Mit Dragon’s Dogma 2 lieferte Capcom 2024 ein Rollenspiel ab, das uns vor allem durch seine Eigenwilligkeit begeisterte. Statt ständig an die Hand genommen zu werden, mussten wir unsere Abenteuer selbst planen, mit Vorräten haushalten und den Konsequenzen unserer Entscheidungen leben. Selbst ein vermeintlich harmloser Ausflug konnte sich dabei rasch als schlechte Idee erweisen.
Mit der umfangreichen Erweiterung Dark Arisen geht die Reise nun weiter und verschlägt den Erweckten in den eisigen Norden. Neben neuen Monstern und einer eigenständigen Geschichte erwarten uns hier auch einige interessante Veränderungen am bewährten Spielkonzept.

Darum geht’s
Der Zugang zur Erweiterung ist bereits früh im Spiel möglich. Dazu müssen wir nachts in Vernworth mit Hauptmann Brant sprechen und die entsprechenden Questreihen abschließen. Unser Weg führt uns schließlich nach Norgan, einer weitgehend verlassenen Winterregion, in der Gerüchten zufolge ein weiterer Erweckter aufgetaucht ist. Der Sache gilt es natürlich auf den Grund zu gehen, aber wie es in Dragon’s Dogma 2 nun mal so ist, erwächst aus einer vermeintlich kleinen Expedition in die unwirtliche Region rasch ein großes Abenteuer um eine untergegangene Zivilisation und eine drohende Katastrophe, die es abzuwenden gilt.
Dark Arisen knüpft dazu zwar an bekannte Motive des Hauptspiels an, erzählt ansonsten aber eine eigenständige Handlung. Der Plot ist diesmal etwas stärker auf seine zentralen Figuren ausgerichtet und hält einige durchaus interessante Überraschungen bereit. Mit der erzählerischen Qualität großer Story-Rollenspiele kann die Geschichte aber nicht mithalten. Insbesondere die Figuren bleiben trotz ihrer Bedeutung für die Handlung insgesamt zu blass.

Als Schauplatz macht Norgan hingegen eine hervorragende Figur. Auf der Karte mag die Region zunächst recht überschaubar wirken, doch ihre tatsächliche Größe erschließt sich erst beim Erkunden. Denn statt einer weitläufigen Ebene erwartet uns eine vielschichtige Landschaft, in der sich Wege immer wieder verzweigen und verschiedene Gebiete miteinander verbinden. Zwischen verschneiten Gebirgspfaden, alten Ruinen und weitläufigen Höhlensystemen gibt es allerhand zu entdecken.
Statt einfach nur eine Markierung auf der Karte abzuarbeiten, lohnt es sich also, die Umgebung aufmerksam zu erkunden. Schließlich könnte hinter der nächsten Felswand ein wertvoller Schatz warten. Oder ein Monster, dem man lieber nicht begegnet wäre. Hier trifft die Erweiterung also voll den Nerv des Hauptspiels, ergänzt unsere Möglichkeiten aber der Umgebung angemessen um neue Hilfsmittel. Mit speziellen Kletterhaken lassen sich etwa an dafür vorgesehenen Stellen größere Höhenunterschiede überwinden und praktische Abkürzungen erschließen. Unterstützung gibt es außerdem von der Spürwölfin Freki, die uns bei der Suche nach verborgenen Schätzen tatkräftig zur Seite steht.

An Beschäftigung mangelt es hier wahrlich nicht. Allein für die neue Hauptgeschichte sollte man rund 20 Stunden einplanen. Wer Norgan dazu noch gründlich durchstreift, Nebenaufgaben erledigt, seltene Ausrüstung sammelt und auch die zusätzlichen Herausforderungen außerhalb der Region angeht, kann locker noch einmal das Doppelte an Zeit investieren.
Winter is coming
Dark Arisen ist damit weit mehr als ein kurzer Abstecher in eine verschneite Nebenregion, vor allem aber ist Norgan kein gemütliches Urlaubsziel. Die lebensfeindliche Umgebung nimmt uns mit ihren regelmäßigen Schneestürmen immer wieder die Sicht, sodass wir im schlimmsten Fall orientierungslos umherirren. Stellen wir uns dem Wetter ohne geeigneten Kälteschutz, zehren die eisigen Winde außerdem an unserer Ausdauer. Ohne die passende Ausrüstung kann die Reise damit schon vor der ersten Begegnung mit einem Monster ein jähes Ende finden.

Eine echte Überlebenssimulation wird Dragon’s Dogma 2 daraus zwar nicht, doch die Wetterverhältnisse sorgen auf unseren Expeditionen für zusätzliche Dramatik. Sie verschärfen genau jene Mischung aus Vorbereitung, Entdeckerdrang und ständig lauernder Gefahr, die bereits das Hauptspiel so spannend gemacht hat.
An anderer Stelle erweist sich die Erweiterung dann aber doch als vergleichsweise gnädig. Denn während vor allem längere Reisen im Hauptspiel mitunter eine ernstzunehmende Herausforderung waren, stellt uns Norgan deutlich mehr Reisekristalle zur Verfügung. Das ist ausgesprochen praktisch, wenn man nach einem anstrengenden Ausflug und aus dem letzten Loch pfeifend seine Beute in Sicherheit bringen möchte. Andererseits geht dadurch aber auch ein Stück eben jener Unberechenbarkeit verloren, die das ursprüngliche Abenteuer auszeichnete. Ob man darin eine willkommene Erleichterung oder einen kleinen Verlust an Abenteuergefühl sieht, ist freilich Geschmackssache.

Nun stellen wir uns natürlich nicht nur den Widrigkeiten der Umgebung und des Wetters, sondern auch dem örtlichen Bestiarium. Neben neuen dämonischen Kreaturen und aggressiven Monstern begegnen uns hier auch winterliche Varianten bekannter Gegner, die nun über veränderte Angriffsmuster verfügen. Das sorgt zwar für den einen oder anderen Aha-Effekt, die insgesamt überschaubare Gegnervielfalt und das häufige Recycling einiger größerer Widersacher bleiben dennoch ein Schwachpunkt.
Inszenatorische Höhepunkte setzen hingegen abermals die spannenden Bosskämpfe, die selbst erfahrenen Erweckten so einiges abverlangen. Die mächtigen Widersacher stecken deutlich mehr ein als ihre Pendants aus dem Hauptspiel und setzen uns mit teils überraschenden Angriffen gehörig unter Druck. Wer glaubt, mit einem hochstufigen Erweckten einfach alles niederwalzen zu können, wird hier eines Besseren belehrt. Stattdessen müssen wir die Angriffe der Monster im Auge behalten, ihre Schwachstellen gezielt ausnutzen und nicht zuletzt auf die Unterstützung unserer liebgewonnenen Vasallen vertrauen.

Diablo’s Dogma
Eine deutlich größere Veränderung erwartet uns beim Beutesystem. In Norgan können wir von besiegten Gegnern und aus Schatztruhen sogenannte Relikte bergen, deren tatsächliche Eigenschaften zunächst unbekannt bleiben. Erst nach einer Untersuchung in der zentralen Siedlung zeigt sich, welche Waffen oder Rüstungsteile sich dahinter verbergen und über welche zusätzlichen Boni sie verfügen.
Klingt nicht ganz unbekannt, und tatsächlich tunkt Dark Arisen mehr als nur einen Zeh in die Gewässer klassischer Beute-Rollenspiele. Und wie aus dem Genre bekannt, setzt die stete Aussicht auf seltene Ausrüstung auch hier zuverlässig die Motivationsspirale in Gang und liefert einen guten Grund, noch eine Höhle zu erkunden oder sich erneut mit einem starken Gegner anzulegen.

Damit geht jedoch auch der übliche Loot-Frust einher: Der Zufall entscheidet mit. Wer auf eine ganz bestimmte Kombination von Eigenschaften hofft, braucht unter Umständen viel Geduld. Hinzu kommt, dass neue Relikte häufig schon nach kurzer Zeit jene Ausrüstung übertreffen, die man im Hauptspiel mit viel Aufwand verbessert hat. Das klassische Schmiedesystem verliert dadurch deutlich an Bedeutung.
Zusätzliche Möglichkeiten zur Charakterentwicklung bieten magische Obelisken, die über Norgan verteilt sind. Hier lassen sich neue Fertigkeiten und dauerhafte Verbesserungen für die verschiedenen Laufbahnen freischalten. Eine komplett neue Klasse gibt es zwar nicht, dafür können vorhandene Fähigkeiten erweitert und bestehende Kampfstile sinnvoll ergänzt werden.

Das lädt zum Experimentieren ein, zumal sich manche neuen Fähigkeiten mit den Ausrüstungsboni der Relikte kombinieren lassen. Allerdings profitieren nicht alle Laufbahnen gleichermaßen. Während einige Erweiterungen tatsächlich neue taktische Möglichkeiten eröffnen, fallen andere eher unspektakulär aus. Eine vollständige Neuerfindung des Kampfsystems sollte man also nicht erwarten. Die wäre angesichts seiner ohnehin beachtlichen spielerischen Tiefe aber auch kaum nötig gewesen.
Zwölf neue Dungeons
Dark Arisen beschränkt sich erfreulicherweise nicht darauf, Norgan mit zusätzlichen Aufgaben und Gegnern zu füllen. Auch in der ursprünglichen Spielwelt gibt es mit den sogenannten Lost-Rites-Dungeons wieder Neues zu entdecken. Zwölf dieser Verliese wollen erforscht werden, was mit teils recht ungewöhnlichen Anforderungen einhergeht.

So darf in manchen Verliesen nur der eigene Hauptvasall mitkommen. Andere verlangen, dass der Erweckte einen Großteil seiner Ausrüstung ablegt oder mit einer bestimmten Laufbahn antritt. Wer sich bislang auf eine einzige Klasse eingeschossen hat und seine bewährte Gruppe am liebsten unverändert lässt, wird also umdenken und seine Gewohnheiten über Bord werfen müssen.
Die zwölf Dungeons unterscheiden sich teils deutlich voneinander. Einige sind nach wenigen Kämpfen bereits abgeschlossen, andere führen durch größere Höhlensysteme und überraschen zuweilen mit frischen Mechaniken. Solche Einfälle machen Lust auf mehr. Leider bleibt es aber zu häufig bei gewöhnlichen Kämpfen, die mit einem hochstufigen Charakter dazu noch recht leicht ausfallen.

Davon abgesehen sind die Lost-Rites-Dungeons aber auf jeden Fall eine willkommene Ergänzung. Sie lockern den gewohnten Spielablauf auf, geben Anlass, ältere Gebiete erneut zu besuchen, und belohnen erfolgreiche Ausflüge mit neuer Ausrüstung sowie wertvollen Ressourcen, die für zusätzliche Verbesserungen an den Obelisken benötigt werden. Man sollte halt nur nicht auf ausgeklügelte Rätsel und raffinierte Spielmechaniken à la Zelda hoffen.
Frostige Pracht
Schon Dragon’s Dogma 2 konnte mit einer beeindruckenden Fantasy-Welt aufwarten. Norgan setzt hier noch einmal eigene optische Akzente. Besonders das Zusammenspiel aus Licht, Wettereffekten und der detailverliebten Gestaltung des neuen Gebiets sorgt für eine enorm dichte Atmosphäre. Und wenn die RE Engine bei den wahrlich bildgewaltigen Bosskämpfen so richtig ihre Muskeln spielen lassen darf, erinnert uns Capcom eindrucksvoll daran, dass es nicht immer die Unreal Engine sein muss. Allein dafür gebührt den Entwicklern ein dickes Lob.

Während es in den Kämpfen mit wuchtigen Soundeffekten und dramatischer Musik auch akustisch ordentlich knallt, schlägt Dark Arisen abseits der Gefechte deutlich leisere Töne an. Hier sind es vor allem die zurückhaltenden Umgebungsgeräusche, die das Gefühl verstärken, sich durch eine unwirtliche und weitgehend verlassene Region zu bewegen. Das sorgt für ordentlich Entdeckerstimmung und trägt seinen Teil dazu bei, dass uns Norgan als neues Spielgebiet richtig gut gefällt.
Grundlegende technische Neuerungen bringt Dark Arisen zwar nicht mit. Wer nach längerer Pause für die Erweiterung ins Spiel zurückkehrt, dürfte sich allerdings über die zahlreichen zwischenzeitlich veröffentlichten Patches und Performance-Optimierungen freuen.

Fazit
Dragon’s Dogma 2 ist ein Rollenspiel, das seinen ganz eigenen Kopf hat. Dark Arisen versucht als Erweiterung glücklicherweise gar nicht erst, daran etwas Grundlegendes zu ändern, und baut stattdessen die vorhandenen Stärken mit einer atmosphärischen neuen Spielregion, einer eigenständigen Geschichte und einem beachtlichen Spielumfang weiter aus.
Norgan erweist sich dabei als abwechslungsreiches, dicht gestaltetes Gebiet, dessen verschachtelte Wege und zahlreiche Geheimnisse zum ausgiebigen Erkunden einladen. Eisige Wetterbedingungen, anspruchsvollere Gegner und zusätzliche Fähigkeiten bringen außerdem ebenso frischen wie eisigen Wind ins Abenteuer. Das neue Reliktsystem dürfte mit seinem Zufallsfaktor jedoch die Gemüter scheiden.
Schade ist, dass die Gegnervielfalt nach wie vor recht überschaubar ausfällt und die an sich interessante Story ihr Potenzial nicht vollständig ausschöpft. Die zwölf Lost-Rites-Dungeons sind indes eine willkommene Ergänzung, aber auch hier deutet sich lediglich an, was mit etwas mehr Einfallsreichtum möglich gewesen wäre.
Unterm Strich ist Dark Arisen aber genau das, was sich Fans von einer Erweiterung erhofft haben dürften: mehr Abenteuer, mehr Herausforderungen und reichlich Gründe, erneut auf Entdeckungsreise zu gehen. Zwar haben zahlreiche Komfortverbesserungen dem Hauptspiel inzwischen etwas von seiner ursprünglichen Kompromisslosigkeit genommen, doch das Add-on hält mit knackigen Kämpfen und einer lebensfeindlichen Umgebung dagegen.
Wer mit den Eigenheiten von Dragon’s Dogma 2 nie warm wurde, wird also auch in Norgan kaum glücklich. Für alle anderen gilt: Waffen schultern, Vasallen versammeln und bloß nicht stur den Questmarkierungen folgen!
Dragon’s Dogma 2: Dark Arisen erscheint am 9. Oktober 2026 für PS5, Xbox Series X/S und PC. Für Nintendo Switch 2 wird außerdem eine Komplettedition mit dem Hauptspiel und der Erweiterung veröffentlicht.
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