Mit Ghost of Tsushima machte Entwickler Sucker Punch der PS4 im Jahr 2020 das wohl schönste Abschiedsgeschenk, das man sich nur wünschen konnte. Das Spiel avancierte zu einem der bis heute beliebtesten Sony-Exklusives überhaupt. Der inhaltlich losgelöste Nachfolger möchte diesen Erfolg nun wiederholen. Ob das gelungen ist, verrät unser Test.
Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass PlayStation-Spieler den Vorgänger nicht kennen, benötigt man dieses Vorwissen für Ghost of Yōtei nicht. Das Action-Adventure spielt mehr als 300 Jahre nach Jin Sakais Kampf gegen die Mongolen und dazu auch noch an einem anderen Ort.

Im Mittelpunkt steht diesmal die Region Ezo, die sich rund um einen imposanten Vulkan namens Mount Yōtei erstreckt und heutzutage als Hokkaidō bekannt ist. Zu Zeiten des frühen Edo-Zeitalters um 1603 begeben wir uns in der neuen Hauptfigur Atsu auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die Yōtei-Sechs – eine skrupellose Gruppe von Kriegern und Mördern, die vor 16 Jahren Atsus Familie ermordete und nun das Land terrorisiert.
Ein narrativ recht dankbares, wenngleich auch reichlich ausgelutschtes Motiv. Der Plot bleibt aber glücklicherweise nicht so platt, wie man zunächst befürchten könnte. Im Laufe der Hauptgeschichte lernen wir eine von Zweifeln geplagte Frau kennen, die mit moralischen Entscheidungen und ihren eigenen Dämonen konfrontiert wird.

Ghost of Yōtei knüpft damit thematisch an den inneren Konflikt aus Ghost of Tsushima an. Während Jin Sakai zwischen Samurai-Ehre und dem „Geist“ schwankte, steht Atsu vor der Entscheidung, ob sie allein ihrem Rachefeldzug folgt oder eine größere Verantwortung für die Region übernimmt. Der Schauplatz Ezo mit seiner Kultur, der indigenen Bevölkerung der Ainu und der rauen Natur bietet dafür einen neuen Rahmen. Rückblenden zur Kindheit und Begegnungen mit Verbündeten verleihen der Hauptfigur zusätzliche Tiefe. Und auch die vermeintlich ruchlosen Yōtei-Sechs sind alles andere als simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen.
Spielmechanisch setzt Ghost of Yōtei auf die bekannten Elemente der offenen Welt mit Schwertkämpfen, Schleicheinsätzen und Erkundung. Nach einem atmosphärisch starken Auftakt steht es uns frei, ob wir der Hauptstory folgen, uns den vielen Nebenaufgaben widmen oder uns einfach nur von der Schönheit der Spielwelt treiben lassen wollen. Ghost of Yōtei lässt sich nämlich nicht dazu herab, die Map plump mit Fragezeichen zu pflastern, sondern triggert unseren Entdeckerdrang durch organisch in die Umgebung eingewobene Orientierungspunkte.

Das können aufsteigende Rauchfahnen in der Ferne sein, ein auffälliger Baum in einer grasbewachsenen Steppe oder auch einfach ein zufälliges Treffen mit einem redefreudigen Fremden, der uns einen Hinweis auf Geheimnisse in der Nähe gibt. Die Hauptgeschichte lässt sich in etwa 25 Stunden abschließen. Mit Nebenmissionen und optionalen Inhalten steigt die Spielzeit auf etwa 46 Stunden, während Komplettisten bis zu 60 Stunden einplanen sollten.
Die Art und Weise, wie natürlich sich die vielen kleinen und großen Geschichten in Ghost of Yōtei aus dem Spielfluss heraus ergeben, hat uns ein wenig an Elden Ring erinnert. Mit Blick auf die gut geschriebenen Dialoge geht Ghost of Yōtei aber noch weit darüber hinaus und ist ein wahrer Meister darin, uns ständig mit allerlei Nebenbeschäftigungen abzulenken.

Auf uns warten Altäre, die nur über eine ausgiebige Klettertour an Steilküsten oder Bergflanken zu erreichen sind und mit Lernpunkten für die diversen Skilltrees belohnen. Die bekannten Kriegersäulen mit neuen Waffenkits sind wieder mit dabei und auch die im Vorgänger oft kritisierten Füchse feiern ein Comeback. Allerdings fallen die Ausflüge mit den Tieren diesmal deutlich seltener und kürzer aus. Wir jagen in Nebenquests neuer Rüstungen nach, zerteilen Bambus, um unser Kontingent an Geistpunkten zu erhöhen, baden in heißen Quellen für mehr Lebensenergie. Neu ist ein seltsames Glücksspiel, besonders viel Spaß machen die ertragreichen Kopfgeldjagden.
Allerdings weiß Ghost of Yōtei bei all seinen Lockangeboten auch, uns immer wieder an unsere Hauptmission zu erinnern. Denn Atsu fragt die vielen Einwohner Ezōs konsequent nach dem Aufenthaltsort der Yōtei-Sechs aus und fügt ihrer stilecht gepinselten Karte stets neue Hinweise hinzu.

Nun ist jedoch nicht jeder zu einer freiwilligen Auskunft bereit, zumal Atsu in der Region steckbrieflich gesucht wird. Und so kommt es alle Nase lang zu Auseinandersetzungen mit Kopfgeldjägern, Söldnern der beeindruckend großen Armee der Yōtei-Sechs und generell jedem, der den Fehler macht, sich mit uns anzulegen.
Atsu hat in den Jahren nach dem Tod ihrer Eltern im Krieg gedient und sich dort Fähigkeiten angeeignet, die ihr 16 Jahre später als Werkzeuge der Vergeltung dienen sollen. Anfangs lediglich mit einem Katana bewaffnet, erhalten wir schon früh einen Bogen und treffen im Laufe der Spielwelt auf mehrere Lehrer, die uns den Umgang mit dem Odachi, der Doppelklinge, dem Kusarigama und dem Speer beibringen.

Im Kampf wechseln wir fließend zwischen den Waffen, die in Ghost of Yōtei die Haltungen ersetzen, derer sich Jin im Vorgänger bediente, um die verschiedenen Waffengattungen zu kontern. Grundsätzlich könnten wir auch stets beim Katana bleiben, mit einer Kettensichel bewaffneten Feinden kommt man mit einem Speer jedoch deutlich effektiver bei, bulligen Kriegern mit dem mannsgroßen Odachi.
Man kann sich das Ganze als eine Art Stein-Schere-Papier-Prinzip vorstellen. Den Wechsel effektiv ins Kampfgeschehen einzubinden, erfordert zunächst etwas Übung, geht dann aber rasch von der Hand und vertieft die wuchtigen und brutalen Kämpfe um eine zusätzliche spannende Ebene. Der Schlüssel zum Sieg ist allerdings das Parieren der gegnerischen Angriffe, was je nach Schwierigkeitsgrad und angelegter Rüstung mal mehr, mal weniger präzises Timing erfordert.

Hat man den Dreh erst einmal heraus und gelernt, auf die farbcodierten Angriffe mit dem richtigen Manöver zu reagieren, zaubert man alsbald beeindruckende Choreografien auf den Bildschirm. Ganze Gegnergruppen ohne einen Gegentreffer zu fällen, ist enorm befriedigend. Auch wenn sich die nicht immer optimale Kamera oft als zusätzlicher Gegner erweist. Der Vorgänger hatte dieses Problem nicht.
Neu ist, dass Gegner uns nun sogar entwaffnen können. Dergestalt ungeschützt müssen wir dann zunächst unsere Klinge wiedererlangen, bevor wir weiterkämpfen können. Aber auch dieses Manöver lässt sich kontern. Außerdem verfügen wir über ein Arsenal an Wurfwaffen, von Kunai-Dolchen bis hin zu Bomben, die wir unseren Feinden im Notfall entgegenschleudern. Interessant ist auch die Möglichkeit, die verlorenen Klingen unserer Kontrahenten als oft direkt tödliche Wurfgeschosse zu nutzen.

Werden wir hingegen verletzt, heilen wir uns unter Einsatz unserer Geistpunkte, die wir im Kampf mit erfolgreichen Angriffen und Paraden füllen. Alternativ gönnt sich die Kriegerin kurzerhand einen Krug Sake. Das ist im Notfall durchaus praktisch, führt aber auch zu einer leicht vernebelten Sicht. Witzig: Der leere Krug liegt danach auf dem Feld und kann ebenfalls geworfen werden.
Dies dient praktischerweise auch der Ablenkung, wenn wir ein gegnerisches Lager heimlich auf die Meuchlertour einnehmen möchten. Ähnlich wie ihre Kollegen aus Assassin’s Creed Shadows versteht sich nämlich auch Atsu auf die Kunst der versteckten Attentate, wenngleich dem System in Ghost of Yōtei weit weniger Bedeutung und Tiefe beikommt. Außerdem ist es ohnehin oft sehr viel cooler, sich mit gezogenem Schwert direkt vor das Tor zu stellen und die Söldner herauszufordern.

Eine ganz besondere Erwähnung verdient unser tierischer Begleiter. In einer Notlage kann es passieren, dass uns eine wilde Wölfin zur Hilfe eilt. Diese begleitet uns zwar durch das Spiel, bleibt aber nicht kontinuierlich an unserer Seite, sodass wir keine Kontrolle über ihr Erscheinen haben. Eine schöne Idee, um die ungezähmte Wildheit des Tieres zu unterstreichen. Über einen Skilltree lässt sich ihr Einsatz aber zumindest ausweiten. Punkte dazu verdienen wir über spezielle Nebenmissionen, in denen wir Wolfsjäger zur Strecke bringen.
Ghost of Tsushima ist bekanntlich eines der schönsten Videospiele überhaupt. Dabei steht nicht unbedingt die Technik im Vordergrund, sondern mehr das Design der Spielwelt an sich. Das gilt auch für den Nachfolger, dem diesmal jedoch vom Start weg die Power der PS5 zur Verfügung steht. Die Entwickler nutzen diese aber nicht, um den Vorgänger einfach nur zu kopieren, und setzen für Ghost of Yōtei stattdessen auf eine deutlich kühlere Farbpalette, welche die Umgebung realistischer und geerdeter erscheinen lässt.

Das tut der wilden Schönheit des Landes beileibe keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Schon der Auftakt beim Ritt in die Ebene des Graslandes von Ezo hat uns einen spontanen Szenenapplaus entlockt. Und dabei sollte es nicht bleiben. Im Laufe des Spiels erschließt sich Atsu weitere Regionen, die gefühlt immer wieder einen draufsetzen. Wir durchstreifen ein herbstliches Waldgebiet im Licht der untergehenden Sonne, stapfen durch verträumte Schneegebiete oder blicken von der Klippe eines Berges über die weite Schönheit des Landes. Beim Spielen von Ghost of Yōtei ergeben sich Postkartenmotive förmlich im Sekundentakt.
Dabei wirkt die Umgebung mit ihrer abwechslungsreichen Flora und Fauna derart lebendig, dass wir zuweilen einfach nur spazieren gegangen sind. Immerhin zeigt Ghost of Yōtei endlich einmal, wie ein Spiel aussehen kann, wenn es effektiv für die PS5 Pro optimiert wird. Während auf der Standardkonsole neben den inzwischen üblichen Qualitäts- und Leistungsmodi auch Ray Tracing mit verbesserter Beleuchtung, Schatten und Reflexionen zur Auswahl steht, protzt die Pro-Version mit einem exklusiven Modus, der Ray Tracing bei gleichzeitigen 60 FPS anstrebt.

Im Spiel sind uns dabei nur in Ausnahmefällen kleinere Einbrüche in der Bildrate aufgefallen. Schwerer wiegt dann schon, dass in die Darstellung der NPCs mal wieder weit weniger Arbeit geflossen ist, die mitunter aussehen wie zu Jins Zeiten. Auch der eine oder andere Bug ist uns begegnet, so dass etwa die Münzen des Minispiels unsichtbar und Gewinnen damit unmöglich wurde.
Alles in allem ist Ghost of Yōtei aber ein beeindruckend poliertes und einfach nur wunderschön anzuschauendes Spielerlebnis geworden, das seine Atmosphäre mit einer großartigen Geräuschkulisse und gekonnt eingewobenen Musikstücken in Referenzsphären aufsteigen lässt.

Ghost of Yōtei tritt in große Fußstapfen und schafft es, die hohen Erwartungen mit Bravour zu erfüllen. Der neue Schauplatz Ezo verleiht dem Nachfolger eine eigenständige Note, spielmechanisch erweitert er die Stärken des Erstlings mit unterschiedlichen Waffenklassen um sinnvolle Neuerungen.
Die Geschichte um Atsu mag auf einem klassischen Rachemotiv beruhen, gewinnt aber durch Rückblenden, moralische Entscheidungen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zunehmend an Gewicht. In Verbindung mit dem befriedigenden Kampfsystem, der organisch gestalteten Erkundung und den vielfältigen Nebenaktivitäten entsteht ein enormer Spielsog, der dazu auch noch Postkartenmotive in Serie liefert.
In Sachen Design verfolgt Ghost of Yōtei zwar einen kühleren und realistischeren Ansatz als der Vorgänger, was der wilden Schönheit dieses Spiels aber keinerlei Abbruch tut. Ganz im Gegenteil: Der zweite Teil der Reihe setzt in Verbindung mit der starken Soundkulisse einen atmosphärischen Referenzpunkt und behauptet sich abermals als einer der stärksten Exklusivtitel seiner Generation.
Technisch profitiert das Spiel spürbar von der aktuellen Konsolengeneration, wobei insbesondere die Version für die PS5 Pro die Möglichkeiten eindrucksvoll demonstriert. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Bug sowie die im Kampf nicht immer ideale Kamera.
Ghost of Yōtei ist exklusiv für die PlayStation 5 erhältlich.
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