Nein, „Mafia 3“ war beim besten Willen nicht der große Wurf, den Hangar 13 sich 2016 erhofft hatte. Dabei lag der Grund auf der Hand: Die Entwickler tauschten das geradezu intime Ambiente der beiden Vorgänger gegen eine unpersönliche Open World aus und verzettelten sich mit ihren Ambitionen.
Um diesen Fehler nicht zu wiederholen, tritt die tschechische Spieleschmiede nun also wieder einen Schritt zurück, was im Fall von „Mafia: The Old Country“ gleich in mehrfacher Hinsicht gilt. Nicht nur besinnt sich der neue Serienteil auf die Tugenden des erfolgreichen Erstlings, er dreht auch die Zeitachse der namensgebenden kriminellen Organisation auf Anfang.
Die Geschichte von „Mafia: The Old Country“ beginnt im Jahr 1904 auf der italienischen Insel Sizilien und begleitet einen jungen Mann namens Enzo Favara, der sein Leben zunächst als Zwangsarbeiter in einer Schwefelmine fristet. Nachdem er sich infolge dramatischer Ereignisse mit der dortigen Obrigkeit überwirft, nimmt Enzos Leben eine jähe Wendung. Zwar misslingt die Flucht vor seinen Häschern, im letzten Augenblick kommt ihm jedoch der Klan der Torrisi-Familie zur Hilfe und nimmt Enzo unter seine Fittiche.

Anfänglich noch bloß ein Caruso, also „Junge für alles“, arbeitet sich Enzo durch Fleiß und Kaltblütigkeit im Laufe der Jahre im Ansehen des Dons und damit auch in den Rängen der Familie nach oben. Ganz so, wie man es von klassischen Mafia-Geschichten eben kennt. Von daher verwundert es auch nicht, dass sich die Ereignisse immer weiter zuspitzen und letztlich in einer blutigen Auseinandersetzung kulminieren. Dass Enzo zudem eine heimliche Liebschaft pflegt, die eigentlich nicht sein darf, macht die Sache beim besten Willen nicht einfacher und irgendwie auch reichlich vorhersehbar.
Wer die Vorgänger kennt, wird im Aufbau der Geschichte auffällig viele Parallelen zum ersten Teil entdecken – weit mehr, als nur Zufall sein kann. Hangar 13 zitiert sich gewissermaßen selbst, und das gilt nicht nur für das Narrativ, sondern auch für das Gameplay. „Mafia: The Old Country“ ist ein bewusst altmodisches Action-Adventure, das seine cineastisch inszenierte Story mit einem sehr gradlinigen Spielkorsett vorantreibt.
Das Ganze geht so weit, dass man sich in den ersten, recht langatmigen Spielstunden fast schon wie in einem interaktiven Film wähnt, bei dem man nur in wenigen Sequenzen selbst Hand anlegen darf. Diese sind zu Beginn leidlich spannend und beschränken sich auf Tutorials und banale Bringdienste. Hangar 13 lässt sich viel Zeit, die Figuren einzuführen und vorzustellen, und auch im weiteren Verlauf der Story nicht hetzen.

Was wir wann tun dürfen, ist dabei streng vorgegeben. Ein freies Umherstreifen in der wunderschön gestalteten Spielwelt von Sizilien auf der Suche nach Nebenbeschäftigungen ist nicht vorgesehen und überhaupt erst nach Abschluss der Hauptstory vollumfänglich möglich. Entfernen wir uns innerhalb einer Mission zu weit vom Ziel, mahnt uns ein Countdown höflich, aber bestimmt, doch bitte wieder auf die Gleise zu springen.
Und selbst wenn wir zu Pferde oder mit den zum Verlieben altmodischen Autos jener Zeit von A nach B preschen, lohnen sich Abstecher höchstens zum örtlichen Waffenladen. Von nur wenig bedeutsamem Sammelkram und dramatisch schönen Postkarten-Panoramen abgesehen, gibt es in der sizilianischen Traumkulisse nämlich kaum etwas zu tun oder zu entdecken.
Nun klingt das alles aber deutlich negativer, als es letztlich ist. Nach der hoffnungslos repetitiven Stadteroberung in „Mafia 3“ tut die Rückbesinnung auf alte Tugenden und die stringente Erzählweise richtig gut. Es ist ein wenig so, als würde man ein wenig originelles, dafür aber verdammt leckeres Gericht vorgesetzt bekommen, das man schon lange nicht mehr gegessen hat. Und dass Hangar 13 dieses dann auch noch so unglaublich liebevoll dekoriert hat, macht das Ganze sogar noch schmackhafter.

Obwohl die Spielwelt letztlich nur eine Art Attrappe ist, wirkt sie enorm lebendig und hat mit ihrem Urlaubsflair akutes Fernweh bei uns ausgelöst. Wir wissen nicht, wie authentisch das Leben in Sizilien um die Jahrhundertwende tatsächlich eingefangen worden ist, im Spiel wirken die Szenarien jedoch äußerst schlüssig und unglaublich atmosphärisch – selbst dann, wenn wir zuweilen nur an ihnen vorbeirasen. Es mögen am Ende des Tages nur Levelschläuche sein, aber es sind im besten Sinne des Wortes verdammt dekadente Levelschläuche.
Neben den üblichen Erkundungs-Sequenzen, die vor allem dem Narrativ dienen, fehlt es „Mafia: The Old Country“ natürlich nicht an Action. Hangar 13 variiert dabei mit einem gutem Gespür fürs Pacing zwischen vier Gameplay-Elementen. Da wären zum einen die Fahr- und Reitpassagen, die innerhalb der Missionen immer mal wieder für spektakulär inszenierte Verfolgungs- oder Fluchtsequenzen sorgen. Auch ein ausgemachtes Rennen in einem etwas schwammig zu steuernden Rennwagen steht an.
Etwas ruhiger geht es zu, wenn wir uns im Zuge der Stealth-Einlagen nicht entdecken lassen dürfen. Wir huschen von Deckung zu Deckung, nutzen unsere Instinkt-Ansicht, um Gegner selbst hinter Wänden hervorzuheben, locken sie mit Flaschen- oder Münzwürfen weg und schalten Feinde hinterrücks aus. Haben wir unser Opfer mit einem kleinen Würge-Minispiel oder dem Messer zu Fall gebracht, könnten wir die Leichen in den inflationär platzierten Kisten verstecken. Wirklich nötig ist das mit Blick auf die wenig kluge KI aber eher selten.

Eben jene KI läuft uns dann gerne auch mal brav aufgereiht vor die Flinte, wenn es zum Schussgefecht kommt. Wirklich gefährlich wird es hier nur, wenn unsere Gegner in der Überzahl sind und wir uns schlecht positionieren oder die Deckung vernachlässigen.
Oft sind diese Situationen gescriptet und daher unausweichlich. Zuweilen lässt uns das Spiel aber auch die Wahl, ob wir lieber heimlich zu unserem Ziel schleichen oder wie ein Berserker das Areal stürmen. Beides funktioniert für unser Empfinden recht gut, ohne dass wir dabei eine favorisierte Vorgehensweise hätten festlegen können. Fraglos macht das Ballern mehr Spaß, wenn man sich an die etwas unpräzisen und langsamen Krachmacher dieser Ära erst einmal gewöhnt hat. Ein ganzes Gebiet nur mit der Klinge in der Hand zu säubern, hat allerdings auch etwas sehr Befriedigendes.
Und damit wären wir auch bei Spielsäule Nummer vier: dem Messer. Diesem kommt in „Mafia: The Old Country“ große Bedeutung bei, was dem historischen Kontext dieser Zeit entspricht. Nicht nur waren die Klingen in der damals noch weitgehend ländlichen, agrarisch geprägten Gesellschaft Werkzeug und Statussymbol, auch existierte in Sizilien eine Tradition von Messerkämpfen, die mit Vorstellungen von persönlicher Ehre verbunden war. Hier war das Messer ein Zeichen von Mut, Wehrhaftigkeit und Selbstbestimmung.

Und so kommt es in „Mafia: The Old Country“ oft zu Messerduellen, die trotz der simplen Mechanik erstaunlich spannend ausfallen. Dabei tritt man einem einzelnen Gegner gegenüber, der wie der Spieler eigens für diesen Kampf eine dedizierte Lebensleiste bekommt. Wir stechen und schlagen, parieren und weichen aus, um idealerweise mehr Treffer zu landen als unser Gegenüber. Das geht gut von der Hand und setzt im Laufe der Handlung immer wieder dramatisch inszenierte Spitzen mit Bosskampf-Vibes.
Auch im restlichen Spiel tragen wir die Klinge unserer Wahl stets mit uns. Einige davon können wir werfen, um Gegner aus der Ferne schnell und effektiv auszuschalten, andere sind im Nahkampf direkt tödlich, während sich die dritte Gattung als besonders haltbar erweist. Die Benutzung der Messer, mit denen wir auch Schlösser von Türen und Kisten knacken, ist nämlich durch eine Leiste begrenzt, die ihre Schärfe symbolisiert. Diese können wir im Feld durch Wetzsteine wiederherstellen, die wir in den Taschen erledigter Feinde finden können.
Auch Munition und Geld lässt sich auf diese Art plündern, wobei letzteres eigentlich kaum wirklich nötig ist. Zwar können wir uns beim Händler neue Pistolen, Langwaffen oder Messer kaufen, da wir uns im Gefecht aber auch die fallengelassenen Wummen der Gegner schnappen können und ohnehin überall Munition herumliegt, ist das kaum nötig. Auch die Skins für Waffen, Fahrzeuge, Pferde- und Reitzeug sind die Mühe des Geldsammelns kaum wert und eher eine nette Dreingabe für Komplettisten.

Mit Blick auf den erwähnten Sammelkram erfüllen lediglich die verschiedenen Perlen und Amulette für unseren Rosenkranz einen spielerischen Zweck, die als passive Perks fungieren. So verbessern wir auf Wunsch das Handling der Fahrzeuge, vergrößern unseren Munitionsvorrat oder beschleunigen das Anlegen des Verbandes zum Auffüllen unserer Lebensleiste. Das System als Rollenspielelement zu bezeichnen, wäre der Worte zu viel, es schadet aber natürlich auch nicht und motiviert, sich ein wenig in den bespielbaren Arealen umzuschauen.
In Sachen Optik hat uns „Mafia: The Old Country“ umgehauen. Die Spielwelt besticht mit einem mitreißenden maritimen Flair, ist detailliert und ausschweifend in Szene gesetzt und lädt mit wunderschönen Lichtstimmungen und einer herrlichen Weitsicht vor dramatischem Bergpanorama immer wieder zum Verweilen ein.
Mit Blick auf die Charaktermodelle kann „Mafia: The Old Country“ zwar nicht mit Größen wie „The Last of Us“ mithalten, die Mimik der Figuren wirkt aber dennoch glaubhaft und lebendig. Generell gefällt uns das Schauspiel sehr gut, jedoch wirkt die deutsche Synchro insgesamt etwas arg bemüht und verliert sich für unseren Geschmack etwas zu sehr in dialektischen Klischees.
Technisch stehen auf der PS5 und der Xbox Series X die üblichen Verdächtigen zur Wahl: Wir haben einen Qualitätsmodus, der zugunsten einer höheren Auflösung die Bildrate auf 30 Bilder pro Sekunde begrenzt, und den weniger opulenten, dafür aber mit angepeilten 60 Bildern weitgehend flüssigen Leistungsmodus.
Bugs sind uns hüben wie drüben keine untergekommen. Wenn man ganz genau hinschaut, fallen einem hier und da vereinzelte Pop-ups in der Ferne ins Auge, und auch die Textur der Straße ist bei schnellen Fahrten sichtbar reduziert. Vor der prächtigen Gesamtkulisse fallen diese kleinen Kratzer allerdings kaum auf.

„Mafia: The Old Country“ mag wenig originell und förmlich altmodisch sein, genau damit gelingt es den Machern jedoch, die ursprünglichen Stärken der Reihe wieder herauszuarbeiten.
Das atmosphärische Sizilien zur Jahrhundertwende, die nostalgischen Gameplay-Elemente und die Rückbesinnung auf klassische Mafia-Themen sorgen für ein rundum gelungenes und auf das Wesentliche reduziertes Spielerlebnis. Zwar wirkt die semi-offene Welt im Vergleich zu modernen Standards sehr begrenzt, allerdings entfaltet der Fokus auf die cineastisch inszenierte, wenn auch sehr vorhersehbare Geschichte, genau deshalb umso mehr an Wirkung.
Die Mischung aus Action, Stealth und den gleichermaßen simplen wie spannenden Messerduellen überzeugt zudem mit einem guten Gespür fürs Pacing. Und auch wenn es in spielerischer Hinsicht nie wirklich fordert, hat uns „Mafia: The Old Country“ nach einem etwas zähen Einstieg so sehr in seinen Bann gezogen, dass wir nach dem Abspann förmlich Fernweh hatten.
Wer Lust auf ein traditionelles, narrativ getriebenes Action-Adventure mit historischem Flair und einer beeindruckend gestalteten Spielwelt hat, sollte dem alten Land von daher unbedingt einen Besuch abstatten. Zwar wird es in Sachen Umfang mit rund 15 Stunden Spielzeit nur ein Kurzurlaub, dafür ist dieser mit rund 50 Euro aber auch recht günstig zu haben.
„Mafia: The Old Country“ ist für PlayStation 5, Xbox Series und PC erhältlich.
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