Nachdem Borderlands 3 von Presse und Publikum eher verhalten aufgenommen wurde, hat sich Entwickler Gearbox viel Zeit für den Nachfolger gelassen. Ganze sechs Jahre sind ins Land gegangen – Zeit, welche die Macher genutzt haben, um uns auf einen komplett neuen Planeten zu bringen. Ob der Ortswechsel der Mutter aller Looter-Shooter gutgetan hat, verrät euch unser Test.
Auf Pandora mussten wir uns in den Vorgängern bekanntermaßen zunächst mit einigen überambitionierten Firmeneignern und dann mit einem durchgeknallten Hipster-Zwillingspärchen herumärgern. Nun geht es nach Kairos. Und als würden wir es irgendwie magisch anziehen, hat auch hier ein diabolischer Schurke das Sagen, der das Thema Diktatur auf ein ganz neues Level bringt.
Der sogenannte Zeitwächter rammt seinen Untergebenen Bolzen in den Nacken, mit denen er die Menschen fernsteuern kann. So auch den vier neuen Kammerjägern, deren Ankunft auf Kairos dem Tyrannen ein Dorn im Auge ist. An sich hätte der Bursche nämlich ganz gerne weiter ungestört unterdrückt – blöd nur, dass die Barriere, welche Kairos lange Zeit vor ungewollten Blicken schützte, durch das Auftauchen eines gewissen Mondes zerstört wurde.

Wer Borderlands 3 durchgezockt hat, weiß natürlich, dass dies die Folge des Wirkens der Sirene Lillith war, die Pandoras Trabanten zum Ende des Spiels aus dessen Umlaufbahn und einmal quer durch die Galaxie teleportierte. Trümmer des Mondes regneten daraufhin auf Kairos herab, und als hätte man einen Korken gezogen, markierte dies den Anfang des Widerstandes gegen den Zeitwächter, dem auch wir uns anschließen.
Das mag nun alles etwas verwirrend klingen, lasst euch aber gesagt sein, dass man die Vorgänger nicht gespielt haben muss, um zu verstehen, worum es geht. Zwar gibt es das eine oder andere Wiedersehen mit altbekannten Protagonisten, Borderlands 4 ist nicht zuletzt durch den Ortswechsel aber wie eine Art narrativer Reset und erzählt seine ganz eigene Geschichte – und das mit einem für die Reihe eher ungewohnt ernsten und düsteren Tonfall.
Derb und schmutzig ging es in Borderlands schon immer zu, allerdings haben sich die Macher die Kritik am Vorgänger offenbar zu Herzen genommen, der sich dann doch zuweilen arg gewollt und überzogen albern präsentierte. Seinem Stil bleibt die Serie auch in Teil 4 treu, und doch hat man den Eindruck, dass sie ihrer Pubertätsphase allmählich entwächst.

Das zeigt sich auch daran, dass das Spielgeschehen nun nicht mehr durch Ladebildschirme in verschiedene Bereiche segmentiert wird, sondern in einer großen, zusammenhängenden Welt stattfindet. Diese teilt sich in mehrere verschiedene Biome auf, in denen es jeweils eine verschachtelte Hauptquest zu erfüllen gilt, bis wir uns final in die zentral gelegene Hauptstadt des Zeitwächters wagen können.
Der Weg dorthin ist gepflastert mit knapp 100 Nebenquests, allerlei Sammelkram, optionalen Aktivitäten und natürlich gefühlt unendlich vielen Waffen. Es fällt von daher zunächst etwas schwer, sich auf die Story zu konzentrieren. Es wird aber recht schnell deutlich, dass viele der Angebote, welche die Open World offeriert, letztlich nur hohle Zeitfresser sind, die kaum verhehlen können, dass sie lediglich als weiterer Anlass dienen, um Kram zu suchen, von A nach B zu bringen und natürlich reihenweise Gegner über den Jordan zu schicken.
Versteht uns nicht falsch: Die Nebenquests erzählen eine ganze Reihe unterhaltsamer und zum Teil sogar richtig ulkiger Geschichten – von Raketen, die sich schämen, nicht explodieren zu können, über wahnsinnige Wissenschaftler, die einen Weg gefunden haben wollen, die Ripper zu heilen, bis hin zu einem Bierbrauer, der das perfekte Rezept sucht. Hier haben sich die Autoren offenbar wieder so richtig austoben dürfen, nachdem man sie darum gebeten hat, in Sachen Hauptstory auf die Humor-Bremse zu treten.

Rein spielerisch geht es dabei jedoch arg repetitiv zu. Viel zu oft müssen wir ein Gebiet erst mal säubern, um dort etwas zu finden und irgendwo abzuliefern. Generell suchen wir sehr oft irgendwelchen kleinen und leicht zu übersehenden Krempel. Besonders nervig ist es, wenn wir diese dann auch noch mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit zum Ziel tragen müssen, obwohl wir doch eigentlich ein Inventar haben, das verdammt viele große Waffen fasst.
Allerdings muss man Borderlands 4 zugutehalten, dass es sich verdammt viel Mühe gibt, seine im Kern recht simplen Spielideen gut zu kaschieren. Und das macht es, indem es sich in seiner Königsdisziplin von seiner bisher besten Seite zeigt: der schieren Lust am Ballern und Looten.
Wie sehr man das schlichte Prinzip des Draufhaltens und Abdrückens variieren kann, beweist kaum eine andere Spielreihe so nachdrücklich wie Borderlands. Die absurd große Waffenvielfalt war schon immer ein Markenzeichen der Serie und verspricht auch in Teil 4 wieder mehrere Milliarden Krachmacher – und nein, wir haben uns nicht verschrieben.

Dank prozeduraler Generierung der verschiedenen Waffentypen von nunmehr acht verschiedenen Herstellern werden zwei Spieler wohl kaum jemals die gleiche Waffe mit den gleichen Werten und Effekten finden. Und als wäre das nicht schon genug, sind nun auch Kombinationen möglich, so dass Waffen aus dem Hause Jacobs beispielsweise mit einem Vladof-Unterlauf daherkommen und die Eigenheiten der unterschiedlichen Waffenschmieden dergestalt in einem Krachmacher zusammenkommen können.
Generell gibt es abermals ganz klassisch Sturmgewehre, SMGs, Schrotflinten, Sniper Rifles und Pistolen. Die Art, wie Borderlands dieses Standardarsenal variiert, ist jedoch beispiellos. Oder hattet ihr schon mal ein Scharfschützengewehr mit einer Shotgun-Zweitfunktion? Eine Maschinenpistole mit Flammenwerfer? Oder ein MG, das ihr zum Nachladen wegwerft und das daraufhin auf kleinen Beinchen euren Gegnern als Sprengsatz nachjagt?
Zwar findet man in Borderlands 4 wie im Looter-Genre üblich meistens nur minderwertigen Mist, den man nicht braucht. Die Lust am Ausprobieren neuer Krachmacher, wenn die Werte denn mal stimmen, ist allerdings in kaum einem anderen Ballerspiel so groß wie hier. Ähnliches gilt für die kreativ zerstörerischen Granaten, die sich ihren Slot nun mit schwerem Kampfgerät wie Raketenwerfern und Gatling-Guns teilen und an eine Abklingzeit gebunden sind.

Ergänzt wird das Kammerjäger-Repertoire durch einen wiederaufladbaren Schild, die neuen herstellerspezifischen Perks und natürlich die individuellen Action-Skills. Derer hat jeder der vier frischen Vaulthunter gleich drei im Gepäck, die alle mit eigenen Skilltrees zur Verbesserung und späteren Spezialisierung daherkommen. Die Quoten-Sirene Vex beschwört etwa einen pinken Geisterpanther, Schmiederitter Amon wirft mit Elementaräxten um sich, Gravitar Harlowe versetzt Feinde in Stasis, Exo-Soldat Rafa aktiviert seine Schulterkanonen – um nur einige Beispiele zu nennen.
Der Einsatz der Action-Skills ist ebenfalls durch einen Cooldown begrenzt und vor allem im Gefecht mit den teils überraschend knackigen Bossen unabdingbar. Zwar muten die Fähigkeiten zunächst etwas mau an, je tiefer wir uns mit gesammelten Erfahrungspunkten jedoch in die verschiedenen Skilltrees bohren, desto effektiver und vielseitiger werden die taktischen Möglichkeiten auf dem Feld.
Auch haben die Hunter in Sachen Bewegungsrepertoire einiges dazugelernt. Dank des neuen Enterhakens ziehen wir uns an vorgegebenen Punkten rasch Wände hoch oder auch explosive Kanister zu uns heran, um diese dann auf das Feindespack zu schleudern.

Dank Doppelsprung und dem Schwebe-Jetpack können wir zudem große Abgründe überwinden und die Gegner auch aus der Luft aufs Korn nehmen. Wird es einmal eng, rettet uns ein Dash oder ein Bodenslide hinter die nächstgelegene Deckung. Und sollten Schild und Lebensleiste dennoch irgendwann perforiert sein, können wir unser Ableben verhindern, indem wir rasch noch einen Feind wegpusten.
Alternativ eilt uns ein Koop-Mitspieler zur Hilfe, denn wenn sich Borderlands 4 neben Ballern und Looten etwas auf die Fahne geschrieben hat, dann ist es Ballern und Looten mit Kumpels. Möglich ist dies online, im guten alten Splitscreen oder auch in einer Kombination aus beiden. Maximal treten wieder vier Hunter gemeinsam an – und das dank Crossplay sogar konsolenübergreifend. Die Stufe der Feinde wird dabei dynamisch angepasst, der Loot individuell ausgeschüttet.
Und was sollen wir sagen: Die Formel geht abermals auf. Am besten bereist man die Borderlands gemeinsam mit Freunden und das ändert sich auch in Teil 4 nicht. Etwas schade ist jedoch, dass die freigeschalteten Schnellreisepunkte nicht für alle Spieler erhalten bleiben, wenn diese in ihre eigenen Welten zurückkehren. Auch die gemeinsam zu nutzenden Fahrzeuge gingen uns ab, wenngleich die neuen und vor allem jederzeit herbeizurufenden Digibikes natürlich ziemlich cool sind.

Kenner der Reihe werden sich in Borderlands 4 sowohl spielerisch als auch optisch sofort wie zu Hause fühlen. Der bewährte Cel-Shading-Look wurde beibehalten und passt abermals gut zu dem anarchischen Grundton des Spiels. Allerdings zeigen sich dabei gewisse Ermüdungserscheinungen, die auch die größere optische Vielfalt nicht ganz kaschieren kann. Zwar ist es eine echte Wohltat, nicht mehr nur durch die Wüste zu jagen, und doch drängt sich bereits recht früh im Spiel der Eindruck auf, das alles schon gesehen zu haben.
Die geringe Gegnervielfalt stärkt diesen Eindruck, und im Zuge der Quests andauernd lästig lange Strecken absolvieren zu müssen, macht die Sache auch nicht unbedingt besser. Dass die erstaunlich rar gesäten Schnellreisepunkte erst mühselig freigeschaltet werden müssen, gestaltet den Spielfortschritt überdies unnötig zäh. Neben diversen Bugs fielen uns zudem einige unsichtbare Levelgrenzen negativ auf, die einer Open World bekanntlich nie besonders gut zu Gesicht stehen.
Auch haben wir uns an der etwas verwirrenden Menüstruktur gestört – vor allem aber darüber, dass dem Ausrüstungsfenster kein dedizierter Button zugewiesen wurde. Der Verzicht auf eine Minimap ist ein weiteres Ärgernis, welches die Suche nach Quest-Items unnötig erschwert und in die Länge zieht. Tipp: Schaltet im Menü unbedingt den Radar hinzu, der euch Gegnerpositionen weit zuverlässiger markiert als der Kompass am oberen Bildschirmrand.

Mit Blick auf die von uns getesteten Konsolenversionen präferieren wir in beiden Fällen den Leistungsmodus gegenüber dem Qualitätsmodus, der bis auf einige wenige Ruckler in der Spielwelt und in Cutscenes recht flüssig läuft. Wenn sich diese bei längeren Spielsessions häufen, hilft übrigens ein rascher Neustart des Spiels, um den überfüllten Spielspeicher wieder zu leeren. Einen gesonderten Grafikmodus für die PS5 Pro gibt es nicht.
Schade ist, dass Konsolenspieler das Field of View aktuell nicht anpassen können. Wie es heißt, prüfen die Entwickler derzeit aber, ob diese Funktion für die PS5 und Xbox Series X|S integriert werden kann. Dafür ist der Splitscreen – wahlweise horizontal oder vertikal – den Konsolen vorbehalten. Mit Blick auf die arg eingeschränkte Übersichtlichkeit vor allem in den Menüs würden wir das Online-Spiel dem Splitscreen bei aller Couch-Gemütlichkeit aber jederzeit vorziehen.

Borderlands 4 erfindet die Serienformel beileibe nicht neu, beweist aber, dass die Macher ihre Lektionen aus der Vergangenheit gelernt haben. Der Ortswechsel nach Kairos bringt frischen Wind in die Reihe und schlägt mit einem ernsteren Ton einen wohltuend erwachseneren Weg ein, ohne die charakteristische Selbstironie gänzlich zu verlieren.
Die offene Welt wirkt zwar größer und freier, mit Blick auf die vielen repetitiven Nebenaufgaben und weiten Wege jedoch auch künstlich gestreckt. Die Action-Skills der neuen Kammerjäger starten mau, sorgen aber mit jedem Erfahrungspunkt für mehr taktische Möglichkeiten. Sehr willkommen ist zudem die erweiterte Bewegungsfreiheit, welche der guten alten Schießbude einen ordentlichen Schub Dynamik verleiht.
Technisch bleibt Borderlands 4 dem bekannten Look treu, der trotz gesteigerter Grafikpower allmählich Abnutzungserscheinungen erkennen lässt. Auch Performance und Bedienung sind nicht frei von Schwächen. Im Kern liefert Borderlands 4 aber genau das, was Fans erwarten: enorm spaßige Koop-Sessions, endlose Waffenvielfalt, irrwitzige Kombinationen und das unverwechselbare Gefühl, dass hinter jeder Kiste ein neues Spielzeug lauern könnte.
Borderland 4 ist für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC erhältlich. Eine Version für die Nintendo Switch 2 folgt am 3. Oktober 2025.
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