Es gibt Fortsetzungen, die man sich wünscht, und solche, auf die man eigentlich gar nicht vorbereitet ist. „28 Years Later: The Bone Temple“ gehört zur zweiten Kategorie und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Wer den Vorgänger kannte, wusste bereits, dass hier nicht mit Watte geworfen wird. Doch was Regisseurin Nia DaCosta und Drehbuchautor Alex Garland aus diesem neuen Kapitel gemacht haben, setzt noch einmal eine ganz eigene Note.
Direkt rein, kein Aufwärmen
Die Geschichte knüpft unmittelbar an den Vorgänger an. Dr. Kelson, gespielt von einem in Bestform aufspielenden Ralph Fiennes, gerät in eine Beziehung, die er so nicht kommen sah und die Konsequenzen daraus treffen nicht nur ihn persönlich, sondern destabilisieren das, was von der bekannten Welt noch übrig ist. Parallel dazu erlebt der junge Spike eine Begegnung mit dem undurchsichtigen Jimmy Crystal, die sich schnell als etwas entpuppt, das man lieber im Schlaf erlebt hätte als im Wachleben. Das Virus?
Ja, das ist auch noch da und diesmal in einer neuen, noch gefährlicheren Form. Aber ehrlich gesagt ist das Virus fast schon Nebensache. Denn die eigentliche Frage, die der Film stellt, ist eine, die unter die Haut geht. Was richtet der Mensch an, wenn alle Regeln gefallen sind? „28 Years Later: The Bone Temple“ überzeugt dabei vor allem auch mit der starken Besetzung. Ralph Fiennes trägt diesen Film auf eine Art, die zeigt, warum er zu den besten seines Fachs gehört. Seine Figur ist komplex, nicht eindeutig sympathisch, aber fesselnd bis zur letzten Szene.
Tiefer als er aussieht
Jack O'Connell bringt indes als Jimmy Crystal eine Energie mit, die den Raum ausfüllt, sobald er auftritt und Alfie Williams hält dagegen. Dazu kommen Erin Kellyman und Chi Lewis-Parry. Dann ist da noch die Atmosphäre. Nia DaCosta, die mit „Candyman“ bereits gezeigt hat, dass sie Horror ernst nimmt, inszeniert „The Bone Temple“ mit einer Konsequenz, die sich schon in den ersten Minuten festsetzt. Der Einstieg ist hart, unvermittelt und lässt keine Zeit zum Durchatmen. Wer hofft, der Film nehme sich erstmal eine gemütliche Anlaufphase – Fehlanzeige.
Das Tempo ist von Beginn an gesetzt, und der Film weicht davon auch so gar nicht ab. Was „28 Years Later: The Bone Temple“ von vielen anderen Genre-Fortsetzungen unterscheidet, ist der ernsthafte Umgang mit seinem Stoff. „The Bone Temple“ will nicht nur schocken, er stellt Fragen, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Wie weit geht jemand, um zu überleben? Wer zieht eigentlich noch Grenzen, wenn keine Strukturen mehr existieren? Die Infizierten sind nämlich längst nicht das Bedrohlichste an dieser Welt.
Kein Film für entspannte Fernsehabende
„28 Years Later: The Bone Temple“ ist letztendlich kein Film für entspannte Fernsehabende. Er ist anstrengend, bedrückend und an keiner Stelle bemüht, es dem Zuschauer leicht zu machen. Genau das macht ihn so sehenswert. Wer das Genre mag, wer bereit ist, sich auf einen Film einzulassen, der neben dem Schrecken auch etwas zu sagen hat, wird hier sehr gut bedient. Fiennes allein wäre schon Grund genug, aber was der Rest des Casts und DaCostas Inszenierung dazu beisteuern, macht aus „28 Years Later: The Bone Temple“ eine der stärksten Fortsetzungen, die das Genre seit Jahren gesehen hat.
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