Einst das dominierende Genre, sind aufwändige First-Person-Shooter für Singleplayer heutzutage erstaunlich rar gesät. Zwar drückt sich ein Call of Duty immer mal wieder eine Solo-Kampagne raus, die ist aber meist entweder nur ein verkappter Trainingsmodus oder viel zu schnell vorbei. Einer der wenigen verbliebenen Vertreter dieser aussterbenden Art ist Doom. Doch der hält die Fahne in seiner blutigen Faust dafür allerdings ganz schön hoch.
Doom: The Dark Ages versteht sich als narratives Prequel des erfolgreichen Reboots aus dem Jahr 2016 und dessen Nachfolger Doom: Eternal und vollzieht damit nun endgültig den Schritt zum storygetriebenen Shooter. Hieß es früher lediglich „Auf dem Mars hat sich ein Portal zur Hölle aufgetan, schieß auf alles, was sich bewegt“, wird nun die Geschichte einer epischen Schlacht um den Planeten Argent D'Nur erzählt. In einem düsteren Setting, das wirkt, als habe jemand einen Stapel Heavy-Metal-Platten aus den 80ern umgeworfen, treffen dort nicht nur Fantasy- und Science-Fiction-Elemente aufeinander, sondern auch die sogenannten Wächter der Nacht auf die Dämonen der Hölle.
Letztere versuchen, sich ein Artefakts unter den Nagel zu reißen, welches ihnen allumfassende Macht gewähren könnte und von den Wächtern entsprechend verbissen beschützt wird. Zu Beginn des Spiels ist die Lage für die aristokratisch organisierte Kriegerkaste allerdings aussichtslos. Verrat in den eigenen Reihen verschiebt das Kräfteverhältnis zunehmend zugunsten der Dämonen, deren Zahl Legion ist. Allerdings mischt mit den hochentwickelten Maykr noch eine dritte Rasse mit. Und die führt eine Waffe ins Feld, die den gesamten Krieg im Alleingang entscheiden könnte: den Slayer!
Wir wollen an dieser Stelle natürlich nicht allzu viel verraten. Lasst euch aber gesagt sein, dass die Story von Doom: The Dark Ages mehr Fleisch auf den Rippen hat als alle Vorgänger zusammen. Zwar wird auch hier nicht unbedingt auf hohem Niveau der Erzählkunst gefrönt. Die vielen gut inszenierten Cutscenes geben den 22 Missionen aber ein solides Fundament und motivieren bis zum Schluss, dem teils herrlich hanebüchenen Blödsinn beizuwohnen. Denn eines ist mal sicher: Mit dem Mittelalter hat das Ganze in etwa so viel am Hut, wie der Slayer mit Diplomatie.

Auch wenn der lahm designte Oberschurke wirkt wie eine billige Fortnite-Skin von Diablo, haben wir uns prächtig unterhalten gefühlt und uns, neugierig geworden, im Nachgang sogar noch etwas tiefer in die erstaunlich umfangreiche Lore der Spielwelt eingelesen. Die Lust der Macher, dem Slayer ein möglichst cooles Denkmal zu setzen, ist allgegenwärtig und vor allem für Fans der Reihe ein cineastisches Fest.
Das alles nutzt natürlich nichts, wenn das Spiel nichts auf dem Kasten hat. Aber keine Sorge: Doom: The Dark Ages stampft wie ein Presslufthammer die Ecken und Kanten der Vorgänger platt und perfektioniert die Formel des modernen Boomer-Shooters. Anstatt einfach das alte Kampfsystem neu aufzulegen, das brachiale Massengefechte und gezieltes strategisches Vorgehen fast schon zu einer Art Puzzle arrangierte, gestaltet sich das Schlachtgeschehen nun wieder etwas klassischer und orientiert sich mehr an der Originalserie.

Soll heißen: Anstatt uns erneut in das spielerische Korsett zu zwängen, mit einem Blick auf Munition, Lebensenergie und Rüstung stets die Art unserer Angriffe wählen zu müssen, mähen wir uns nun wieder etwas freier und intuitiver durch die Dämonenhorden. Zwar prügeln wir den Imps, Hell Knights und Co. abermals mit Nahkampfattacken frische Munition aus den Taschen und generieren durch Kills Lebensenergie, das System ist aber bei Weitem nicht mehr so dominant und spielentscheidend. Und so fällt dann auch beispielsweise der Flammenwerfer weg, den wir im Vorgänger noch auf der Schulter trugen, um den Feinden Rüstung abzuringen. An seine Stelle tritt dafür ein weit cooleres und flexibleres Tötungswerkzeug: der Schild.
Nun passt der Schild natürlich wunderbar ins Fantasy-Regal des Spiels, als effektive Allzweckwaffe ist er aber weit mehr als nur eine optische Abwandlung der guten alten Kettensäge. So können wir damit nicht nur gegnerische Angriffe abfangen und parieren, wir können ihn auch auf den Feind werfen und selbst wie ein Geschoss über das Schlachtfeld fegen.

All die genannten Aktionen kombinieren wir alsbald wie selbstverständlich mit unseren Nahkampfattacken und Schusswaffen und konstatieren nach den ersten fast schon tranceartigen Spielstunden, wie genial die Lernkurve in Doom: The Dark Ages austariert ist. Als Kenner der Vorgänger muss man sich zunächst zwar etwas umstellen, doch nach wenigen Leveln ist bereits klar, dass das neue Kampfsystem das alte um Längen schlägt und den sogenannten Combat Loop auf den reinen Spielspaß herunterbricht.
Während wir frei zwischen den mal mehr, mal weniger originellen Waffen wechseln, ist der Schild in unserer linken Hand unser steter Begleiter, um uns vor Projektilbeschuss zu schützen. Den ursprünglichen Spielen entnommen ist dabei die recht langsame Geschwindigkeit der Geschosse, sodass wir meist bequem ausweichen könnten. Setzt der Feind allerdings ein grünes Geschoss ab, sollte man stets versuchen, dies mit dem richtigen Timing zu parieren und es zum Absender zurückzuschicken. Viel Geschick bedarf es dafür nicht, denn das Zeitfenster für die Paraden ist auffällig gnädig gewählt.

Taumelt der Gegner unter diesem Eigenbeschuss, ist der richtige Moment gekommen, um den Schild zu werfen, welcher sich daraufhin in dessen Körper frisst und den Dämon für mehrere Sekunden wehrlos macht. Ideal, um sich schnell bewegenden und hartnäckigen Gegnern den Rest zu geben. Harmlosere Dämonengattungen mähen wir mit einem Schildwurf indes gleich reihenweise nieder.
Ist der Feind gebrochen, setzen wir zum Finisher an – diesmal mit einer weit kürzeren Animation als noch in den Vorgänger, um den Spielfluss nicht mehr so massiv zu unterbrechen. Das hohe Tempo in den Kämpfen halten wir zudem aufrecht, indem wir uns mithilfe des Schildes zu weiter entfernten Gegnern katapultieren, was das Kanonenfutter und das Umfeld beim Einschlag meist direkt zerlegt.
Im Laufe der Zeit kommen durch Waffenverbesserungen diverse Synergieeffekte hinzu. So können wir mit dem Shredder Feinde etwa wie ein Nadelkissen mit Pfeilen spicken, um dies dann mit einem Schildwurf explodieren zu lassen. Durch spezielle Runen gewährt das Parieren von Angriffen später zudem besondere Effekte und erzeugt beispielsweise einen Riss im Boden vor uns oder ruft eine kleine Kanone auf den Plan, die kurzzeitig nahestehende Gegner automatisch ins Visier nimmt. Da aber auch die Gegenseite aufrüstet, können wir nicht einfach wie ein Derwisch durch die Reihen pflügen – auch wenn es sich mit zunehmender Spielerfahrung zuweilen so anfühlt – sondern müssen unsere Tanzschritte immer wieder auf den Takt der Feinde anpassen.
Gepanzerten Dämonen müssen wir etwa erst einmal die Rüstung mürbe ballern, bevor wir sie mit Schild, Faust oder Morgenstern zerschlagen können. Manch einer konfrontiert uns mit flächendeckenden Projektilformationen, die ein wenig an Shoot 'em Ups erinnern, dann wieder bekommen wir es mit Titanen zu tun, die wir mit einem fest installierten Geschütz im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Einzelteile zerlegen.

Was wir schon dem Vorgänger attestierten, gilt hier umso mehr: Die Kämpfe fordern uns zwar so einiges ab, sind in ihrer irren Dynamik aber stets gut beherrschbar. Schütteln wir anfangs noch den Kopf angesichts dessen, was uns die Macher entgegenwerfen, wird das diabolische Grinsen in unserem Gesicht schon kurz darauf umso breiter, je mehr Gegner sich uns in den Weg stellen. Das Gefühl, ein allmächtiger Slayer zu sein, der seiner blanken Wut gegen die Dämonen freien Lauf lässt, überträgt sich mit jedem seiner wuchtigen Schritte auf uns als Spieler. Wir steuern quasi einen Panzer mit der Agilität eines Leistungssportlers – und das merkt man zu jeder Minute.
Um die Abwechslung aufrechtzuerhalten, streuen die Macher immer wieder neue Waffen und damit einhergehende Möglichkeiten im Kampf ein. Jeder Krachmacher hat dabei eine Zweitfunktion, die wir auch ohne den Umweg über das Waffenrad direkt anwählen können. Besagter Schredder wird dann zu einem Präzisionsgewehr mit Einzelschuss, aus der Kampf-Schrotflinte wird die fiese Super-Schrotflinte, aus dem Granatwerfer wird ein Raketenwerfer. Sämtliche Waffen und Varianten lassen sich durch gefundenes Gold und Edelsteine an den Wächter-Schreinen zudem verbessern und um neue Effekte ergänzen, was dem Schlachtverlauf noch mehr Variation abringt.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Mit den richtigen Verbesserungen lässt sich mit Nahkampfangriffen der Pulverisierer aufladen – eine Art Gatling-Armbrust, welche die Splitter geshredderter Schädel verschießt. Fortan erhöht sich nicht nur die Schussgeschwindigkeit der vor allem auf breiter Fläche enorm effektiven Waffe, sondern auch unsere eigenes Bewegungstempo – und binnen Sekunden sind ganze Schlachtfelder geräumt.
Und das ist mitunter auch dringend nötig, denn in Doom: The Dark Ages bekommen wir es mit teils enorm großen Maps zu tun. Auf diesen wimmelt es nicht nur vor Gegnern, auch hinter kleineren Umgebungsrätseln versteckte Items wollen gefunden werden. Sehr hilfreich sind die Lebenssiegel, die uns nach unserem Ableben eine weitere Chance gewähren. Lediglich der Optik und der Sammellust dienlich sind hingegen die Skins und die mittlerweile schon zur Tradition gewordenen Spielzeuge.
Weitere Abwechslung bringen die Ausflüge in einem gigantischen Mech und Flugpassagen auf einem Drachen. Erstere gestalten sich als ebenso zähe wie simple Prügeleinlagen, die vor allem mit ihrer Inszenierung punkten. Es ist schon eine Mordsgaudi, als 30-Meter-Roboter sinnlos Gebäude niederzustampfen.

Etwas komplexer wird es auf dem Rücken unserer Flugechse, wenn es etwa gilt, die Schilde der Geschütze von Kampfschiffen und Titanen zu brechen. Auf der Stelle schwebend gestaltet sich das Prozedere allerdings als wenig spaßiges Minispiel. Dabei wäre es doch sehr viel lustiger – und auch durchaus machbar – gewesen, das Ganze mit wilden Sturzflügen deutlich dynamischer zu gestalten. Immerhin sitzen wir auf einem Drachen. Aber gut, es muss ja auch noch – Achtung, Wortspiel – Luft nach oben geben.
Ob dies auf der aktuellen Konsolengeneration mit Blick auf die technische Inszenierung ebenfalls gilt, wagen wir zu bezweifeln. Doom: The Dark Ages sieht mit seinen teils epischen Panoramen und beeindruckend in Szene gesetzten Spielwelten fantastisch aus.

Manch einer mag monieren, dass alles noch einen Tick schärfer hätte sein können, aber dann liefe das Spiel garantiert nicht so butterweich. Nicht ein Slowdown, nicht ein Hänger – und das selbst im Mech oder auf dem Drachen. Das flüssige Spiel ist den Machern sogar so wichtig, dass sie uns gar nicht erst verschiedene Grafikmodi anbieten. Und das ist auch gut so! Ein in der Testversion bereits derart poliertes Spiel erlebt man selten.
In Sachen Akustik machen die deutschen Sprecher einen guten Job. Der Star ist hier aber natürlich das massive Metal-Brett, das in seiner musikalischen Brutalität und Aggression dem Slayer alle Ehre macht. Man muss diese Art von Musik nicht mögen, um anzuerkennen, dass sie zum Stil des Spiels passt wie der Morgenstern aufs Dämonenhaupt – aber es hilft fraglos.

Das ist kein Mittelalter, das ist Metal, Alter! Doom: The Dark Ages ist ein gigantisches Spektakel, das seine Vorgänger in nahezu jeder Hinsicht übertrifft.
Unter der rohen und brutalen Fassade verbirgt sich ein enorm durchdachtes und poliertes Spielerlebnis, dessen Gameplay-Loop eine irre Sogwirkung entfaltet. Die Lernkurve ist perfekt austariert, die Auswahl an Waffen und Kampfstrategien groß, das martialische Treffer-Feedback fetzt im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Macher haben sich augenscheinlich viele Gedanken darum gemacht, wie man das ohnehin schon smoothe Spielprinzip noch dynamischer gestalten kann, und an den richtigen Schrauben gedreht. Vor allem der neue Schild sorgt dabei für frischen Wind und ein äußerst befriedigendes Spielgefühl.
Unterfüttert wird das Ganze mit einer zwar wenig subtilen, aber dafür umso unterhaltsameren Story über Krieg und Verrat, die es sich nicht nehmen lässt, dem Slayer ein inszenatorisches Denkmal zu setzen. Da es auch noch in Sachen Technik flutscht, die Spielzeit ausgesprochen lang ausfällt und der Sound einfach nur fett ist, schwingt sich The Dark Ages aus unserer Sicht zum besten Doom der Neuzeit auf – wenn nicht sogar zum besten überhaupt.
Doom: The Dark Ages ist für PlayStation 5, Xbox Series und PC erhältlich.
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