Nach mehreren sehr gelungenen Spielen rund um die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft widmet sich Insomniac Games mit Wolverine nun einem weit brutaleren Vertreter des Marvel-Universums. Statt durch eine offene Welt zu schwingen, schickt uns das PS5-exklusive Action-Adventure auf eine Reise rund um den Globus – und geizt dabei nicht mit rotem Lebenssaft.

Man macht es sich allerdings zu einfach, Marvel's Wolverine allein auf den bereits im Vorfeld oft diskutierten hohen Gewaltgrad zu reduzieren. Denn hinter abgetrennten Gliedmaßen, fliegenden Körpern und ausgefahrenen Adamantium-Klauen steckt vor allem der Versuch, den beliebten Charakter nicht nur optisch, sondern auch spielerisch möglichst glaubwürdig einzufangen.

Tem X statt X-Men

Interessant ist, dass erzählerisch nicht das von vielen erwartete X-Men-Ensemble um Professor Charles Xavier im Mittelpunkt steht. Stattdessen lernen wir Logan als Ex-Mitglied von Team X kennen, einer von Nathaniel Essex gegründeten Mutantengruppe, zu der unter anderem Mystique und Victor Creed alias Sabretooth zählen. Comic-Kenner dürften beim Namen Essex direkt hellhörig werden, aber wir wollen hier natürlich nicht zu viel verraten.

Wolverine hat sich eigentlich längst zurückgezogen, doch als Essex von dem Mutantenhasser Bolivar Trask und seinen technisch hochgerüsteten Reavern entführt wird, kehrt Logan für eine Rettungsmission zurück – bei der es natürlich nicht bleibt. Nach und nach gerät er in einen Konflikt, der weitere Feinde und Freunde offenbart und wesentlich größer ist als die zunächst überschaubare Rettungsaktion.

Trotz vieler bekannter Charaktere sollten Fans keine Nacherzählung einer bestimmten Vorlage erwarten. Insomniac bedient sich großzügig im Marvel- und X-Men-Fundus und baut daraus seine eigene Geschichte, die sich nicht scheut, immer mal wieder vom Gaspedal zu gehen, um Logans menschliche Seite zu beleuchten.

Denn Wolverine ist hier nicht einfach die ständig schlecht gelaunte Kampfmaschine mit eingebautem Dosenöffner. Gedächtnislücken, seine Vergangenheit und die Frage, wie viel Kontrolle Logan tatsächlich über seine animalische Seite besitzt, ziehen sich durch das gesamte Abenteuer. Auch feinfühligere Themen wie Einsamkeit und Verlust werden elegant eingewoben. Dank der teils enorm starken Mimik reicht manchmal schon ein Blick, um alles zu erzählen, was in diesem Moment gesagt werden muss.

Wolverine muss man spüren

Noch deutlicher als die Geschichte bringt das Gameplay den Charakter auf den Punkt, denn Marvel's Wolverine fühlt sich sehr körperlich an. Logan ist kein eleganter Akrobat, sondern eine kompakte Masse aus Muskeln, Wut und Adamantium, die wie eine Lawine auf den nächsten Gegner zurollt.

Die Animationen sind entsprechend um die Klauen herum entworfen worden. Wenn Logan beispielsweise auf allen Vieren landet, die Klingen in den Boden rammt und sich damit wieder nach vorne abstößt, sieht das nicht nur verdammt cool aus. Solche Details transportieren seine animalische Natur, ohne dass dafür eine erklärende Zwischensequenz nötig wäre.

Im Kampf wird daraus kontrolliertes Chaos. Mit schnellen Hieben und wuchtigen Komboabschlüssen setzt Logan seinen Gegnern zu, überbrückt Distanzen mit einem Sprungangriff und kann Attacken parieren oder ihnen ausweichen. Hinzu kommen Spezialfähigkeiten, von denen vier gleichzeitig ausgerüstet werden können. Sie ermöglichen unter anderem kräftige Flächenattacken, Sturmangriffe oder eine beschleunigte Selbstheilung. Über einen Talentbaum kommen zusätzliche Angriffsvarianten und passive Verbesserungen hinzu.

Herzstück des Systems ist allerdings Logans Wut. Wer offensiv kämpft und Gegner erledigt, füllt eine mehrstufige Leiste, die verschiedene Vorteile aktiviert. Ein Balken angesammelter Wut kann Logan beispielsweise retten, wenn seine Lebensenergie vollständig aufgebraucht ist. Auf der höchsten Stufe wird aus dem ohnehin aggressiven Mutanten schließlich endgültig eine Abrissbirne.

Mechanik und Charakter greifen in den martialischen Fights gegen die meist in großen Gruppen auftretenden Gegner gut ineinander. Das Spiel belohnt genau das Verhalten, das man von Wolverine erwartet: dranbleiben, Druck machen, nicht zurückweichen. Wenn ein Kampf erst mal Fahrt aufnimmt, will man möglichst schnell zum nächsten Gegner, wodurch sich Logans offensive Wut erstaunlich gut auf den Spieler überträgt.

Nichts für empfindliche Mägen

Zimperlich geht der Kult-Mutant bekanntlich nicht zu Werke und daran ändert auch Marvel's Wolverine nichts. Die USK-Freigabe ab 18 Jahren kommt nicht von ungefähr. Klauen durchbohren Körper und Köpfe, Gliedmaßen werden abgetrennt und die Finisher demonstrieren eindrucksvoll, was sechs Adamantium-Klingen mit einem menschlichen Körper anstellen können. Gelegentlich kämpfen außerdem andere Mutanten an unserer Seite, wodurch besonders derbe Team-Finisher möglich werden. Wem das ganze Gemetzel zu heftig ist, kann Blut und Verstümmelungen in den Einstellungen aber auch reduzieren.

Ein spielerisches Problem bleibt indes: Wolverines Werkzeugkasten ist naturgemäß überschaubar. Logan hat seine Klauen, seine Körperkraft und seine Spezialfähigkeiten – und daran ändert sich auch nach vielen Stunden grundsätzlich nichts. Neue Gegnertypen verlangen zwar mitunter, von Angriff auf Abwehr zu schalten, und zusätzliche Fähigkeiten erweitern die Möglichkeiten, der Kern des Kampfsystems bleibt aber stets unverändert.

Das macht in seiner Rohheit durchaus Laune, nutzt sich mit zunehmender Spielzeit jedoch ab. Wo Spider-Man mit Gadgets, verschiedenen Helden und seiner offenen Welt mehr spielerische Variablen besaß, bleibt Logan bis zum Ende vor allem eines: Logan.

Dazu kommt die sehr nahe Kamera. Sie trägt viel zur Wucht der Kämpfe bei, kann bei Attacken aus mehreren Richtungen aber zum Nachteil werden. Nicht immer lässt sich rechtzeitig erkennen, wer oder was hinter Logan gerade zum Schlag ausholt, sodass wir immer mal wieder unfaire Treffer kassieren.

Willkommene Abwechslung bringen die leider viel zu seltenen, dafür aber umso spektakuläreren Bosskämpfe. Insomniac lässt hier die inszenatorischen Muskeln spielen, allerdings ziehen sich einzelne Begegnungen länger, als es ihre Mechaniken hergeben.

Logan kann auch leise

Nicht jede Auseinandersetzung muss frontal beginnen. Logan kann sich verstecken, Gegner beobachten und sie aus der Deckung heraus ausschalten. Seine geschärften Sinne helfen dabei, Feinde selbst hinter Wänden aufzuspüren. Das Stealth-System funktioniert grundsätzlich, wie man es von vergleichbaren Titeln gewohnt ist, bleibt aber eher Ergänzung als gleichberechtigter Gegenentwurf zum offenen Kampf. Es ist schlicht zu verlockend, Wolverine von der Leine zu lassen.

Und ist gerade mal niemand zum Filetieren da, lockern Kletter- und Sprungpassagen, kaum nennenswerte Rätsel, wilde Verfolgungsjagden und ruhigere Storyabschnitte das Geschehen etwas auf. Abseits des Hauptpfads führen zudem immer wieder kleinere Abzweigungen zu Materialien für zusätzliche Outfits und kosmetische Varianten der Klauen, versteckten Whiskey-Flaschen und anderen Geheimnissen mit einer Prise Fanservice.

Freigeschaltete Kostüme erhöhen Logans maximale Lebensenergie, während optionale Albtraum-Herausforderungen mit Kampfarenen oder kurzen Parcours zusätzliche Belohnungen und Einblicke in seine Vergangenheit liefern. Klassische Nebenmissionen gibt es nicht. Spielerisch bleibt Marvel's Wolverine geradlinig und fokussiert.

Eine verdammt hübsche Welt

Das hat den Vorteil, dass sich Insomniac bei den Schauplätzen so richtig austoben konnte. Verschneite Landschaften in Kanada wechseln sich im Laufe der 15 bis 20 Stunden Spielzeit mit unverbrauchten Orten wie dem fiktiven Inselstaat Madripoor oder auch einer bestimmten, für Gamer wohlvertrauten japanischen Großstadtkulisse ab.

In Tokio führt unsere Reise nämlich durch das reale Vergnügungsviertel Kabukichō. Zocker-Veteranen wissen: Kabukichō dient bereits seit Jahrzehnten als Vorlage für Kamurocho aus der Yakuza- beziehungsweise Like-a-Dragon-Reihe. Das entsprechend konditionierte Spielerhirn denkt also plötzlich: „Schön, endlich wieder in Kamurocho. Hier war ich schon oft.“ Ein herrlich seltsamer Wiedererkennungsfaktor.

Technisch gehört Marvel's Wolverine über weite Strecken zu den beeindruckendsten PS5-Spielen bisher. Beleuchtung, Materialien, Reflexionen und die enorme Detaildichte der Schauplätze sorgen zuverlässig dafür, dass der Weg zum nächsten Kampf etwas länger dauert als nötig, weil man sich erst einmal umsehen möchte.

Selbst vermeintlich nebensächliche Details beeindrucken. In einer Sequenz an Bord eines Flugzeugs wehen die Haare der Figuren beispielsweise derart glaubwürdig im Luftstrom, wie wir es in einem Videospiel bislang nicht gesehen haben. Generell bewegen sich Animation, Mimik und Gesamtpräsentation auf einem derart hohen Niveau, dass Bugs umso stärker auffallen.

Besiegte Gegner oder zurückgelassene Waffen schweben mitunter in der Luft, manchmal kommt es zu fehlerhaften Bewegungsübergängen und in Japan fuhren sogar Autos durch die aus Trucks bestehende Levelbegrenzung, als wären diese lediglich Hologramme. Die Fehler haben unseren Spielfortschritt zwar nicht verhindert, hinterlassen aber sichtbare Scharten in dieser ansonsten mit enormem Aufwand inszenierten Welt.

Akustisch steht das Spiel der Grafik kaum nach. Kämpfe haben Punch, die Klauen besitzen diesen scharfen metallischen Nachdruck und die deutschen Sprecher sind klasse. Auch der DualSense wird genutzt, ohne permanent um Aufmerksamkeit zu betteln. Schritte, Umgebungsreize und einzelne Aktionen werden gezielt über die Haptik unterstützt.

Auf der PS5 stehen ein Leistungsmodus mit 60 Bildern pro Sekunde und ein Qualitätsmodus mit 30 Bildern pro Sekunde zur Verfügung. 120 Hz und VRR werden ebenfalls unterstützt. Auf der PS5 Pro sind im Qualitätsmodus bei entsprechender Ausgabe 40 Bilder pro Sekunde sowie erweiterte Raytracing-Effekte möglich.

Fazit

Anstatt Spider-Man einfach einen gelben Anzug anzuziehen, ist es Insomniac mit Marvel's Wolverine auf beeindruckende Weise gelungen, ein enorm aufwendiges Action-Schlachtfest um die Persönlichkeit seines Protagonisten herum zu bauen.

Logans Wut steckt im Kampfsystem, Wolverines Selbstheilung in den Mechaniken und seine Vergangenheit in der Geschichte. Selbst kleine Bewegungsanimationen spiegeln die animalische Seite des Kult-Mutanten wider, sodass Marvel's Wolverine nicht erklären muss, wer dieser Typ eigentlich ist – wir können es sehen und vor allem spüren. Denn wenn die Krallen mit dem ikonischen „Snikt“ ausfahren und Logan mit der Wucht einer Kanonenkugel in eine Gegnergruppe einschlägt, überträgt sich seine Energie förmlich auf den Spieler.

Das Spektakel hat allerdings unübersehbare Kratzer. Die immer gleichen Gegnerwellen werden mit der Zeit repetitiv, die nahe Kamera gibt sich mitten im Getümmel gerne mal etwas zickig und einige technische Macken passen nicht zum ansonsten extrem hohen Produktionsniveau. Auch von den spektakulären Bosskämpfen hätten es gerne ein paar mehr sein dürfen.

Gefreut hat uns wiederum, dass Insomniac die menschliche Seite seiner Hauptfigur nicht vergisst. Wolverine kann nicht nur austeilen, sondern überzeugt in den ruhigen Momenten und im Zusammenspiel der Charaktere auch als Figur, wobei gerade die hervorragende Mimik oft mehr erzählt als viele Worte. Marvel's Wolverine sitzt seinem Kultcharakter damit so passgenau wie enges Latex. Besser hätte Insomniac den bärbeißigen Superhelden kaum adaptieren können.

Marvel's Wolverine ist exklusiv für PlayStation 5 erhältlich.