Clair Obscur: Expedition 33 im Test für PS5 – Es scheint, als habe ein Titan die Welt mit seiner Faust zerschmettert und den Moment in einer Zeitblase eingefangen. Trümmer schweben am Himmel wie massive Wolken, und das, was nicht von dem gewaltigen Ereignis vernichtet wurde, wirkt wie ein verzerrtes Abbild dessen, was wir als Paris in der Zeit der Belle Époque zu erkennen glauben.

Nur heißt dieser Ort hier Lumière und dient den letzten Menschen als Heimat. Doch auch deren Tage sind gezählt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn seit dem Bruch der Welt erhebt sich am Horizont ein gewaltiger Monolith, der einer unerklärlichen Entität als Leinwand dient. Jedes Jahr erwacht die sogenannte Malerin zum Leben, um eine neue Zahl an die Wand des Felsens zu schreiben und seit ihrem Erscheinen vor 67 Jahren jedes Mal um eins herunterzuzählen.

Mit fatalen Folgen: Denn jeder Mensch, dessen Alter der bedrohlich leuchtenden Zahl entspricht, löst sich in Staub auf. Die Einwohner Lumières haben diesem Ereignis den Namen „Gommage“ gegeben und es mit einer melancholischen Abschiedsfeier ritualisiert. Doch inmitten dieser berechenbaren Tragik keimt auch ein Funken Hoffnung. Fest entschlossen, die drohende Auslöschung nicht einfach so hinzunehmen, entsendet Lumière Jahr um Jahr eine Expedition von Totgesagten, um das Geheimnis der Malerin zu lüften und den Kreislauf endlich zu durchbrechen. Bisher ist keine einzige davon zurückgekehrt.

Wir sind Teil der Expedition 33 und als rechnerische Opfer der nächsten Gommage entsprechend motiviert. Doch kaum an den Gestaden der Malerin gestrandet, wird die Gruppe von einem mysteriösen alten Mann und Monstrositäten aufgerieben, die Nevronen genannt werden. Der Ingenieur Gustave überlebt das Massaker am Strand und erwacht angeschlagen auf einer idyllischen Wiese. Er bleibt nicht lange allein, und die verbliebenen Expeditionsmitglieder sind fest entschlossen, die Mission zu Ende zu bringen.

Soweit die äußerst spannende Prämisse des Erstlingswerks des noch jungen französischen Studios Sandfall Interactive. Während die Story anderer Spiele auf einen Bierdeckel passt, entwirft das vergleichsweise kleine Team aus dem Stand eine unverbrauchtes Szenario, das schon auf dem Papier neugierig macht und französischen Stil förmlich blutet.

Getreu dem Titel des Spiels, welcher mit „Hell-Dunkel“ übersetzt eine künstlerische Technik beschreibt, bei der starke Kontraste für eine besondere Dramatik eingesetzt werden, möchten die Spielemacher alte und neue Tugenden des JRPG-Genres zusammenbringen, und haben sich dazu von Klassikern wie Final Fantasy, aber auch modernen Interpretationen wie etwa Persona 5 inspirieren lassen.

Im Ergebnis verknüpft Clair Obscur: Expedition 33 ein vermeintlich klassisch rundenbasiertes Kampfsystem mit Echtzeit-Elementen. Und wo wir einst noch über pixelige Weltkarten wanderten, präsentiert sich das gesamte Spiel nun in einer äußerst beeindruckenden Vision dessen, was die Unreal Engine 5 zu leisten vermag.

Aber zunächst zum Gameplay:

Rein spielerisch gliedert sich Clair Obscur: Expedition 33 in eine Reihe unterschiedlich umfangreicher Abschnitte, die über eine verträumt gestaltete Oberwelt miteinander verbunden sind. Viele der dort zugänglichen Bereiche sind optional, unsere nächsten Storyziele stets deutlich markiert. Wohin wir gehen, bleibt prinzipiell uns überlassen, allerdings grenzen natürliche Hindernisse unseren Aktionsradius zunächst noch ein.

Im Laufe des Spiels lernen wir allerdings ein gutmütiges Wesen namens Esquie kennen, auf dessen Rücken es sich gleich viel bequemer reist. Zudem kann Esquie auch Wege durch zerklüftete Felsen bahnen, lernt später sogar zu schwimmen und zu fliegen. Final-Fantasy-Spieler der alten Schule kennen diese Form der Expeditions-Progression. Und wie es sich für ein JRPG im Geiste gehört, wird auch unsere Gruppe immer stärker, um neue Fähigkeiten zu erlernen. Dazu bedarf es Erfahrungspunkten, die wir in Gefechten mit den mal kindsgroßen, aber auch gerne mal haushohen Nevronen sammeln.

Treffen wir auf einen der stets in den Leveln oder auf der Map sichtbar umherwandernden Gegner, wechselt Clair Obscur: Expedition 33 in eine Kampfarena und reiht am linken Bildschirmrand fein säuberlich die Aktionsreihenfolge der Opponenten auf.

Ist ein Charakter unserer auf dem Schlachtfeld maximal dreiköpfigen Truppe an der Reihe, haben wir alle Zeit der Welt, unseren nächsten Zug zu planen. Vorausschauendes Handeln ist dabei der Schlüssel zum Sieg, denn unsere mächtigsten Angriffe kosten stets eine bestimmte Anzahl an Aktionspunkten, die wir uns durch kostenlose Standardattacken oder defensive Manöver zunächst verdienen müssen. Alternativ können wir zum Preis eines Aktionspunktes frei zielend auf die Schwachpunkte der Feinde schießen, aus einem Vorrat an hilfreichen Tränken schöpfen oder gar versuchen zu fliehen.

Soweit ist der Handlungsspielraum für jeden Charakter gleich, doch die Art und Weise, wie die Überlebenden der 33sten jeweils kämpfen, könnte unterschiedlicher kaum sein. Während Gustave etwa im Laufe des Gefechts seinen mechanischen Arm für eine vernichtende Attacke auflädt, wechselt die grazile Maelle durch verschiedene Angriffshaltungen. Magierin Lune füllt ein Elementbrett mit sogenannten Pigmenten, um ihre Magie damit zu buffen, ein späterer Charakter verwandelt sich gar in zuvor besiegte Nevronen.

Was wir hier in der Kürze der Zeit nur oberflächlich abhandeln können, erweist sich in der spielerischen Praxis als verblüffend ausgebufftes System, das uns immer wieder zum Nachdenken zwingt. Denn von den vielen erlernbaren Fähigkeiten dürfen wir stets nur sechs ins Feld führen, und die meisten davon haben neben dem reinen Schaden weitere Wirkungen, die wiederum anderen Mitgliedern des Expeditionstrupps in die Karten spielen.

Wie engmaschig die Verzahnung möglicher Wechselwirkungen und Synergien von den Machern tatsächlich ausbaldowert ist, offenbart sich mit jeder Spielstunde immer mehr und belohnt experimentierfreudige Spieler alsbald mit astronomisch hohen Schadenswerten. Während wir die Offensive in aller Ruhe taktisch planen können, ist beim eigentlichen Angriff dann aber Aufmerksamkeit angesagt. Im Rahmen eines einfachen Quick-Time-Events lässt sich der Schadenswert nämlich maximieren.

Vor allem aber fordern die Feindesattacken unsere Reaktionsfähigkeit.Nahezu alle Angriffe lassen sich nämlich auf die eine oder andere Art aushebeln. Am einfachsten ist es, rechtzeitig auszuweichen, deutlich effektiver jedoch zu parieren. Das Zeitfenster für eine Parade ist winzig. Doch gelingt es uns, den richtigen Moment abzupassen, entgegnen wir mit einem kraftvollen Konter, welcher der Lebensleiste unseres Gegenübers empfindlich zusetzt.

Das System ist im gleichen Maße frustrierend wie befriedigend. Denn der Feind macht es uns alles andere als leicht. So feuert er gerne mal eine Kombo ab, die komplett pariert werden will, und wechselt dabei munter den Takt der Schlagfolge. Es vergeht viel Zeit, bis man lernt, die Angriffe korrekt zu lesen und sich auf das mäandernde Timing einzustellen. Doch wenn es gelingt, ist nicht nur der Schaden, sondern auch die Freude groß. Mal abgesehen davon, dass die Konter ziemlich cool in Szene gesetzt wurden.

Und auch das war es noch nicht in Sachen Kampf: Denn zu unseren aktiven Fähigkeiten gesellt sich noch ein schier unerschöpflicher Pool an passiven Effekten. Jeder Charakter hat drei Slots für die sogenannten Pictos. Damit sind Items gemeint, die zwei unserer Attributswerte wie beispielsweise Lebensenergie oder Stärke steigern, stets aber auch einen Sondereffekt haben.

So verleiht uns ein Picto etwa einen zusätzlichen Aktionspunkt zum Kampfbeginn oder erhöht schlicht den Schaden unserer Standardangriffe. Die meisten Effekte sind jedoch deutlich komplexer und erweitern das taktische Potenzial in jede denkbare Richtung enorm. Zumal der passive Effekt eines Pictos nach vier gewonnenen Kämpfen in den sogenannten Lumina-Pool der gesamten Truppe übergeht und fortan von jedem Mitglied genutzt werden kann. Doch auch dies wird durch einen Punktewert begrenzt, den wir im Laufe des Spiels natürlich ebenfalls steigern.

Ihr seht schon: Mit Worten können wir euch nur ein Derivat des Kampfsystems von Clair Obscur: Expedition 33 liefern. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass diese intelligente Mischung aus taktischer Planung und dramatischen Echtzeitelementen zu dem Besten gehört, was das Genre jemals hervorgebracht hat.

Spielwelt und Technik

Und das ist auch gut so, denn mit seinen recht linear angelegten Levelschläuchen und der nur wenig interaktiven Oberwelt gibt es in Clair Obscur: Expedition 33 in spielerischer Hinsicht nur wenig anderes zu tun. Rätsel gibt es nur selten, hier und da wartet ein mit Blick auf die hakelige Sprungsteuerung nur wenig prickelnder Parkour oder gar eine krude Version von Beachvolleyball auf uns. Nebenquests beschränken sich meist auf kleinere Bringdienste, die Gespräche mit den rauflustigen Einheimischen-NPCs – die putzigerweise aussehen wie lebendige Pinsel – sind inhaltlich eher flach.

Ganz anders gestaltet es sich da bei der Interaktion innerhalb des Beziehungsgeflechts der Gruppe. Was Sandfall Interactive vor allem in den aufwändigen Zwischensequenzen an glaubwürdigen Dialogen und schauspielerischer Qualität auffährt, ist von Anfang bis Ende enorm beeindruckend und weist sogar die meisten aktuellen Filmproduktionen locker in ihre Schranken.

Veredelt wird das Ganze von prominenten Sprechern wie Andy Serkis, der den Gollum in „Der Herr der Ringe“ spielte, oder Charlie Cox, den man als Daredevil aus der „Born Again“-Serie kennt. Passionierte Rollenspieler freuen sich zudem über ein Wiederhören mit Ben Starr, der schon Clive Rosfield in Final Fantasy XVI und aktuell dem First Berserker Khazan seine markante Stimme lieh.

Die musikalische Untermalung steht dem in nichts nach und verdichtet die ohnehin schon zum Schneiden dicke Atmosphäre des melancholisch-verträumten Settings noch zusätzlich. Sicherlich mag die meist schwermütige Tonalität und vor allem der elegische Gesang nicht jedem zusagen, die Qualität und Treffsicherheit stehen allerdings außer Frage.

Gleiches gilt für die technische Präsentation, welche die in einen Traum getunkte wunderschöne Welt in ein angemessen opulentes grafisches Gewand kleidet. Sehr gut gefallen haben uns dabei die Geschichten, welche die Spuren vorangegangener Expeditionen erzählen. Ein Paradebeispiel für Environmental Storytelling, so wie das gesamte Spiel ein Paradebeispiel für kluges, mutiges und gelungenes Spieldesign ist.

Es gäbe von daher noch so viel über diesen Ausnahmetitel zu sagen, doch anstatt darüber zu lesen, solltet ihr Clair Obscur: Expedition 33 am besten selbst erleben.

Fazit:

Clair Obscur: Expedition 33 ist eine spielgewordene Vision, wie wir sie im Videospielbusiness lange nicht mehr gesehen haben. Inspiriert von den großen JRPGs dieser und vergangener Tage, liest das Debütwerk von Sandfall Interactive nicht einfach nur aus dem Rollenspiel-Rezeptbuch ab, sondern kondensiert die besten Zutaten, um daraus ein eigenes und äußerst wohlschmeckendes Süppchen nach französischer Machart zu kochen.

In Sachen Inszenierung kann sich Clair Obscur: Expedition 33 dabei locker neben den großen Triple-A-Titeln dieser Zeit behaupten, hat aber auch spielerisch gehörig etwas auf dem Kasten. Allem voran das enorm clevere und komplexe Kampf- und Progressionssystem, das mit Fug und Recht als eines der besten in diesem Genre bezeichnet werden darf.

Nimmt man nun auch noch das starke Schauspiel der Darsteller in den beeindruckenden Zwischensequenzen hinzu, die enorm spannende und unverbrauchte Prämisse und die zum Schneiden dichte Atmosphäre, dann haben wir hier einen ganz heißen Anwärter auf den Titel des Game of the Year.

Wir können nur hoffen, dass der Mut und die Vorstellungskraft der Macher auch andere Spielhersteller dazu ermutigen, derart kreativen Projekten eine große Bühne zu geben.

Clair Obscur: Expedition 33 ist für PlayStation 5, Xbox Series und PC erhältlich.