Mit Fire Emblem: Fortune’s Weave feiert Nintendos traditionsreiche Strategie-Rollenspielreihe ihr Debüt auf der Switch 2. Intelligent Systems bleibt den taktischen Wurzeln der Serie treu, baut das bekannte Konzept aber zu einem wahrhaft epochalen Abenteuer aus, das klassische Rundengefechte mit Erkundung, Charakterbeziehungen und gleich mehreren miteinander verwobenen Geschichten verbindet. Wer tatsächlich alles sehen möchte, kann hier weit über 100 Stunden verbringen.
Zwingend notwendig ist dieser enorme Zeitaufwand allerdings nicht. Fortune’s Weave überlässt es weitgehend euch, wie tief ihr in seine verschiedenen Geschichten und zahlreichen Nebensysteme eintauchen möchtet. So oder so bekommt man weiterhin das, wofür Fire Emblem seit Jahrzehnten bekannt ist: rundenbasierte Taktikkämpfe, in denen Positionierung, Klassen, Ausrüstung und die Beziehungen zwischen den eigenen Einheiten über Sieg und Niederlage entscheiden.

Ein Schicksal mit vier Fäden
Viel Zeit für eine gemütliche Einführung lässt euch Fortune’s Weave nicht. Nachdem ihr Geschlecht und Aussehen der Hauptfigur Eshmel festgelegt habt, landet ihr in einer Zukunft, in der der Kontinent Dagda praktisch bereits verloren ist. Der Dämonenkönig Balor und seine Armeen haben weite Teile des Landes verwüstet, während die verbliebenen Kämpfer einen nahezu aussichtslosen letzten Widerstand leisten.
Die Rettung kommt ausgerechnet aus der Vergangenheit. Mithilfe der Göttin Fortuna reist Eshmel fünf Jahre zurück und erhält die Möglichkeit, entscheidende Ereignisse neu zu beeinflussen. Im Mittelpunkt stehen dabei vier Menschen, deren Schicksale eng mit der Zukunft Dagdas verknüpft sind: der junge Cai, der seinen zum Tode verurteilten Vater retten möchte, die von Rache getriebene Musikerin Leda, der ständig nach neuen Herausforderungen suchende Schwertkämpfer Dietrich und Theodora, Königin von Saramis.

Ihre Wege führen zu den Heroenspielen in der Hauptstadt Dagsion, bei denen einige der stärksten Kämpfer des Landes gegeneinander antreten. Dem Sieger winkt nicht einfach nur Ruhm und Reichtum, sondern die Erfüllung eines Wunsches. Entsprechend unterschiedlich fallen die Beweggründe der vier Protagonisten aus – und ebenso unterschiedlich erlebt ihr die Ereignisse rund um das Turnier.
Statt euch für eine der Figuren entscheiden und für den Rest des Spiels mit dieser Wahl leben zu müssen, könnt ihr zwischen den vier Handlungssträngen wechseln. Bereits erlebte Ereignisse erscheinen dadurch teilweise aus einer völlig anderen Perspektive, während sich nach und nach Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten ergeben. Gleichzeitig verfolgt jede Gruppe über weite Strecken ihre eigene Handlung, sodass sich die vier Wege trotz gelegentlicher Überschneidungen nicht einfach wie Varianten derselben Geschichte anfühlen.

Mehr als nur von Schlacht zu Schlacht
Das Aushängeschild der Fire Emblem-Reihe sind die taktischen Schlachten, Fortune’s Weave garniert diese aber mit einem wahren Füllhorn an Beschäftigungen. Zwischen den Hauptmissionen bewegt ihr euch zugweise über eine umfangreiche Weltkarte, erkundet kleinere Dungeons, sammelt Materialien, erledigt Nebenaufgaben oder kümmert euch in Dagsion um eure Truppe. Dabei steht euch allerdings nicht unbegrenzt Zeit zur Verfügung. Viele Aktionen kosten Spielzeit, sodass ihr regelmäßig entscheiden müsst, womit ihr euch bis zum nächsten wichtigen Ereignis beschäftigen möchtet.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Beziehungen zu den zahlreichen Charakteren. Gemeinsame Mahlzeiten, Geschenke und andere Aktivitäten verbessern die Bindung zu euren Mitstreitern und können euch im Kampf zusätzliche Vorteile verschaffen. Gleichzeitig lassen sich auf diesem Weg neue Kämpfer für die eigene Gruppe gewinnen. Mit mehr als 50 potenziellen Verbündeten gibt es davon reichlich, wobei nicht jede Figur auf jedem der vier Pfade ohne Weiteres rekrutiert werden kann. Welche Mitstreiter sich euch anschließen, hängt unter anderem von eurem Ansehen, der Beziehung zur jeweiligen Figur und teilweise von zusätzlichen Aufgaben ab. Einige Charaktere stehen auf bestimmten Pfaden zudem überhaupt nicht zur Verfügung.

Für zusätzliche Abwechslung sorgen die unterschiedlichen Fähigkeiten der Hauptfiguren. Cai kann sich beispielsweise um Landwirtschaft kümmern und Tiere zähmen, während Leda mit musikalischen Auftritten ihr Geld verdient. Dietrich sucht gezielt besonders starke Gegner und kann dabei neue Kampftechniken erlernen, Theodora wiederum kann eigene Bataillone rekrutieren, die ihr in den Schlachten zusätzliche taktische Möglichkeiten eröffnen.
Hinzu kommen besagte Dungeons, die ihr anders als die regulären Schlachtfelder frei aus der Third-Person-Perspektive erkundet. Trefft ihr dort auf Gegner, wechselt Fortune’s Weave in ein separates rundenbasiertes Kampfsystem mit einer kleineren Gruppe. Diese Ausflüge liefern nicht nur zusätzliche Beute und Ressourcen, sondern können auch neue Wege auf der Weltkarte freilegen. Was zunächst für willkommene Abwechslung sorgt, nutzt sich aufgrund der recht ähnlich aufgebauten Level und vergleichsweise simplen Kämpfe auf Dauer jedoch alsbald ab.

Taktik bleibt das Herzstück
So umfangreich das Drumherum auch ausfällt, im Zentrum von Fortune’s Weave stehen weiterhin die rundenbasierten Schlachten. Auf in Felder unterteilten Karten bewegt ihr eure Einheiten nacheinander über das Schlachtfeld, bringt sie in Position und versucht, die Stärken ihrer jeweiligen Klasse möglichst effektiv auszuspielen. Bogenschützen eignen sich beispielsweise besonders gut gegen fliegende Gegner, während schwer gepanzerte Einheiten empfindlich auf Magie reagieren.
Dabei geht es längst nicht nur darum, möglichst hohe Schadenswerte auf den Bildschirm zu zaubern. Gelände, Engstellen und die Reichweite gegnerischer Einheiten wollen ebenso berücksichtigt werden wie Ballisten, Fallen oder andere Besonderheiten der jeweiligen Karte. Die variantenreich gestalteten Schlachtfelder sorgen dafür, dass ihr eure Vorgehensweise immer wieder anpassen müsst, statt lediglich mit der stärksten Truppe auf den nächsten Gegner zuzustürmen.

Zusätzliche Möglichkeiten eröffnen spezielle Kampftechniken, die im Gegenzug an der Haltbarkeit eurer Waffen zehren, sowie die besonders mächtigen Angriffe der vier Hauptfiguren. Diese sogenannten Blaze Arts können in brenzligen Situationen einen erheblichen Unterschied machen, kosten bei ihrer Verwendung allerdings Lebenspunkte und wollen entsprechend mit Bedacht eingesetzt werden.
Langfristig entwickelt ihr eure Kämpfer zudem über Erfahrungspunkte und bessere Ausrüstung weiter. Verschiedene Klassen eröffnen unterschiedliche Waffen, Fähigkeiten und Einsatzmöglichkeiten, sobald bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dadurch lässt sich die eigene Truppe zunehmend spezialisieren und an den bevorzugten Spielstil anpassen. Neben bekannten Rollen wartet Fortune’s Weave zudem mit ungewöhnlicheren Einheiten auf – darunter Elefantenreiter, die auf dem Schlachtfeld gleich mehrere Felder beanspruchen und Gegner schlicht niedertrampeln können.

Zwischen Einsteigerhilfe und Herausforderung
Wie anspruchsvoll Fortune’s Weave ausfällt, könnt ihr in weiten Teilen selbst bestimmen. Eine der wichtigsten Hilfen ist die Möglichkeit, bereits ausgeführte Spielzüge zurückzudrehen und eine missglückte Situation noch einmal anders anzugehen. Wie großzügig euch das Spiel dabei unter die Arme greift, hängt allerdings vom gewählten Schwierigkeitsgrad ab. Auf höheren Stufen kostet das Zurückdrehen eine entsprechende Ressource, sodass sich Fehler nicht beliebig oft korrigieren lassen.
Wer seinen Entscheidungen noch mehr Gewicht verleihen möchte, kann zudem den klassischen Modus mit Permadeath wählen. Besiegte Einheiten sind dann dauerhaft verloren und stehen für den weiteren Verlauf nicht mehr zur Verfügung. Dank der Rückspulfunktion muss allerdings auch hier nicht jeder Fehltritt zwangsläufig das Ende eines liebgewonnenen Kämpfers bedeuten.

Viel Spiel bringt Wiederholungen
So reizvoll die Möglichkeit ist, alle vier Geschichten innerhalb eines Durchgangs zu verfolgen, ganz ohne Wiederholungen kommt Fortune’s Weave dabei nicht aus. Zwar erzählen Cai, Leda, Dietrich und Theodora über weite Strecken ihre eigenen Geschichten und bestreiten unterschiedliche Hauptmissionen, bei Nebenaufgaben, Rekrutierung, Dungeons und anderen Beschäftigungen überschneiden sich die Pfade jedoch zunehmend. Wer möglichst viel sehen und alle vier Gruppen aufbauen möchte, wird deshalb manch größeren Spielabschnitt mehrfach durchlaufen müssen.
Intelligent Systems zwingt euch aber glücklicherweise nicht dazu, diese Inhalte tatsächlich viermal zu spielen. Habt ihr einen entsprechenden Abschnitt einmal regulär absolviert, könnt ihr ihn mit den übrigen Gruppen überspringen und diese automatisch auf einen für den weiteren Verlauf geeigneten Stand bringen. Auch bereits erkundete Bereiche der Weltkarte bleiben beim Wechsel auf einen anderen Pfad aufgedeckt. So hält Fortune’s Weave die unvermeidlichen Wiederholungen zumindest an einigen Stellen angenehm kurz.

Etwas unverständlich bleibt angesichts des gewaltigen Umfangs allerdings die Beschränkung auf nur einen einzigen Speicherstand. Zwar könnt ihr über das Gewölbe der Obelisken zwischen den verschiedenen Pfaden wechseln, alternative Speicherstände für unterschiedliche Entscheidungen oder als Absicherung vor einer ungünstigen Situation erlaubt Fortune’s Weave jedoch nicht.
Mehr als austauschbare Schachfiguren
Dass Fortune’s Weave so viel Zeit für seine zahlreichen Figuren reserviert, zahlt sich vor allem bei deren Charakterisierung aus. Die vier Hauptgruppen unterscheiden sich nicht nur durch ihre jeweiligen Ziele, sondern entwickeln auch eine ganz eigene Dynamik. Die erzählerische Bühne bietet viel Platz für Freundschaften, Konflikte und sogar die eine oder andere Romanze. Dabei scheut sich die Geschichte nicht, auch mal ernstere Töne anzuschlagen. Besonders düster geht es etwa in Ledas von Rache geprägtem Handlungsstrang zu. Doch auch die anderen Figuren werden regelmäßig mit politischen Konflikten, gesellschaftlichen Erwartungen oder persönlichen Verlusten konfrontiert.

Nun mag nicht jeder der vier Stränge im gleichen Maße interessant ausgefallen sein, die unterschiedlichen Perspektiven helfen aber dabei, Dagda nicht nur als Kulisse für die nächste Schlacht, sondern als zusammenhängende Welt mit eigenen Kulturen und Konflikten wahrzunehmen. Auffällig ist jedoch, dass ausgerechnet unser selbst erstellter Charakter zu einer Randfigur verkommt. Obwohl Eshmel grundsätzlich über eine Stimme verfügt, bleibt die eigene Rolle in vielen Gesprächen auffällig passiv. Und wenn bei vermeintlichen Dialogentscheidungen lediglich eine einzige Antwort zur Auswahl steht, wirkt die Entscheidungsfreiheit größer, als sie tatsächlich ist.
Hübsche Helden, schlichtere Kulissen
In optischer Hinsicht profitiert Fire Emblem enorm von der Switch-2-Exklusivität. Derart detaillierte Charaktermodelle, aufwendig gestaltete Rüstungen und zahlreiche Zwischensequenzen hätten sich auf der alten Switch nicht realisieren lassen. Auch die Kampfanimationen fallen nun deutlich zeitgemäßer aus und setzen insbesondere direkte Duelle effektvoll in Szene.

Weniger beeindruckend präsentiert sich dagegen die Umgebung. Auf der frei erkundbaren Weltkarte und in einigen Dungeons treffen die hübschen Figuren auf vergleichsweise einfache Landschaften, schwache Texturen und teilweise auffällig kantige Objekte. Und auch bei der Bildrate gibt sich das Spiel mit seinen lediglich 30 Bildern pro Sekunde leider recht konservativ. Das fällt bei einem rundenbasierten Strategie-Rollenspiel natürlich weit weniger ins Gewicht als bei einem schnellen Actionspiel, von der Switch 2 hätten wir uns in dieser Hinsicht aber etwas mehr erhofft.
Wenig Anlass zur Kritik gibt die akustische Seite. Zwar wurden lediglich die Texte eingedeutscht, dafür überzeugt die englische Sprachausgabe mit engagierten und ausdrucksstarken Sprechern. Alternativ steht zudem eine japanische Vertonung zur Verfügung. Sehr gut gefällt uns außerdem der umfangreiche und fast durchweg starke Soundtrack, der orchestrale Stücke und Chöre mit jeweils an die verschiedenen Pfade angepassten Arrangements kombiniert und auch während der Schlachten eigene Variationen der Musikstücke einsetzt.

Fazit
Fire Emblem: Fortune’s Weave ist ein enorm ambitioniertes Strategie-Epos, das seinen gewaltigen Umfang nicht allein durch Masse rechtfertigt. Die vier miteinander verwobenen Geschichten, der große Cast und vor allem die taktisch starken Rundengefechte summieren sich zu einem wahrlich monumentalen Abenteuer, bei dem jeder selbst entscheiden kann, wie tief er in die verschiedenen Pfade und Nebenbeschäftigungen eintauchen möchte.
Ganz ungetrübt bleibt der positive Gesamteindruck allerdings nicht. Während die teilweise schlichte Umgebungsgrafik und die wenig gelungene Einbindung der eigenen Hauptfigur eher kleinere Makel darstellen, machen sich mit zunehmender Spielzeit vor allem die inhaltlichen Wiederholungen bemerkbar. Auch die grundsätzlich spannenden Dungeons nutzen sich auf Dauer ab und bleiben spielerisch eher belanglos. Gemessen am Gesamtpaket bleiben das jedoch überschaubare Kritikpunkte.
Denn unter all den Geschichten, Aktivitäten und zusätzlichen Mechaniken steckt vor allem ein hervorragendes und aufwändig inszeniertes Taktik-Rollenspiel, das mit spannenden Schlachten, gut verzahnten Systemen und zahlreichen Möglichkeiten bei der Zusammenstellung und Entwicklung der eigenen Truppe überzeugt. Fire Emblem gelingt damit ein ausgesprochen eindrucksvolles Debüt auf der Switch 2.
Fire Emblem: Fortune’s Weave ist exklusiv für Nintendo Switch 2 erhältlich.
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