Nachdem es Hollywood mit den letzten beiden grauenhaften Filmen fast gelungen ist, die Marke „Indiana Jones“ endgültig zu demontieren, nimmt sich nun endlich wieder die Videospielindustrie der Kultfigur an. Und während im Kino schon längst der traurige Abgesang stattgefunden hat, ist die Macht der 80er offenbar immer noch stark bei den Spieldesignern von MachineGames. Diese haben dem wohl bekanntesten Archäologen der Welt nämlich ein Abenteuer auf den Leib geschneidert , wie es die Figur und vor allem die Fans verdient haben. Und überhaupt kennen sich die Wolfenstein-Macher ja bestens mit dem Verkloppen von Nazis aus.
Seit dem ersten Film „Jäger des Verlorenen Schatzes“ aus dem Jahr 1981 hat Indiana Jones diverse Videospielhelden inspiriert. So etwa Lara Croft und Nathan Drake, um nur die wohl berühmtesten zu nennen. Auf eben jenen Spuren wandelt nun wiederum der digitale Dr. Henry Jones, und da schließt sich der Kreis. Und wie es der Zufall so will, geht es in Indys neuem Abenteuer auch um einen solchen.

Nun klingt der Titel Indiana Jones und der große Kreis zwar eher nach einer Matheaufgabe für Grundschüler, tatsächlich beschreibt er aber eine weltumspannende Jagd nach Artefakten. Wie bei einem Indiana Jones üblich, wohnt diesen eine große Macht inne, welche sich ein herrlich fieses Oberschurken-Duo zunutze machen möchte. Da eine kriegsentscheidende, mythische Macht aber nun einmal nicht in die Hände von Nazis gehört, pfeift Dr. Jones auf das Wintersemester am Marshall College, schnappt sich Fedora, Lederjacke und Peitsche und folgt einer Spur in den Vatikan. Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz ahnen kann, was ihm alles bevorsteht.
Wir wollen an dieser Stelle natürlich nicht spoilern, es darf aber gesagt werden, dass Indiana Jones und der große Kreis alle Zutaten eines typischen Abenteuers aus der goldenen Ära des Helden mitbringt, und sogar noch mehr. Ähnlich wie zu seligen „The Fate of Atlantis“-Zeiten haben sich die Macher die Mühe gemacht, für das Spiel einen eigenständigen Plot zu entwickeln, der zeitlich zwischen den ersten beiden Filmen angesiedelt ist. Und um es schon einmal vorwegzunehmen: MachineGames gelingt es hervorragend, den Geist der Originale einzufangen.

Neben bekannten Figuren werden uns dabei auch eine ganze Reihe frischer Charaktere vorgestellt, die das Serien-Universum perfekt ergänzen. So zum Beispiel die sympathische Journalistin Gina Lombardi, die uns ebenso tat- wie auch schlagkräftig zur Seite steht, oder der wunderbar überzeichnete Emmerich Voss als Indys intellektueller Gegenspieler.
Dass uns endlich eine erzählerisch würdige Fortsetzung erwarten würde, hatten die ersten Trailer bereits angedeutet. Die Entscheidung, Indiana Jones und der große Kreis als Action-Adventure in der Ego-Perspektive aufzuziehen, sorgte im Vorfeld hingegen für großen Unmut. Das fertige Spiel beweist nun aber eindrucksvoll, was mit dem richtigen Gespür für Spielgeschwindigkeit und Szenenwechsel so alles möglich ist.

Der Mischung aus Passagen in der Ego-Sicht und Cutscenes im cineastischen Stil der alten Filme gelingt nämlich der Spagat, uns einerseits als direkter Protagonist in das Abenteuer zu saugen, und andererseits dem digitalen Konterfei des jungen Harrison Ford ausreichend Bühne zu geben. Seine deutsche Originalstimme ist zwar nicht mit an Bord, Florian Clyde macht als Ersatz aber einen derart guten Job, dass wir zu Beginn unsicher waren, es nicht womöglich doch mit Wolfgang Pampel oder zumindest einem KI-Ersatz zu tun zu haben.
Während sich die Zwischensequenzen mit ihrer Farbkomposition, dem Bildaufbau und selbst den guten alten Lichtbalken auf den Augen tief vor dem 80er-Jahre-Kino verbeugen, fühlen wir uns dazwischen wie der Action-Archäologe höchstpersönlich. Insbesondere dann, wenn ein Schatten die ikonische Silhouette an eine Wand wirft oder wir mit unserer Peitsche über Abgründe schwingen.
Spielerisch mixt Indiana Jones und der große Kreis Gameplay-Elemente aus Tomb Raider und Uncharted, orientiert sich in Sachen Spieltempo und Exploration aber vor allem auch an der Dishonored-Reihe. Soll heißen, dass es über weite Teile des Spiels eher gemächlich zugeht. Das gilt vor allem dann, wenn wir uns in einem der drei großen und frei begehbaren Gebiete des Spiels befinden, wie etwa der besagten Vatikan-Stadt.
Hier steht es uns frei, ob wir strikt der Hauptgeschichte folgen, oder ob wir uns den vielen, in dieser Semi-Open-World verstreuten Sidequests, Geheimnissen oder Sammelaufgaben widmen. Wir raten zu letzterem, denn neben teils erstaunlich aufwändig inszenierten Nebengeschichten werden wir dabei auch mit Abenteuerpunkten belohnt. Diese benötigen wir, um Indys Werte zu verbessern und diverse Perks zu erlernen, die uns beispielsweise härter zuschlagen lassen, unsere Taschen für Items vergrößern oder auch die Gesundheitsregeneration verbessern.

Allerdings gilt es zunächst, ein jeweils passendes Lehrbuch zu finden oder auch gegen die jeweils landestypische Währung, beziehungsweise bestimmten Sammelobjekte einzutauschen. Das mag nun zwar etwas sperrig klingen, dahinter steckt aber die Intention der Macher, möglichst viele Spielsysteme dem Geist der Zeit anzupassen, zu welcher Der große Kreis spielt. Und so wechseln wir dann auch nicht in eine übersichtliche 3D-Map, sondern navigieren mit Karten aus Papier, die wir auf Knopfdruck aus unserer Tasche kramen.
Diese stellt dann auch das Inventar dar. Immer mit dabei: Peitsche und Pistole. Nun gut … fast immer. Um Zugang zu ansonsten gesperrten Gebieten zu erhalten, müssen wir uns immer wieder verkleiden. Und in der Robe eines Geistlichen macht sich ein Revolver nun einmal nicht so gut.

Ungewöhnlich für ein Spiel der Wolfenstein-Macher kommt den Schusswaffen ohnehin eher wenig Beachtung zu. Auch wieder eine dieser Verbeugungen vor dem Original. Denn Indy mag ein Action-Held sein, aber keiner von der Sorte, der reihenweise Feinde mit einer Uzi niedermäht. Wie in den Filmen auch, löst Dr. Henry Jones seine Probleme bevorzugt mit einem beherzten Faustschlag.
Kommt es zum Kampf, können wir mit beiden Fäusten zuschlagen, blocken und auch ausweichen. Zur Chancengleichheit schlagen wir dem Feindespack die Waffen mit einem Peitschenhieb aus den Händen oder bringen sie damit auch direkt zu Fall. All das unterlegt von wunderbar satten Soundeffekten, die wie die Faust aufs Auge zu dem selbstreferenziellen Humor passen, für den wir Indy kennen und lieben.

Nur selten müssen wir selbst mit Waffengewalt ran, zumal Munition rar ist und ein lauter Schuss sämtliche Feinde auf uns aufmerksam werden lässt. Viel klüger ist es, sich an die Gegner heranzuschleichen, um sie mit dem Kolben, oder was eben gerade sonst so herumliegt, direkt K.O. zu schlagen. Die eher dumme KI macht derlei Schleichmanöver recht einfach. Da die meisten Wachen auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad aber sowieso nur wenig Schläge einstecken, haben wir recht bald damit begonnen, uns einfach durchs Spiel zu prügeln. Macht Laune und geht schnell, zumindest solange man einen Blick auf seine Ausdauerleiste behält. Ist diese leer, stehen wir kurzzeitig wehrlos da.
Wird auf uns gefeuert, ist der Ofen zwar nach wenigen Treffern aus, doch die automatischen Checkpoints sind meist recht fair gesetzt. Schade ist es dennoch, dass wir nicht frei speichern dürfen. Begrüßenswert finden wir hingegen, dass wir über unser Tagebuch jederzeit zu bereits besuchten Gebieten zurückkehren können, um die Story zu pausieren und dort unerledigte Aufgaben nachzuholen.

Während die Sammelaufgaben wohl nur hartnäckige Trophäenjäger interessieren, haben es uns dabei vor allem die vielen optionalen Rätsel angetan, die zum Teil angenehm viel Hirnschmalz erfordern. Sich anhand von Hinweisen auf einem Wolkenatlas einen Safe-Code zu ergrübeln, macht schon gehörig Laune. Ganz besonders atmosphärisch wird es dann aber, wenn wir in schummerigen Katakomben oder muffigen Grabkammern Schalter in der richtigen Reihenfolge betätigen, Lichtstrahlen über Spiegel lenken oder Fallen ausweichen müssen.
Der Rätselanteil ist entsprechend hoch, zuweilen bringt uns aber auch nur eine zünftige Klettereinlage ans Ziel. Im Gegensatz zu seinen meisten Abenteurerkollegen ist Indy allerdings ein eher behäbiger Kletterer, was auch an seinem angestrengten Schnaufen und dem abnehmenden Ausdauerbalken deutlich wird. Das ist der Figur entsprechend zwar glaubwürdig, erfordert vom Spieler jedoch auch ein großes Maß an Geduld, wenn es mal wieder gilt, eine Wand zu erklimmen.

Durchaus charmant, aber auch recht unübersichtlich ist zudem Indys Tagebuch ausgefallen, in welchem er mit eigenen Zeichnungen und allerlei Fotos alle relevanten Informationen zu den Quests und auch den zugehörigen Rätseln dokumentiert. Bis wir eine versehentlich zu schnell weggeklickte Notiz hier wiedergefunden haben, kann es schon mal etwas dauern.
Clever ist hingegen die Idee, dass wir immer mehr Hinweise zur Rätsellösung erhalten, je häufiger wir das entsprechende Objekt mit unserer Fotokamera knipsen. Eine sehr elegant eingewobene Hilfestellung. Alternativ lässt sich der Schwierigkeitsgrad der Abenteuerelemente aber auch auch leicht stellen, sodass man als Spieler stärker geführt wird. Auch der Anspruch der Kämpfe lässt sich übrigens in vier Stufen festlegen.

Vergleicht man beide Bestandteile des Spiels, wird deutlich, dass die Macher dem Abenteuerpart deutlich mehr Bedeutung beigemessen haben. Das Rätseln ist so motivierend, die Erforschung so spannend, wie die Kämpfe stumpf und die KI-Gegner dämlich sind. Das macht unserer Meinung nach aber überhaupt nichts, da Indiana Jones und der große Kreis kein typisches Action-Adventure sein möchte. Stattdessen haben wir es hier eher mit Adventure-Action zu tun, wenn ihr uns diese wenig kreative Genre-Neubezeichnung verzeihen mögt.
Und damit trifft MachineGames den Nagel so was von auf den Kopf, wie es zuletzt nur George Lucas höchstpersönlich im grandiosen „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ vermochte. Erzählerisch hätte Der große Kreis auch auf der großen Leinwand eine gute Figur gemacht. Als Spiel belebt er die Marke aber mit einem frischen und gleichermaßen wohlvertrauten Odem so dermaßen werktreu neu, dass die beiden letzten Kinoausflüge glatt vergessen sind. Einen größeren Dienst hätten die Macher unserem Fan-Herz nicht erweisen können. Eine ganze Generation sagt Danke.

Nicht zuletzt auch für die enorm schicke Grafik, ohne welche dieses kleine Wunder wohl nicht möglich gewesen wäre. Nicht nur, dass Indy seinem realen Vorbild in Sachen Mimik und Gestik zum Verwechseln ähnlich sieht und die Umgebungen und Szenerien unglaublich detailverliebt daherkommen, das Spiel läuft auch noch jederzeit mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde. Lediglich in den Cutscenes gerät die Bildrate immer mal wieder ins Stottern.
All diese Pracht hat lediglich den Preis, dass sich Texturen in der Ferne sichtbar scharf stellen und es hier und da zu kleinen Pop-Ups kommt. Auch den einen oder anderen Clipping-Fehler haben wir bemerkt, ansonsten kommt Indiana Jones und der große Kreis bereits in unserer Vorabversion derart poliert daher, dass uns kein einziger wirklicher Bug untergekommen ist. Und das bei einem Spiel, welches einen reinen Story-Umfang von rund 15 bis 20 Stunden hat. Mit allen Nebenaufgaben glatt das Doppelte. Wir alle wissen, dass dies heutzutage alles andere als selbstverständlich ist.

Wir möchten MachineGames an dieser Stelle unseren ausdrücklichen Respekt und Dank zollen. Mit welch einer Werktreue Indiana Jones und der große Kreis den Charme der Originaltrilogie einfängt, sollte den Machern der letzten beiden Kino-Katastrophen sehr zu denken geben. Indys süffisante Art, der teils herrlich überzeichnete Slapstick-Humor, die bitterbösen Nazi-Schurken, ja selbst die Soundeffekte bei den Prügeleien … alles in diesem Spiel bringt das geschundene Fan-Herz wieder zum Schlagen.
Und nicht nur das: Indys neues, zwischen den ersten beiden Filmen angesiedeltes Abenteuer hat mit vielen angenehm fordernden Rätseln und einem motivierenden Fokus auf Erforschung auch spielerisch ordentlich was auf den Kasten. Dass die Kämpfe hier nur die zweite Geige spielen und eher stumpf ausfallen, verzeiht man dem Spiel nun allzu gerne, wenn man sich in einem schummerigen Grabmal mit der Peitsche über einen stachelbewehrten Abgrund schwingt.
Getragen wird das narrativ enorm starke Abenteuer darüber hinaus von einer Technik, die uns hat staunen lassen. Dass der digitale Dr. Henry Jones seinem realen Alter Ego aus den 80ern in den gelungenen Cutscenes so derart nahe kommt, hatten wir erwartet. Nicht aber, dass Der große Kreis seine ausufernden und üppig ausstaffierten Szenarien mit 60 Bildern pro Sekunde nahezu fehlerfrei stemmt.
Mit Blick auf das aktuelle Spielejahr beweist Indiana Jones und der große Kreis somit eindrucksvoll, dass unverhofft oft und das Beste zum Schluss kommt. Hier haben wir ganz klar einen Anwärter auf den Titel „Spiel des Jahres 2024“, der dazu noch das Zeug dazu hat, eine neue Generation zu Indy-Fans zu machen. Alte Hasen nicken indes wissend und genießen dieses Ausnahmespiel mit einem behaglichen Lächeln im Gesicht.
Indiana Jones und der große Kreis ist aktuell für Xbox Series und PC erhältlich. Eine Version für die Playstation 5 soll im Frühjahr 2025 folgen.
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