Normalerweise geht einem neuen Sony-Spiel eine Welle der Euphorie voraus, entstammen doch viele der großen Videospiel-Abenteuer unserer Zeit dem Umfeld des PlayStation-Konzerns. Mit Lost Soul Aside verhält es sich indes anders: Trotz opulenter Trailer wurde der Titel im Vorfeld eher verhalten von der Community aufgenommen.

Die Befürchtung stand im Raum, dass der über das China Hero Projekt zur Förderung chinesischer Entwickler finanzierte Titel eher in AA-Gefilden anzusiedeln sei als im Bereich der Blockbuster. Unser Test bestätigt diesen Eindruck – was bei der enormen Bandbreite unserer Hobbys und den Wirren des Marktes auch vollkommen in Ordnung wäre. Dass Sony hier allerdings den gleichen Vollpreis wie für deutlich aufwändigere Exklusivtitel ansetzt, stößt mit Blick auf das Ergebnis dann aber doch etwas unangenehm auf.

Lassen wir diesen Punkt beiseite, können wir den Unkenrufen im Netz bezüglich der Qualitäten des Spiels nicht vollumfänglich zustimmen. Betrachtet man Lost Soul Aside als Indie-Game – 2016 noch von einem einzelnen Entwickler geschaffen – ist es ein fraglos ambitioniertes Werk, das versucht, ein Devil May Cry mit der Anmutung eines modernen Final Fantasy zu kombinieren.

Mit der finanziellen Unterstützung von Sony und der Einbindung des Entwicklerstabes von UltiZero Games verändert sich jedoch die Perspektive: Was zuvor ambitioniert wirkte, erscheint trotz guter Ansätze plötzlich uninspiriert und leider auch etwas billig.

Darum geht’s:

Das fängt schon bei der Geschichte an, die genauso gut auch aus irgendeiner Fanfiction-Stammkneipe zum Thema Anime-Fantasy stammen könnte, aus der es schon gewaltig nach Klischees riecht, sobald man nur die Tür öffnet. Ein sichtlich zum Wohlwollen der weiblichen Spieler auf Stil getrimmter Held namens Kaser zieht in den Slums einer von bösen imperialen Mächten unterjochten Platzhalterwelt seine Schwester groß und befindet sich damit auch schon direkt am Ende der sonst so beschwerlichen Reise der Charakterzeichnung.

Und weil ihn das von übereifrigen Designern verpasste Overacting-Outfit als Held verrät, schließt er sich den sichtlich zum Wohlwollen der männlichen Fans gestalteten Mitgliedern einer Widerstandsbewegung an. Diese kaufen offenbar im gleichen Fetischladen ein wie Kaser und beweisen auch weiterhin Geschmack, indem sie ihrem Rebellen-Bastelkurs den wenig einschüchternden Namen GLIMMER gegeben haben. Einiges banales Bla-bla später mischt noch eine dritte Fraktion mit: die dämonisch anmutenden Voidrax, die den Menschen, vor allem aber Kasers Schwester, ganz gerne mal die Seelen aussaugen.

Das kann ein attraktiver Mann in schwarzen Klamotten so nicht stehenlassen, weshalb sich Kaser gemeinsam mit der GLIMMER-Crew auf Rettungsmission begibt. Unterstützt wird der eindimensionale Jüngling dabei von einem unsympathisch-großmäuligen Drachenwesen namens Arena, dessen imposante Präsenz auf die Form eines kopflastigen Wurms eingedampft wurde, der Kaser fast schon wie ein Comic-Emanata für schlechte Laune umschwirrt.

Im Laufe des Spiels treffen wir nun auf eine bunte Riege an Charakteren, deren Schicksal uns bereits nach wenigen Stunden herzlich egal war. Wann immer möglich, klicken wir uns also hektisch durch die aufgezwungen ernsten Lore-Gespräche, denn so sehr Charakterdesign und Narrativ langweilen, so spaßig gestaltet sich der Action-Anteil von Lost Soul Aside.

Spielwelt und Gameplay:

Die Spielwelt besteht aus einer Aneinanderreihung von Schlauchleveln, deren Erkundungsanreiz sich auf leuchtenden Sammelkrams und inflationär verteilte Schatzkisten beschränkt. Die Umgebungen mäandern dabei zwischen sterilen Fabrikbauten, fremden Dimensionen und ausladenden Naturpanoramen, welche mit durchaus ansehnlichen Akzenten immer wieder Hoffnungen wecken, nur um diese mit dröger Standardkost gleich darauf wieder zunichtezumachen.

Die Entwickler sind allerdings sichtlich um Abwechslung bemüht und garnieren den Weg zur nächsten Kampfarena mit allerlei Sprungpassagen, Geschicklichkeitsaufgaben, Fallen und gescripteten Ereignissen. Das spielt sich recht flott weg und macht durchaus Laune, auch wenn man dabei immer mal wieder von einem aus Sicht der Autoren offenbar enorm wichtigen Dialog mit dem ohnehin schon zu Wiederholungen neigenden Arena ausgebremst wird.

Werden schließlich die Waffen gezückt, läuft Lost Soul Aside plötzlich warm. Gebunden an den Storyfortschritt sammeln wir vier verschiedene Waffen – Schwert, Großschwert, Stab und Sense –, die alle mit einem umfangreichen Skilltree aufwarten.

Witzige Idee: Um unsere Waffen mit gefundenen Items zu verstärken, müssen wir diese erst einmal anbauen. Dazu platzieren wir Upgrades in Form von Totenschädeln, Blumen oder Flügeln an Schwert oder Stab und können diese dabei frei bewegen, skalieren und drehen. Unser Werk trägt Kaser dann auch in Zwischensequenzen in Händen, vollkommen egal, wie lächerlich das Ergebnis ausgefallen sein mag. Ergänzt wird die Ausrüstung in der Defensive durch diverse werteverbessernde Schmuckstücke und die gängige Riege an Heiltränken.

Das Kampfsystem gibt sich sehr combolastig und erlaubt es uns, mit dem richtigen Timing ein beeindruckend dynamisches Effektgewitter über unsere Feinde hereinbrechen und das Schlachtfeld förmlich erbeben zu lassen. Es dauert ein paar Spielstunden, bis man den enorm agilen Kaser nicht mehr aus den Augen verliert. Hat man die Kampflogik aber erst einmal verinnerlicht, reiht man bald komplexe und irre schnelle Angriffsfolgen aneinander, jongliert seine Gegner effektiv in der Luft und freut sich schon auf die nächsten Erfahrungspunkte, um seinem Repertoire weitere Manöver hinzuzufügen.

Um in den zunehmend knackigen Kämpfen gegen teils äußerst imposante Bossgegner bestehen zu können, kontern wir durch ein blaues Leuchten angekündigte schwere Angriffe mit einem gnädigen Zeitfenster, weichen behände aus und zünden die durch eine Cooldownzeit beschränkte Drachenmagie von Arena. Ist die entsprechende Leiste voll, wechseln wir zudem in eine Art Bersekermodus. Brechen wir den Schild eines Unholdes, gibt es noch einen Finisher obendrauf.

Inszenierung und Technik:

Und siehe da: Wenn wir uns munter durch die Feindesreihen pflügen, muss sich Lost Soul Aside vor seinen Vorbildern wahrlich nicht verstecken, auch wenn es in Sachen Trefferfeedback sowohl optisch als auch akustisch nicht mit Größen wie Devil May Cry mithalten kann. Hinsichtlich der anderen großen Inspirationsquelle trifft Lost Soul Aside vor allem in Sachen Musik die Tonalität eines Final Fantasys zudem erstaunlich gut.

Mit Blick auf die Inszenierung verkommt es dann jedoch eher zu einer Art Schulaufführung aus Versatzstücken der ruhmreichen Rollenspielreihe, die in technischer Hinsicht aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Zwar gibt es hier und da, wie gesagt, recht imposante und schick beleuchtete Szenerien, die Animationen und die Mimik der Figuren sind jedoch so hölzern wie die Gespräche. Es fühlt sich zuweilen eher so an, als würde man das Remaster eines sehr viel älteren Titels zocken. Das hätte dann wohl auch die dürftige englische Synchro erklärt.

Der befürchtete technische Totalausfall ist Lost Soul Aside aber nun wirklich nicht geworden. Auf unserer PS5 Pro kam es nur manchmal zu kleineren Mikro-Rucklern, und auch der kurzen schwarzen Ladescreens hätte es mit etwas mehr Polishing sicherlich nicht bedurft. Ansonsten läuft es jedoch recht fluffig. Einmal zwang uns ein Bug allerdings zum Neuladen, als ein Gegner plötzlich einfach nicht sterben wollte und ein Vorankommen damit unmöglich machte.

Fazit:

Lost Soul Aside ist ein Spiel voller Ambitionen, das spielerisch wie technisch sichtbar an seine Grenzen stößt. Was einst als vielversprechendes Indie-Projekt eines einzelnen Mannes begann, wirkt in seinem kommerziellen Endergebnis vor allem in Narrativ und Design uninspiriert, hölzern und arg darauf bedacht, cool und episch zu erscheinen.

Demgegenüber überzeugt das abwechslungsreiche Kampfsystem mit dynamischen, flüssigen und effektlastigen Actionsequenzen, die auch nach vielen Stunden noch Spaß machen und der langweiligen Geschichte sowie den eindimensionalen Charakteren effektiv Paroli bieten. Die Welt selbst bleibt zwar eine Aneinanderreihung beliebiger Schlauchlevel, bietet aber ab und an kleine optische Leckerbissen, die erahnen lassen, was hier alles möglich gewesen wäre.

Wer also über platte Klischees hinwegsehen kann und Freude an einem combolastigen Action-Gameplay der Marke Devil May Cry hat, bekommt hier auf jeden Fall einige unterhaltsame Stunden mit einem Spiel geboten, das sich stets bemüht zu gefallen, dabei jedoch eher amüsant unvollkommen und bisweilen sogar etwas fremdschämig daherkommt.

Lost Soul Aside ist für PlayStation 5 und PC erhältlich.