Mit Pragmata wagt Capcom etwas, das andere große Publisher dieser Tage kaum noch riskieren: eine komplett neue Marke im AAA-Sektor. Die traditionsreiche Spieleschmiede kombiniert dafür ein ungewöhnliches Protagonisten-Duo mit einem Science-Fiction-Setting, das trotz futuristischer Technologie erstaunlich nah an unserer Gegenwart bleibt.
Im Zentrum steht nicht nur die Erkundung einer isolierten Mondbasis, sondern vor allem das Zusammenspiel zweier Figuren, die spielerisch wie erzählerisch voneinander abhängig sind und den Begriff Hack and Slay ganz neu definieren. Mechanisch verbindet Pragmata nämlich klassische Third-Person-Shooter-Elemente mit einem parallel ablaufenden Hacking-System, das während der Kämpfe aktiv gesteuert werden muss. „Multitasking – The Game“ – denn selten greifen unterschiedliche Systeme so unmittelbar ineinander wie hier.

Darum geht’s
Die Geschichte von Pragmata spielt in einer nahen Zukunft, in der die Menschheit mit einem neuartigen Rohstoff vom und auf dem Mond experimentiert. Auf einer abgelegenen Forschungsstation wird dieses Material genutzt, um mithilfe hochentwickelter Drucktechnologie nahezu beliebige Strukturen zu erschaffen. Als der Kontakt zur Basis plötzlich abbricht, wird ein Team entsandt, um die Ursache zu untersuchen.
Kurz nach der Ankunft kommt es jedoch zu einem folgenschweren Zwischenfall, den nur Techniker Hugh Williams überlebt. Verletzt und orientierungslos wird er von einem Androidenmädchen gerettet, dem er später den Namen Diana gibt. Schnell wird klar, dass auf der Station etwas grundlegend schiefgelaufen ist: Die dort eingesetzten Maschinen haben sich gegen ihre ursprüngliche Funktion gewandt und greifen alles Menschliche an.

Die Beziehung zwischen Hugh und Diana bildet fortan den Kern der Handlung. Während sie ihm mit ihren Hacking-Fähigkeiten das Überleben überhaupt erst ermöglicht, übernimmt er zunehmend die Rolle einer schützenden Bezugsperson. Diese Dynamik entwickelt sich schon sehr früh im Spiel und bleibt über weite Strecken konstant im idealisierten Tochter-Vater-Kontext. Das ist zwar erfrischend herzlich, lässt aber etwas an narrativem Mut vermissen.
Die eigentliche Geschichte rund um die Hintergründe der Vorfälle auf der Mondbasis entfaltet sich indes schrittweise über Dialoge, Umgebungsdetails und optionale Fundstücke. Sie erfüllt ihren Zweck als Rahmen für das Geschehen, bleibt dabei aber meist vorhersehbar und setzt weniger auf narrative Komplexität als auf Atmosphäre und Figureninteraktion.

Spielwelt und Gameplay
Pragmata verzichtet auf eine offene Welt und bietet stattdessen klar strukturierte, in sich abgeschlossene Areale innerhalb der Mondbasis. Diese sind überwiegend linear aufgebaut, dabei aber recht clever verschachtelt, sodass unser Entdeckerdrang immer wieder mit Abzweigungen, optionalen Räumen und versteckten Ressourcen belohnt wird. Der Fokus liegt aber klar auf gezieltem Voranschreiten und dem systematischen Erschließen neuer Abschnitte der Mondbasis.
Die Spielwelt selbst bleibt dabei über weite Strecken funktional. Enge Korridore, industrielle Anlagen und sterile Forschungsbereiche prägen das Bild. Mit den teils gigantischen 3D-Druckern, die einen großen Teil der Handlung prägen, werden im Verlauf aber auch ungewöhnlichere Umgebungen möglich. So etwa ein verzerrtes Abbild von New York oder sogar eine Anlage mit künstlichen Bäumen, die an einen Indoor-Park erinnert. Diese Passagen sorgen zwar für punktuelle Abwechslung, können jedoch nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass sich viele Bereiche strukturell ähneln und visuell recht bald erschöpfen.

Neben den Erkundungspassagen bildet das Zusammenspiel aus klassischem Third-Person-Shooter (Hugh) und dem gleichzeitig zu absolvierenden Hacking-System (Diana) die zweite Säule des Gameplays. Mit konventionellen Waffen lässt sich den Cyber-Gegnern zunächst kaum beikommen, da ihre Panzerung direkten Schaden weitgehend absorbiert. Erst durch das gezielte Hacken werden Schwachstellen freigelegt, die anschließend für kurze Zeit angreifbar sind.
Dieses Hacking erfolgt über ein rasterbasiertes Minispiel, das während des laufenden Kampfes aktiv gesteuert wird. Während man also mit Hugh klassisch ausweicht, zielt und schießt, navigiert man mit den Face-Buttons gleichzeitig durch ein Feld aus Knotenpunkten, um den Hack erfolgreich abzuschließen. Dieses zweigleisige Bedienen verschiedener Systeme wirkt zunächst komplex, geht jedoch nach kurzer Eingewöhnung gut von der Hand.

Je besser das periphere Sehvermögen ausgeprägt ist, desto einfacher wird’s. Allerdings zeigt sich Pragmata auffällig gnädig bei feindlichen Attacken, um auch weniger multitaskingfähigen Spielern Zeit zu geben, sich auf das Hacken zu konzentrieren. Später wird zudem eine Auto-Hack-Funktion verfügbar, die sich jedoch eines Ladebalkens bedient und damit nicht unendlich zur Verfügung steht.
Mit fortschreitender Spielzeit erweitert Pragmata dieses Grundprinzip kontinuierlich. Neue Hacking-Module bringen zusätzliche Effekte ins Spiel. Wir machen Gegner bewegungslos, lassen sie auf ihre Kameraden schießen oder hacken mehrere Ziele gleichzeitig. Parallel dazu wächst auch Hughs Arsenal um unterschiedliche Waffen und Tools, die situativ eingesetzt werden müssen und verschiedene Taktiken ermöglichen.

Gerade in längeren Gefechten entsteht so ein dynamisches Zusammenspiel aus Planung und Improvisation. Ressourcen wie Munition oder spezielle Hacking-Elemente sind begrenzt, sodass man sich regelmäßig an die aktuelle Situation anpassen muss, statt sich auf feste Abläufe zu verlassen. Ein kluges System, das sich zwar etwas behäbig spielt, aber dafür sorgt, dass sich die Kämpfe trotz wiederkehrender Grundmechanik über weite Strecken hinweg frisch und fordernd anfühlen.
Allerdings bleibt der Anspruch dabei insgesamt moderat. Zwar verlangt das Spiel Aufmerksamkeit und Koordination, die meisten Gegner agieren jedoch vergleichsweise träge. Optionale Herausforderungen oder spätere Begegnungen fordern das Zusammenspiel der Mechaniken konsequenter ein, die meisten Bosse haben wir jedoch im ersten Anlauf relativ problemlos gefällt. Großzügig platzierte Ressourcen und eine ganze Reihe an Upgrade-Optionen machen uns zudem schnell und regelmäßig stärker.

Auf letztere haben wir über ein zentrales Hub-System Zugriff, in das wir über in den Arealen verteilte Zugänge immer wieder zurückkehren können. Hier weht dann auch eine Brise Soulslike, denn nicht nur wird unser begrenzter Vorrat an Heil-Kartuschen neu aufgefüllt, auch werden die Areale nach einem Besuch im Hub erneut mit Standardgegnern gefüllt – etwa wenn wir zurückkehren, um verpasste Inhalte zu sammeln oder Ressourcen zu farmen.
Zwar wird das Hub mit gefundenen Items immer mehr zu einem Spielzimmer für Diana, die dieses auch mit steter Begeisterung mit Leben erfüllt. Dass sich Ausrüstung und Fähigkeiten jedoch nur hier über das jeweilige Terminal anpassen und verbessern lassen, erscheint unnötig umständlich und unterbricht den Spielfluss durch die altmodisch wirkenden Ladezeiten häufiger als nötig. Warum man nicht einfach an Speicherpunkten Energie nachtanken und das Setup ändern kann, bleibt fraglich.

Technik und Sound
Technisch kommt Pragmata sehr poliert daher. Auf aktuellen Konsolen läuft das Spiel im Performance-Modus stabil mit flüssiger Bildrate, während alternative Grafikmodi wie üblich höhere Auflösung auf Kosten der Framerate bieten. Größere technische Probleme oder gravierende Bugs traten im Test nicht auf, besagte Ladeunterbrechungen bei den Übergängen zwischen Bereichen fallen mit Blick auf die ansonsten sehr solide Technik jedoch negativ auf.
Visuell setzt das Spiel auf einen klaren, oft sterilen Stil, der gut zur Mondbasis passt. Einzelne Abschnitte durchbrechen diese Ästhetik gezielt und sorgen für Abwechslung und so manchen Aha-Moment. Sehr gut gefallen haben uns die Animationen und die detailverliebten Charaktermodelle der Protagonisten und Gegner.

Während die Musik im Spiel eher zweckdienlich und wenig einprägsam daherkommt, wollen wir an dieser Stelle die deutsche Synchronisation ausdrücklich hervorheben: Sie bewegt sich auf einem konstant hohen Niveau und trägt maßgeblich zur Glaubwürdigkeit der Figuren bei. Vor allem der Sprecher von Hugh liefert eine bemerkenswert nuancierte Leistung, die emotionale Zwischentöne transportiert und der Figur deutlich mehr Profil verleiht, als es das Skript allein leisten würde.
Faktisch gehört die Vertonung von Hugh zu dem Besten, was wir bisher in einem Videospiel erleben durften. Schade, dass Diana im Vergleich etwas gewollt klingt, wobei das zu einer Androidin wiederum ganz gut passt. Jedenfalls haben wir jeden der durchweg gut geschriebenen Dialoge zwischen den beiden sehr genossen, die sich auch abseits der Cutscenes organisch ins Spielgeschehen einfügen.

Fazit
Pragmata ist kein klassischer Genrevertreter der Third-Person-Zunft, sondern ein bewusst ungewöhnlich konzipiertes Actionspiel, dessen Qualität stark an seiner zentralen Idee hängt. Das Zusammenspiel aus Hacking und Shooter-Mechanik, als spielerische Übertragung einer Tochter-Vater-Dynamik, funktioniert überraschend gut, hat Charme und sorgt für ein eigenständiges, originelles Spielgefühl, das sich klar von vergleichbaren Titeln abhebt.
Gleichzeitig bleibt Pragmata in anderen Bereichen hinter seinem Potenzial zurück. Die Geschichte setzt stark auf Atmosphäre und Beziehung, tritt in Sachen Plot-Dramaturgie aber gefühlt auf die Bremse. Das Leveldesign ist clever verschachtelt, deutet seine kreativen Möglichkeiten oft jedoch nur an und wirkt im Gesamtbild stellenweise repetitiv. Das Upgrade-System motiviert, der Umweg über den Hub und die damit einhergehenden Ladezeiten bremsen den Spielfluss hingegen merklich aus.
Der positive Eindruck einer frischen Franchise, die nicht nur neue Charaktere, sondern auch neue Ideen bietet, überwiegt aber ganz klar – zumal die technische Umsetzung mit ihren detaillierten Charaktermodellen und der insgesamt sehr sauberen Performance einen durchweg hochwertigen Eindruck hinterlässt. Dazu kommt eine referenzverdächtige deutsche Vertonung, bei der insbesondere Hughs Sprecher herausragt.
Mit seinen rund 10 bis 15 Stunden Spielzeit ist Pragmata zudem ein fokussiertes Singleplayer-Abenteuer, das seine Idee nicht überdehnt. Wer also offen für neue Ansätze im Action-Genre ist und sich vor etwas Multitasking nicht scheut, bekommt hier einen Titel mit starker Eigenidentität. Und alle anderen sollten zumindest einmal reinspielen – es lohnt sich!
Pragmata ist ab dem 17. April 2026 für PlayStation 5, Nintendo Switch 2, Xbox Series und Microsoft Windows erhältlich.
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