Mit Hot Wheels Unleashed und dessen Nachfolger hat Milestone bereits bewiesen, dass sich die kleinen Spielzeugflitzer hervorragend für rasante Arcade-Rennen eignen. Hot Wheels Infinite Rush bricht nun mit dem bisherigen Konzept und schickt die Miniaturautos erstmals in frei befahrbare Spielwelten.

Statt lediglich eine Strecke nach der anderen abzuarbeiten, dürfen wir vier Inseln erkunden, auf denen es diverse Herausforderungen zu absolvieren und eine Sammlung aus mehr als 150 Fahrzeugen aufzubauen gilt. Und tatsächlich bringt der Schritt in Richtung Open World frischen Wind in die Reihe, allerdings schüttet sich Milestone mit einigen Designentscheidungen selbst Zucker in den Tank.

Auf zu neuen Ufern

Eine große Geschichte sollte man von Hot Wheels Infinite Rush nicht erwarten. Unser Ziel besteht lediglich darin, auf den vier Inseln Wheelswood, Tentacle Bay, Gearville und Drifty Temples genügend Rennen und Herausforderungen zu absolvieren, um schließlich die jeweiligen Rush Master herausfordern zu dürfen und deren Fahrzeuge dem eigenen Fuhrpark hinzuzufügen.

Eine einzige zusammenhängende Open World gibt es entsprechend nicht. Wer die Insel wechseln möchte, muss dafür zu einem entsprechenden Reisepunkt fahren und eine Ladepause abwarten. Das Reisekonzept hätte nun viel Raum für verschiedene Biome geboten, die optische Abwechslung fällt jedoch ernüchternd aus, sodass es sich bei den Inseln auch um unterschiedliche Bezirke derselben Stadt hätte handeln können. Immerhin bemühen sich die Areale um unterschiedliche Settings, die im spielerischen Kontext verschiedene Schwerpunkte setzen und den einzelnen Fahrzeuggattungen des Spiels entsprechen.

Wheelswood kommt mit Hochhäusern und Großstadtflair daher, Tentacle Bay verbindet Küstenlandschaften mit deutlich verspielteren Elementen, während Gearville durch industrielle Canyons führt und Drifty Temples mit kurvigen Straßen und asiatisch angehauchten Tempelanlagen aufwartet. Typische Hot-Wheels-Elemente wie die orangefarbenen Plastikbahnen, Loopings, Rampen und absurde Konstruktionen wie ein steinewerfender Riesenaffe oder ein giftspeiender Skorpion ergänzen die Gebiete um ikonische Spielzeugelemente.

Zwischen Kinderzimmer und Open World

Trotz des nun deutlich offeneren Konzepts will Hot Wheels Infinite Rush mit den großen Open-World-Rasern aber gar nicht erst konkurrieren und gestaltet die Inseln im Vergleich zu Titeln wie Forza Horizon oder The Crew Motorfest sehr kompakt. Es handelt sich eher um überschaubare Spielplätze, auf denen die nächste Aktivität stets in Reichweite liegt. Neben klassischen Rennen gibt es unter anderem Zeit-, Drift-, Zerstörungs- und Wegpunkt-Herausforderungen sowie zahlreiche Sammelobjekte.

Infinite Rush zelebriert das Thema Spielzeug dabei so sehr, dass wir mit einem ulkigen Plopp durch nahezu jedes Objekt einfach durchrasen können. Und so kommt rasch eine Stimmung auf, die verdächtig dem Gefühl ähnelt, auf einem bunt bedruckten Teppich im Kinderzimmer mit seinen Spielzeugautos zu spielen, ohne sich dabei um Aspekte wie Story, Physik oder Logik kümmern zu müssen.

Das hat etwas angenehm Anarchisches, konsequent zu Ende gedacht erscheint uns der offene Ansatz jedoch nicht. Düsen wir gerade mal nicht durch einen der viel zu seltenen Loopings, hinterlässt die Spielwelt in weiten Teilen einen recht gewöhnlichen und gar uninspirierten Eindruck. Straßen, Häuser und Umgebung könnten genauso gut auch aus einem anderen Arcade-Rennspiel stammen. Erst wenn plötzlich eine orangefarbene Strecke eine Hauswand hinaufklettert oder eine riesige Kreatur die Kulisse überragt, kommt diese Hot-Wheels-Stimmung auf, von der wir uns schlicht mehr gewünscht hätten.

Zwar lässt sich, wie gesagt, allerhand Kleinzeug am Straßenrand zerlegen, nahezu jede Aktion wird mit Punkten quittiert und es gibt viel Verkehr, wirklich lebendig werden die Gebiete dadurch aber nicht. Außerdem büßt der neue offene Ansatz im Gegensatz zu den Vorgängern an Charme ein: Denn dort waren die winzigen Autos noch themengerecht in einer überdimensionierten Alltagswelt unterwegs. Infinite Rush macht dagegen gewissermaßen die gesamte Welt passend groß für Hot Wheels und verliert dadurch einen Teil dieses reizvollen Größenkontrasts.

Fahren mit heißen Reifen

Mit Blick auf die Rennen tut Milestone wiederum gut daran, das unkomplizierte Arcade-Handling der Vorgänger nicht grundlegend zu verändern. Heißt: Die Autos reagieren so unmittelbar auf unsere Eingaben, als würden wir sie mit der Hand über die Bahn schieben. Mit einem kurzen Bremsimpuls schicken wir die Boliden in den Drift und katapultieren uns anschließend mit dem Boost aus der Kurve. Realismus spielt erwartungsgemäß keine große Rolle. Gegner oder Zivilverkehr werden einfach weggerempelt, in der Luft können wir unseren Wagen um seine Achsen ausrichten und sollte ein waghalsiger Sprung dennoch schiefgehen, purzelt die Karre ein wenig herum und fährt dann weiter, als wäre nie etwas gewesen.

Gerade auf den klassischen Plastikabschnitten funktioniert das herrlich niederschwellige Fahrgefühl hervorragend. Wenn wir mit Vollgas in einen Looping schießen, anschließend kopfüber über eine magnetische Passage rasen und wenige Sekunden später wieder auf einer normalen Straße landen, macht Infinite Rush am meisten Spaß. Das hohe Tempo bleibt dabei stets gut kontrollierbar, sodass auch weniger erfahrene Rennspieler schnell zurechtkommen.

Ganz anspruchslos muss es trotzdem nicht bleiben. Auf höheren Schwierigkeitsgraden werden saubere Linien, kontrollierte Drifts und ein taktischer Einsatz des Boosts deutlich wichtiger. Infinite Rush bleibt auch dann letztlich ein zugänglicher Familien-Racer, leistet auf Wunsch aber durchaus etwas Gegenwehr.

Erfahrene Racing-Profis, die sich dennoch unterfordert fühlen, gehen direkt in den Multiplayer – online oder erfreulicherweise auch im lokalen Splitscreen für bis zu vier Personen. Schade dabei: Gemeinsam frei über die Inseln zu cruisen, ist im Splitscreen nicht möglich, da sich der lokale Mehrspielermodus ausschließlich auf einzelne Wettbewerbe konzentriert. Dafür unterstützt Infinite Rush Crossplay, wobei Nintendo Switch 2 davon ausgenommen ist.

Routine und Rivalen

Nachdem uns Infinite Rush zu Beginn noch viele verschiedene Beschäftigungsangebote macht, wird rasch deutlich, dass die Menge der Aktivitäten größer ist als ihre Vielfalt. Viele Aufgaben wiederholen sich lediglich in einer anderen Umgebung. Wer nur der Kampagne folgt und sich die interessantesten Herausforderungen herauspickt, wird sich gut und kurzweilig unterhalten fühlen. Komplettisten müssen dagegen eine gewisse Toleranz gegenüber typischer Open-World-Checklistenarbeit mitbringen.

Für etwas Abwechslung sorgen dabei vier Fahrzeugklassen. Flexis sind die Allrounder, Drifter fühlen sich erwartungsgemäß in Kurven besonders wohl, Raser setzen auf Höchstgeschwindigkeit und Titanen tauschen einen Teil ihres Tempos gegen Masse und Durchschlagskraft. Auch die Boost-Systeme unterscheiden sich. Drifter laden beispielsweise beim Querfahren Energie auf, während Raser von hoher Geschwindigkeit profitieren. Titanen regenerieren ihren Boost automatisch, werden dafür aber kurzzeitig ausgebremst, wenn die gesamte Ladung aufgebraucht wird.

In der freien Fahrt stellen wir aus je einem Fahrzeug jeder Klasse unser Rush Squad zusammen und können im freien Spiel on the fly zwischen diesen Autos wechseln. Das ist selten nötig, aber recht praktisch, wenn wir einen der zufallsbasiert auftauchenden Daredevils – besondere Fahrzeuge, die es beim Händler nicht zu kaufen gibt – zum Duell herausfordern.

Statt auf einer abgesperrten Rennstrecke geht es dabei quer durch die jeweilige Umgebung und von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt. Das kann herrlich chaotisch werden und fühlt sich deutlich spontaner an als die regulären Veranstaltungen, lässt dafür aber eine eingeblendete Wegführung missen. Wer im hohen Tempo eine Abbiegung übersieht, verliert schnell wertvolle Sekunden.

Und gegen einen Daredevil auf den vergleichsweise kurzen Strecken zu verlieren, ist immer besonders ärgerlich, denn eine der motivierenden Triebfedern von Hot Wheels Infinite Rush ist das Sammeln.

Die Garage wird immer voller

Mehr als 150 Fahrzeuge stecken bereits im Basisspiel und reichen von klassischen Hot-Wheels-Kreationen bis zu realen Lizenzmodellen. Um uns neue Wagen beim offiziellen In-Game-Shop oder auch beim umherfahrenden geheimen Händler leisten zu können, verdienen wir Gold und Komplettierungstokens, erfüllen Herausforderungen oder treten gegen besagte Daredevils an.

Und selbst wenn man die ganzen Fahrzeuge gar nicht fahren will, schlägt die Sammelwut voll zu. Ein bislang unbekanntes Hot-Wheels-Modell in die Garage zu stellen und die einzelnen Kategorien zu vervollständigen, funktioniert als Belohnung besser, als es der Gegenwert eigentlich erlauben sollte.

Denn auch wenn eine Karre vielleicht besonders cool aussehen mag, entscheiden auf der Strecke die jeweiligen Werte in Sachen Geschwindigkeit, Beschleunigung, Handling und Boost. Zwar können die Fahrzeuge über freizuschaltende Module verbessert werden, um sie an unseren bevorzugten Fahrstil anzupassen. Der Effekt ist jedoch nicht deutlich genug, um aus einer grundlegend lahmen Kröte einen schnellen Flitzer zu formen. Auch die grundlegende Karosserie bleibt unangetastet, lässt sich aber mit optischen Editoren für Lackierungen, Sticker und Räder umfangreich anpassen. Wer zu faul ist, sich hier reinzuarbeiten, greift auf Designs aus der Community zurück.

Gleiches gilt für den Streckeneditor, der diesmal besonders spaßig ausfällt, da eigene Streckenelemente direkt mit den vorhandenen Inseln kombiniert werden können. Wir platzieren Plastiksegmente nach eigenem Gusto mitten im Gelände oder auch in der Stadt, ziehen unsere Bahnen quer über die Dächer oder basteln wilde Kapriolen über den vorhandenen Landschaften. Die Möglichkeiten sind umfangreich, allerdings benötigt die Bedienung etwas Eingewöhnung.

Hübsche Flitzer in einer etwas leeren Welt

Technisch macht Hot Wheels Infinite Rush auf der PlayStation 5 einen sauberen, wenn auch eher unspektakulären Eindruck. Zwar gefallen vor allem die Fahrzeuge mit klar zu erkennenden Materialien wie Kunststoff und Metall sowie ihren kräftigen Farben, der Detailgrad, wie ihn zum Beispiel die LEGO-Spiele inzwischen zelebrieren, wird jedoch nicht erreicht.

Generell wirkt das Spiel streckenweise etwas weichgezeichnet. Kurios und nicht zuletzt auch störend sind zudem die deutlichen Ladezeiten beim Wechsel zwischen den Rennen und der offenen Welt. Zusammen mit den Inselwechseln und der in Ermangelung einer Wegfindungsfunktion oder Schnellreisefunktion gelegentlich notwendigen Kartenarbeit entstehen dadurch immer wieder aufgezwungene Pausen. In einem Racer, der eigentlich am besten funktioniert, wenn er uns einfach weiterfahren lässt, fällt das besonders negativ aus. Und warum die SSD der PlayStation 5 so sehr ins Schnaufen gerät, ist uns mit Blick auf das Gebotene ein Rätsel.

Während der Rennen bleibt die Darstellung dafür aber stets übersichtlich und vermittelt ein ordentliches Geschwindigkeitsgefühl. Bei hohem Tempo treten allerdings spürbare Ruckler auf. Zwischen verschiedenen Grafikmodi dürfen wir nicht wechseln, dafür aber an der Bewegungsunschärfe schrauben, was einen ähnlichen Effekt auf das Spielerlebnis hat.

Der Sound gibt sich indes zurückhaltend und zahm, was nicht immer zum Radau passen mag, den die wilden Bildschirmaktionen erwarten lassen. So putzig das spielzeughafte Plopp beim Durchbrechen von Gegenständen auch ist, hätte Infinite Rush in Sachen Effekte mehr Punch vertragen. Das Gleiche lässt sich auch über die Musik sagen, die zwar gut ins Ohr geht und sich auf jeder Insel um unterschiedliche Genres bemüht, dabei aber recht generisch geraten ist. Wirklich schlecht ist das nicht, einen eigenen Charakter entwickelt der Soundtrack dadurch aber kaum.

Fazit

Nach zwei eher klassisch aufgebauten Vorgängern macht Milestone mit Hot Wheels Infinite Rush einen Schritt in Richtung Open World. Zwar geht dabei die charmante Größenskalierung verloren, das angenehm direkte Arcade-Handling versprüht in Verbindung mit dem anarchischen Spielprinzip aber immer noch ordentlich Spielzeugflair. Die unterschiedlichen Fahrzeugklassen sorgen für zusätzliche Abwechslung und vor allem die Jagd nach immer neuen Modellen triggert auf wohlig nostalgische Weise den Sammeltrieb.

An anderen Stellen geht das Konzept jedoch nur bedingt auf. Die vier offenen Inseln wirken insgesamt recht steril und lassen es an Varianz missen, auch viele Aktivitäten wiederholen sich zu schnell. Hinzu kommen immer wieder Ladezeiten, die an vergangene Konsolengenerationen erinnern und bei dem grundsätzlich flotten und dynamischen Spielprinzip wie Bremsklötze wirken.

Hot Wheels Infinite Rush ist deshalb vielleicht nicht der erhoffte große Sprung für die Reihe und kann als Open-World-Racer nicht vollends überzeugen, als großer virtueller Spielzeugkasten funktioniert es allerdings ziemlich gut. Es macht einfach verflucht viel Laune, unkompliziert und ohne großen Stress oder Progressionsdruck kleine Flitzer über die Strecken zu zirkeln, seine Sammlung um neue Wagen zu erweitern und zwischendurch irgendeinen Unsinn anzustellen. Insofern imitiert Hot Wheels Infinite Rush das sorglos entspannte Kinderzimmer-Gefühl tatsächlich ziemlich gut.

Hot Wheels Infinite Rush ist für PC, PlayStation 5, Xbox Series X|S und Nintendo Switch 2 erhältlich.