Es gibt Spiele, die außerhalb ihrer Zeit nicht mehr funktionieren. Und dann gibt es Spiele, die auch viele Jahre später noch mühelos in ihren Bann ziehen – Spiele wie Final Fantasy X. Die Geschichte um Tidus und Yuna gilt bis heute als eine der emotionalsten der gesamten Reihe. Auch war es das erste Final Fantasy, das einen direkten Nachfolger erhielt – der jedoch bis heute polarisiert.
Mit Final Fantasy X/X-2 HD Remaster erscheinen beide Abenteuer nun auch für die Nintendo Switch 2. Große neue Inhalte sucht man zwar vergeblich, dennoch bringt die Neuauflage einige technische Verbesserungen und Komfortfunktionen mit, die bislang vor allem PC-Spielern vorbehalten waren. Bleibt die Frage: Reicht das aus, um die Reise nach Spira noch einmal anzutreten?

Der Weg ist das Ziel
Im Mittelpunkt von Final Fantasy X steht Tidus, ein gefeierter Blitzball-Spieler, der während eines Angriffs des gewaltigen Monsters Sin aus seiner Heimat gerissen und in die ihm fremde Welt Spira versetzt wird. Dort schließt er sich der jungen Beschwörerin Yuna und ihren Begleitern an, die sich auf eine gefährliche Pilgerfahrt begeben, um Sin endgültig zu besiegen.
Auf dem Weg entwickelt sich aus der gemeinsamen Reise weit mehr als ein klassischer Kampf gegen das Böse. Statt spektakulärer Wendungen setzt Final Fantasy X auf seine Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Themen wie Glaube, Opferbereitschaft, Hoffnung und Verlust ziehen sich durch die gesamte Handlung und verleihen der Geschichte eine ganz eigene Atmosphäre, die das Spiel bis heute so besonders macht.

Final Fantasy X lebt von seinen Figuren – mehr als die meisten anderen Teile der Reihe. Die Dynamik innerhalb der Gruppe entwickelt sich glaubwürdig, die Dialoge sorgen immer wieder für ruhige Momente zwischen den Kämpfen und selbst Nebencharaktere wachsen einem im Laufe der Reise ans Herz. Unterstützt wird das Ganze von einem Soundtrack, der auch heute nichts von seiner emotionalen Wucht verloren hat – erst recht in der neu arrangierten Remaster-Version, die ihn akustisch noch einmal aufwertet.
Taktik statt Hektik
Spielerisch schlägt Final Fantasy X einen anderen Weg ein als viele seiner Vorgänger. Das bekannte Active-Time-Battle-System wurde über Bord geworfen und durch ein vollständig rundenbasiertes Kampfsystem ersetzt. Gegner warten geduldig auf ihren Zug, wodurch jeder Kampf deutlich strategischer wirkt als in vielen anderen Teilen der Reihe.

Fast jeder Charakter übernimmt dabei eine klar definierte Rolle. Während Tidus flinke Gegner zuverlässig trifft, räumt Wakka fliegende Monster aus dem Weg. Lulu setzt auf Elementarmagie, Auron durchbricht schwere Rüstungen und Yuna hält die Gruppe mit Heilzaubern am Leben oder ruft mächtige Bestien herbei. Wer die Stärken seiner Gruppe sinnvoll einsetzt und die Figuren regelmäßig austauscht, was jederzeit während des Kampfes möglich ist, kommt angenehm flüssig durch die Gefechte.
Ungewöhnlich war seinerzeit auch die Entwicklung der Charaktere über das sogenannte Sphärobrett. Statt klassischer Levelaufstiege bewegen sich die Charaktere über ein weit verzweigtes Netz aus Fähigkeiten und Attributen. Die nötigen Schritte und Sphäroiden zum Kauf der erreichten Abilities wollen im Kampf verdient werden. Anfangs wirkt dieses System etwas einschüchternd, nach einigen Stunden erschließt sich seine Logik jedoch immer besser. Besonders gegen Ende des Spiels eröffnet das Sphärobrett erstaunlich viele Möglichkeiten, die eigene Gruppe individuell auszubauen.

Weniger gut gealtert ist dagegen der Spielaufbau. Große Teile der Reise verlaufen sehr linear. Abseits kleiner Abzweigungen führt der Weg meist konsequent von einem Schauplatz zum nächsten. Wer moderne Rollenspiele mit offenen Welten gewohnt ist, könnte irritiert sein. Gleichzeitig bleibt die Handlung durch den stringenten Aufbau stets nachvollziehbar und sehr fokussiert.
Ein Punkt, der heute stärker negativ auffällt als noch zu Zeiten der PlayStation 2, sind die zahlreichen und teilweise sehr langatmigen Zwischensequenzen. Final Fantasy X nimmt sich viel Zeit für seine Figuren und erzählt seine Geschichte mit einer Inszenierung, die damals Maßstäbe setzte. Square wollte mit dem ersten Final Fantasy für die seinerzeit aktuelle Konsolengeneration zeigen, was alles möglich ist. So war X beispielsweise auch das erste Final Fantasy mit vollständiger Sprachausgabe.

Heute wirkt das Tempo stellenweise jedoch zäh – vor allem auch, weil sich die Sequenzen nach wie vor nicht vollständig überspringen lassen. Wenn man das Abenteuer bereits kennt oder nach einem verlorenen Kampf längere Passagen erneut ansehen muss, kann das schnell zur Geduldsprobe werden.
Final Fantasy X-2 macht fast alles anders
Der direkte Nachfolger hätte kaum unterschiedlicher ausfallen können. Schon die ersten Minuten machen deutlich, dass Square Enix einen völlig neuen Ton anschlägt. Wo Final Fantasy X melancholisch, ernst und stellenweise bedrückend wirkt, präsentiert sich X-2 deutlich leichter, poppiger und wesentlich verspielter.

Auch spielerisch bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Das rundenbasierte Kampfsystem weicht einer deutlich schnelleren Variante des Active-Time-Battle-Systems. Gegner greifen nun wieder in Echtzeit an, während gleichzeitig Befehle ausgewählt werden müssen. Das sorgt für wesentlich mehr Dynamik, verlangt aber auch deutlich mehr Aufmerksamkeit und eine gewisse Affinität für Hektik. Dass die Kamera in den Kämpfen gewollt sehr unruhig ist und nur schwer zu erkennen ist, wer gerade an der Reihe ist, macht es nicht unbedingt einfacher, den Überblick zu behalten.
Hinzu kommt das kuriose Dressphere-System. Statt fester Klassen wechseln Yuna, Rikku und Paine ihre Rollen direkt während eines Kampfes, indem sie in neue Klamotten schlüpfen. Aus der Heilerin wird innerhalb weniger Sekunden eine Schwarzmagierin oder Kriegerin, wodurch sich ständig neue taktische Möglichkeiten ergeben. Hat man das System einmal verinnerlicht, gehört es zu den größten Stärken des Spiels.

Doch soweit muss man erst einmal kommen. Denn gerade zu Beginn können die Vielzahl an Möglichkeiten und das hohe Tempo, mit dem das Spiel seine Systeme präsentiert, überwältigend und atemlos wirken.
Mehr als nur zwei Rollenspiele
Zusätzlich zu den beiden Spielen legt Square Enix der Sammlung noch den animierten Kurzfilm „Eternal Calm“ bei, der die Ereignisse zwischen beiden Abenteuern miteinander verbindet. „Last Mission“, ein eigenständiger Dungeon-Crawler, der die Geschichte von Yuna, Rikku und Paine weitererzählt, komplettiert das Paket.
Fans, die möglichst tief in die Welt von Spira eintauchen möchten, erhalten also jede Menge Futter. Gemeinsam mit den Inhalten der International-Version – darunter optionale Gegner, das Experten-Sphärobrett und weitere Extras – steckt in der Sammlung enorm viel Umfang. Selbst wer sich ausschließlich auf die Hauptgeschichten konzentriert, verbringt problemlos weit über 80 Stunden in Spira. Wer sämtliche Geheimnisse entdecken, optionale Bosse bezwingen und alle Zusatzinhalte erleben möchte, kann diese Spielzeit problemlos verdoppeln.

Kleine Verbesserungen mit großer Wirkung?
Wer Final Fantasy X/X-2 HD Remaster bereits auf einer anderen Konsole gespielt hat, wird auf den ersten Blick kaum Unterschiede erkennen. Wer aber genauer hinschaut – sie sind ein wenig versteckt –, entdeckt einige neue Komfortfunktionen, die bislang der PC-Version vorbehalten waren. So lässt sich die Spielgeschwindigkeit auf das Zwei- oder Vierfache erhöhen, ein Auto-Kampf-Feature erledigt automatisiert Gegner, Zufallskämpfe können auf Wunsch gleich ganz deaktiviert werden und weitere Hilfsfunktionen erleichtern den Spielfortschritt zudem so erheblich, dass sie durchaus als Cheats bezeichnet werden dürfen.
Gerade die Geschwindigkeitsoption erweist sich dabei als echter Gewinn, der Auto-Kampf hinterlässt indes einen etwas zwiespältigen Eindruck. Da er im Wesentlichen nur Standardangriffe nutzt und weder auf Gegnerschwächen noch auf Heilung oder besondere Fähigkeiten eingeht, eignet er sich höchstens für sehr einfache Kämpfe.

Technisch präsentiert sich die Switch-2-Version aber in bester Verfassung. Die höhere Auflösung macht sich vor allem im TV-Modus bemerkbar. Charaktermodelle, Menüs und Umgebungen wirken sichtbar schärfer als auf der ursprünglichen Switch. Gleichzeitig läuft das Abenteuer jederzeit stabil und eignet sich dank der Handheld-Funktion weiterhin hervorragend für unterwegs. Vor allem die aufwendig in Szene gesetzten Zwischensequenzen sehen auf dem kleinen Screen immer noch erstaunlich zeitgemäß aus.
Und wer Final Fantasy X zuletzt 2004 auf der PlayStation 2 gespielt hat, profitiert gleich mehrfach. Das Remaster beseitigt nämlich die meisten leidigen Anpassungsprobleme der damaligen PAL-Version. Das Spiel läuft wieder mit der ursprünglich vorgesehenen Geschwindigkeit und verzichtet auf die gestauchte Bilddarstellung der europäischen PS2-Fassung. Schade nur, dass die teils etwas krude anmutenden deutschen Texte nicht ebenfalls angepasst wurden, die leider nicht der guten englischen Synchronisation entsprechen.

Fazit
Final Fantasy X hat auch mehr als 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung kaum etwas von seiner Faszination verloren. Final Fantasy X-2 ergänzt den Vorgänger sinnvoll, bleibt aber nach wie vor einer der eigensinnigsten Serienteile. Bleibt die Frage, ob sich das Upgrade lohnt.
Wer das HD-Remaster von einer anderen Konsole bereits kennt, hat abgesehen von den Komfortfunktionen keine neuen Kaufanreize. Die spielerischen Inhalte sind identisch, ein Speicherstand lässt sich nicht übernehmen und echte exklusive Neuerungen sucht man vergeblich.
Wer Tidus und Yuna bislang noch nicht begleitet hat oder nur die vermurkste PAL-Version der PS2-Ära kennt, bekommt hier die ideale Gelegenheit, eines der prägendsten JRPGs aller Zeiten nachzuholen. Besser als auf der Nintendo Switch 2 ließ sich Spira auf einer Konsole bislang nicht bereisen. Die höhere Auflösung, die zusätzlichen Komfortfunktionen und der enorme Umfang machen diese Version zur bislang besten Fassung.
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