Alles, was man bislang über „Lee Cronin's The Mummy“ zu wissen glaubte, kann getrost über Bord geworfen werden. Keine Peitsche, keine Schatzkammern, kein augenzwinkerndes Abenteuerkino. Lee Cronin nimmt sich den Stoff und baut daraus etwas komplett Anderes. Nämlich einen waschechten, gruseligen Horrorfilm, der zupackt und nicht mehr loslässt. Nun steht die Blu-ray und DVD auch im fürs Heimkino bereit und wer schon „Evil Dead Rise“ gesehen hat, weiß, dass Cronin keine halben Sachen macht.

Verschwunden, wiedergefunden, verändert

Alles beginnt damit, dass eine Tochter spurlos in der Wüste verschwindet. Acht Jahre lang bleibt nur die Ungewissheit. Doch dann steht sie plötzlich wieder vor der Tür ihrer Familie. Lebendig. Und genau hier dreht der Film die Schraube an. Die Freude über das Wiedersehen hält keine zwei Minuten, dann schleicht sich etwas Falsches in die Szenerie. Cronin lässt seine Charaktere spüren, dass mit dem Mädchen etwas nicht stimmt. Diese Unsicherheit trägt den gesamten ersten Akt und sorgt dafür, dass man als Zuschauer ständig auf der Hut bleibt, lange bevor die ersten wirklich harten Bilder kommen.

Jetzt wird's eklig und zwar richtig

Sobald der Film seine Karten aufdeckt, gibt es kein Zurück mehr. Verweste Körper, kriechendes Ungeziefer, Haut, die sich anfühlt, als würde sie jeden Moment aufplatzen. Ja, Cronin fährt hier ein Register, das man von handelsüblichem Mainstream-Horror nicht gewohnt ist. Da hat die Maske- und Effektabteilung ganze Arbeit geleistet. Man sieht förmlich, dass hier mit echten Materialien statt mit Rechenpower gearbeitet wurde. Genau das macht die Ekelmomente so wirkungsvoll. Kein steriles CGI-Monster, sondern etwas, das aussieht, als könnte es tatsächlich vor einem stehen. Wer auf blutige, kompromisslose Bilder steht, bekommt hier reichlich Futter.

Cronins Handschrift auf die Spitze getrieben

Wer seine früheren Filme kennt, erkennt sofort die Handschrift wieder. Diese klaustrophobische Anspannung innerhalb einer Familie, das Gefühl, dass die eigenen vier Wände plötzlich kein sicherer Ort mehr sind. Nur geht Cronin hier noch einen Schritt weiter und lässt der Brutalität deutlich mehr Raum. Die gut zweistündige Laufzeit vergeht wie im Flug, weil der Film sich Zeit für den Aufbau nimmt.

Die Grusel-Schraube dreht sich stetig weiter, nie hektisch, aber unaufhaltsam, bis man merkt, dass man die ganze Zeit die Luft angehalten hat. Ein Horrorfilm steht und fällt oft mit seiner Besetzung, und hier ist genau das der Trumpf. Die Hauptdarstellerin balanciert zwischen Verletzlichkeit und etwas zutiefst Bedrohlichem, ohne dass man ihr je die Künstlichkeit anmerkt. Gerade weil ihre Figur menschlich und greifbar bleibt, treffen die späteren Wendungen so hart. Man will nicht wegsehen, obwohl man genau weiß, dass gleich etwas Übles passiert.

Warum sich dieser Albtraum lohnt

Wer bei „Evil Dead Rise“ mitgezittert hat, findet hier den nächsten Grund zum Nägelkauen. „Lee Cronin's The Mummy“ verzichtet auf billige Jumpscares und setzt stattdessen auf einen Sog, der sich langsam aufbaut und irgendwann kein Entkommen mehr zulässt. Dazu kommt ein emotionaler Unterbau, der dem Ganzen mehr Tiefe verleiht als man bei diesem Titel erwarten würde. Lee Cronin gehört inzwischen zu den Namen, bei denen Horrorfans automatisch hellhörig werden, und mit dieser Neuinterpretation liefert er den nächsten Beweis dafür, warum das zu Recht so ist.

Als Horrorfilm funktioniert das Ganze deshalb so gut, weil hier nichts auf billige Effekthascherei setzt, sondern jede Schockmomente sich einen echten Aufbau verdient hat. Die Mischung aus handgemachtem Grusel, einer bedrückenden Grundstimmung und Figuren, die wirklich etwas zu verlieren haben, ist im aktuellen Genre-Kino selten geworden. Wer harten, atmosphärischen Horror mit Substanz sucht, kommt an „Lee Cronin's The Mummy“ kaum vorbei.

„Lee Cronin's The Mummy“ (Warner Bros. Entertainment) – VÖ: 16. Jul. 26