diese straffere Abstimmung führt den Körper zunächst in eine aufrechtere Haltung. Das kann im ersten Moment als anstrengend empfunden werden. Besonders in längeren Arbeitsphasen wird deutlich, dass der EC200 keine „Lounging“-Mentalität unterstützt, sondern klar auf ergonomische Stabilität ausgelegt ist.

Nach einigen Tagen relativiert sich dieser Eindruck jedoch spürbar. Mit zunehmender Feinjustierung von Sitztiefe, Lehnenneigung und Lendenstütze entwickelt sich ein deutlich harmonischeres Sitzgefühl. Die anfänglich als streng empfundene Abstimmung weicht einer stabilen, selbstbewussten Sitzposition. Der Körper wird nicht mehr korrigiert, sondern unterstützt.
Der Stoffbezug des Sitzes ist funktional, fällt jedoch etwas gröber aus als bei höherpreisigen Modellen. Das ist kein Komfortproblem im engeren Sinne, aber spürbar. Insgesamt bleibt der Eindruck dennoch durchweg positiv: Dafür, dass sich der EC200 preislich unterhalb der 200-Euro-Marke bewegt, wirkt die Sitzqualität überraschend erwachsen und in Verbindung mit den vielen ergonomischen Anpassungsoptionen überdurchschnittlich kontrolliert.

Fazit
Der ProtoArc EC200 positioniert sich im unteren Preisbereich als überraschend vielseitig ausgestattete ergonomische Lösung. Sitztiefenverstellung, zweifach regulierbare Lendenstütze, eine arretierbare Neigefunktion und eine 3D-Kopfstütze bieten einen Funktionsumfang, der in dieser Klasse keineswegs selbstverständlich ist. Auch Verarbeitung und Standfestigkeit hinterlassen einen sehr wertigen Eindruck.
Im Alltag zeigt sich der EC200 vergleichsweise straff abgestimmt. Er verzichtet auf weich gepolsterten Komfort zugunsten einer klar geführten, aufrechten Sitzhaltung. Das mag zunächst ungewohnt wirken. Auf lange Sicht entsteht jedoch ein stabiles und spürbar bequemes Sitzgefühl, das seine Stärken vor allem im mehrstündigen Einsatz ausspielt.
Kompromisse zeigen sich zwar bei den ausschließlich höhenverstellbaren Armlehnen sowie in Details der Kopfstützenmechanik. Im Gesamtbild präsentiert sich der EC200 jedoch als durchdacht konstruierter Arbeitsstuhl mit überdurchschnittlicher Anpassbarkeit, der spürbare ergonomische Substanz zu einem für diese Ausstattung erfreulich moderaten Preis bietet.
Der ProtoArc EC200 ist über Amazon erhältlich – in Grau für 169,99 Euro, in der schwarzen Farbvariante für 159,99 Euro.
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