Crimson Desert, oh Crimson Desert … kaum ein Spiel hat uns in den letzten Jahren mit derart ambivalenten Gefühlen konfrontiert. Das neue Abenteuer aus dem Hause Pearl Abyss ist so dermaßen ambitioniert in dem, was es auf den Bildschirm zu bringen versucht, dass es einen neuen Maßstab setzt – doch das hat auch seinen Preis.

Das hier ist kein klassisches Open-World-Abenteuer mehr, wie es viele wohl erwartet hatten. Crimson Desert ist ein gewaltiges System aus Mechaniken, Ideen und Möglichkeiten, das auf fast schon trotzige Weise enorm viel Geduld und Nachsicht verlangt.

Gerade zu Beginn kippt die Erfahrung nach anfänglicher Euphorie rasch in Richtung „Was zum Henker wollt ihr von mir?“. Die großen Wow-Momente gibt es erst, wenn die Spielwelt nach vielen zähen Stunden ihre Stärken ausspielt und das Kampfsystem plötzlich greift. Crimson Desert ist ein Spiel, das gelernt und gemeistert werden will. Ob es die Zeit wert ist, hängt jedoch sehr von eurer persönlichen Frustrationstoleranzgrenze ab.

Darum geht’s

Im Mittelpunkt steht Kliff, Anführer der Söldnertruppe der Graumähnen. Nach einem verheerenden Angriff durch den verfeindeten Schwarzbären-Clan wird seine Einheit zerschlagen, Kliff selbst überlebt nur knapp. Von Sorge um seine Männer und dem Wunsch nach Vergeltung getrieben, macht er sich auf die Suche nach den Überlebenden des Überfalls. Alsbald erwächst aus dieser Mission der Versuch, seiner Truppe eine neue Heimat zu schaffen. Doch da in Videospielen bekanntlich nie etwas einfach ist, gerät Kliff immer tiefer in ein Geflecht aus Konflikten, in dem sich persönliche Motive, politische Intrigen und mysteriöse Kräfte miteinander vermischen.

Die Geschichte bewegt sich im Bereich klassischer Fantasy-Motive und verleiht diesen einen rauen Anstrich, bleibt aber über weite Strecken eher Mittel zum Zweck. Zwar gibt es einzelne starke Momente und aufwendig inszenierte Sequenzen, insgesamt fehlt es der Handlung jedoch an klarer Struktur und erzählerischem Fokus. Viele Missionen wirken lose und willkürlich aneinandergereiht, wodurch der rote Faden immer wieder verloren geht.

Das ist allerdings weniger problematisch, als es zunächst klingt. Denn Crimson Desert lebt nicht von seiner Story, sondern von der Welt, in der sie spielt – und genau dort, auf dem riesigen Kontinent namens Pywel, liegen auch die größten Stärken des Spiels.

Spielwelt und Gameplay

Das aufwendig in Szene gesetzte Pywel ist ohne Frage das Herzstück von Crimson Desert. Der Kontinent ist aufregend weitläufig, dicht und erstaunlich lebendig. Fünf unterschiedliche Regionen mit klar abgegrenzten Biomen sorgen für Abwechslung, während nahtlose Übergänge ohne Ladezeiten ein Gefühl von echter Freiheit vermitteln. Sieht man in der Ferne dank der beeindruckenden Weitsicht eine Ruine, einen Berg oder eine Stadt, kann man diese Orte in der Regel auch tatsächlich erreichen.

Zumal uns ein reichhaltiges Moveset nahezu grenzenlose Bewegungsfreiheit gibt. Kliff kann nicht nur klettern wie ein Profi-Freeclimber, dank übernatürlicher Kräfte lernen wir sogar einen für das Genre eher ungewöhnlichen Doppelsprung und dürfen schon sehr bald nach Spielbeginn durch die Luft gleiten – Grenzen setzt uns nur unsere Ausdauerleiste.

Pywel will aber mehr sein als reiner Schauwert und füllt seine Größe mit zahllosen Aktivitäten: Jagen, Angeln, Ressourcen sammeln, Crafting, Handel, Lagerausbau, diverse Minispiele – vieles davon erinnert stark an die MMO-Wurzeln von Pearl Abyss. Die Systeme sind eng ineinander verzahnt und sorgen dafür, dass die Welt nicht wie eine bloße Kulisse wirkt und der Eindruck eines funktionierenden Ökosystems entsteht, das unabhängig vom Spieler existiert. Allerdings wird eben jene Fülle an spielerischem Angebot Crimson Desert gleichzeitig zum Verhängnis.

Denn das Spiel erklärt vieles nicht oder nur unzureichend. Quests wirken oft sprunghaft, Mechaniken werden nur oberflächlich eingeführt und viele Systeme erschließen sich erst durch Ausprobieren, was lange Frustphasen mit sich bringt, in denen man sich vom Spiel förmlich im Regen stehen gelassen fühlt. Diese fehlende Führung prägt einen großen Teil der anfänglichen Spielerfahrung und sorgt dafür, dass selbst einfache Aufgaben unnötig kompliziert wirken.

Ein Teil des Problems ist das Questdesign: Viele Aufgaben starten ohne echte Einleitung oder nachvollziehbaren Kontext. Das sorgt nicht nur für Verwirrung, sondern bricht auch immer wieder die Immersion. Man arbeitet Aufgaben ab, ohne wirklich zu verstehen, wie sie sich in das große Ganze einfügen. Gerade in einem Spiel, das so stark auf seine Welt setzt, wirkt das wie eine verpasste Chance.

Diese Ziellosigkeit umfasst auch das Gameplay selbst. Crimson Desert ist kein klassisches Rollenspiel, sondern eher ein wuchtiger, mitunter schwerfälliger Mix aus Action-Adventure, Open-World-Erkundung und Systemspielplatz. Statt klarer Strukturen gibt es ein Überangebot an Möglichkeiten – und genau das kann schnell überfordern.

Das aus unserer Sicht größte Problem ist allerdings die verkopfte Steuerung. Sie ist nicht nur komplex, sondern in vielen Situationen schlicht unnötig kompliziert. Zahlreiche Aktionen sind mehrfach belegt oder an Tastenkombinationen geknüpft, die sich gerade in hektischen Momenten schwer abrufen lassen. Teilweise müssen mehrere Eingaben gleichzeitig erfolgen, während andere Funktionen auf denselben Tasten liegen, was regelmäßig zu Fehlaktionen führt.

Für bestimmte Aktionen sind ganze Kommandoketten nötig, die man problemlos hätte entschlacken können. Das Ganze fühlt sich nicht nach gewollter Tiefe an, sondern stellenweise fast schon biestig. Dass ein Spiel seine Spieler in Sachen Steuerung so stur malträtiert, haben wir wahrlich selten erlebt.

Und dennoch: Hat man sich einmal eingearbeitet, lichtet sich der spielerische Dschungel zumindest etwas und zeigt, welches Potenzial in dieser gigantischen Spielwiese steckt.

Das Kampfsystem ist wuchtig, schnell und erstaunlich vielseitig. Unterschiedliche Waffen, Fähigkeiten und Kombos ermöglichen abwechslungsreiche Gefechte, die gerade in größeren Schlachten oder bei Bosskämpfen richtig zur Geltung kommen. Paraden, Ausweichmanöver und Spezialangriffe greifen ineinander und sorgen für spannende Momente, in denen man sich herrlich mächtig fühlen darf – sofern man die Steuerung im Griff hat.

Die mitunter chaotischen Schlachten gegen das Fußvolk kann man notfalls mit Button-Mashing und der aus „The Witcher 3“ bekannten Heilmethode über das Steuerkreuz bestehen. Geht es dann aber an die fordernden und oft mehrstufigen Bosskämpfe, ist ein gutes Verständnis der Mechaniken entscheidend. Stumpfes Draufhauen funktioniert hier bald nicht mehr, stattdessen sind Timing, Positionierung und das richtige Nutzen der eigenen Fähigkeiten gefragt.

Unterm Strich bleibt Crimson Desert ein Spiel der Extreme: beeindruckend vielseitig, voller Möglichkeiten – aber eben auch hoffnungslos überladen, unübersichtlich und unzugänglich. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, entdeckt ein tiefes und spannendes System. Wer hingegen klare Strukturen und intuitive Abläufe erwartet, wird sich an Crimson Desert die Zähne ausbeißen.

Grafik und Sound

In technischer Hinsicht ist Crimson Desert ein beeindruckendes Spiel. Schon nach den ersten Minuten wird klar, dass Pearl Abyss hier ein echtes Grafik-Statement setzen wollte. Die Spielwelt ist enorm detailreich, bietet eine beeindruckende Weitsicht, die Vegetation wirkt dicht und lebendig, Lichtstimmungen wechseln dynamisch und sorgen immer wieder für eindrucksvolle Momente. Besonders bei Sonnenauf- und -untergängen oder in weitläufigen Landschaften zeigt sich die visuelle Ambition des Spiels.

Im Lager der Konsolen kommt das vor allem auf der PS5 Pro zur Geltung, wo Crimson Desert spürbar von Sonys KI-Upscaling-Technologie PSSR profitiert, die das intern in niedrigerer Auflösung berechnete Bild hochskaliert. Gerade in Kombination mit dem Leistungsmodus sorgt das für ein auffällig ruhiges und scharfes Bild, das sich insbesondere bei Vegetation, feinen Details und Partikeleffekten von der Basis-PS5 und anderen Konsolen absetzt.

In diesem Modus – zur Wahl stehen noch Balanced und Qualität – läuft das Spiel zudem überwiegend flüssig und zielt auf 60 Bilder pro Sekunde ab, die im normalen Spielverlauf größtenteils gehalten werden. In intensiven Szenen kommt es zwar zu Einbrüchen, insgesamt bleibt die Performance aber auf einem unerwartet guten Niveau. Interessant ist dabei, dass der Leistungsmodus dank PSSR 2 sogar das stimmigere Gesamtbild liefert als der Balanced-Modus.

Ganz frei von Schwächen ist die Technik freilich nicht. Trotz der starken Gesamtpräsentation wirkt das Bild stellenweise überladen. Effekte, Partikel und Details konkurrieren häufig auf engem Raum, was das Geschehen gerade in hektischen Situationen zusätzlich unübersichtlich machen kann. Hinzu kommen kleinere technische Macken wie Pop-ins, unsaubere Animationen oder Bugs, die uns zuweilen sogar zum Neustart zwangen.

In Sachen Sound begleitet die musikalische Untermalung die unterschiedlichen Regionen und Situationen stimmig, ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu drängen. In ruhigeren Momenten trägt sie viel zur Atmosphäre bei, während sie in Kämpfen die Intensität druckvoll unterstreicht.

Die Sprachausgabe ist solide umgesetzt, erreicht aber nicht die emotionale Tiefe, die man sich von einem so großen Projekt wünschen würde. Gerade in Kombination mit der ohnehin eher schwachen Erzählstruktur verstärkt das den Eindruck, dass die Story nicht im Mittelpunkt steht. Gut gefallen haben uns hingegen die teils derben Akzente, die viel zur Stimmung beitragen.

Dass es keine deutsche Sprachausgabe gibt, lässt sich verschmerzen. Dass in Sachen deutscher Untertitel jedoch gepfuscht wurde, ist schwerer zu akzeptieren. Neben zahlreichen Rechtschreibfehlern fallen immer wieder ungenaue oder schlicht falsche Übersetzungen auf. Wie sich während unserer Testzeit gezeigt hat, bessern die Entwickler hier aber bereits aktiv nach.

Fazit

Crimson Desert ist ein Spiel der Extreme: Auf der einen Seite steht eine beeindruckende und technisch aufwendige Spielwelt, die zu den stärksten Open Worlds der letzten Jahre gehört. Auf der anderen Seite ein überladenes, oft unübersichtliches Gesamtkonstrukt, das sich mit seinen eigenen Ansprüchen unnötig selbst ausbremst und dabei viel Immersion einbüßt.

Das ist schade, denn Pywel wirkt lebendig, detailreich und lädt zum freien Erkunden ein. Auch technisch weiß Crimson Desert zu überzeugen und läuft insbesondere auf der PS5 Pro deutlich sauberer, als wir es auf Konsole zu hoffen gewagt hätten. Dem gegenüber stehen jedoch eine unnötig komplizierte und frustrierende Steuerung, ein seltsam sprunghaftes Questdesign und eine Story, die zu oberflächlich bleibt, um wirklich zu tragen.

Crimson Desert kann unglaublich viel – und will das auch zeigen. Die Vielzahl an Systemen, Mechaniken und Ideen in einem Spiel vereint zu sehen, ist fraglos faszinierend, wirkt aber viel zu oft einfach nur sperrig und anstrengend.

Unterm Strich richtet sich Crimson Desert damit klar an frustgestählte Spieler. Wer bereit ist, sich auf die komplexen Systeme einzulassen und mit den Schwächen zu leben, bekommt ein beeindruckendes Open-World-Abenteuer mit enorm viel Tiefe und außergewöhnlicher Technik. Wer hingegen Wert auf klare Strukturen, intuitive Steuerung und eine stringente Spielerführung legt, sollte vorher unbedingt Probe spielen.

Crimson Desert ist für PlayStation 5, Xbox Series und PC erhältlich.