Rom war nie nur eine Stadt, sondern ein Versprechen: Ordnung im Chaos, Fortschritt im Staub der Geschichte. Diese Idee greift Anno 117: Pax Romana auf und führt das Aufbauprinzip der Reihe in eine Ära, die viele Fans seit Jahrzehnten herbeigesehnt haben. Nach dem viktorianischen Glanz von Anno 1800 wagt Ubisoft Mainz nun den Sprung in die Welt der Aquädukte und Triumphbögen – und beweist, dass auch Sandalenepos und Wirtschaftssimulation erstaunlich gut zusammenpassen.

Schon nach wenigen Spielminuten wird klar, dass hier kein Bruch, sondern eine Verfeinerung stattfindet. Wer die präzise getakteten Produktionsketten des Vorgängers verinnerlicht hat, findet sich sofort zurecht. Doch wo zuvor Dampfmaschinen schnauften, regeln nun Freigelassene, Patrizier und Nobiles den Warenfluss – und fordern ständig Neues, sei es Brot, Instrumente oder gesellschaftliche Anerkennung.

Latium, Albion und die Last der Erwartungen

Die Kampagne startet mit einer Familiengeschichte, die uns – wahlweise als Marcus oder Marcia – mitten in den Wiederaufbau einer zerstörten Stadt wirft. Zwischen Ruinen und Ruhelosigkeit entfaltet sich eine klassische Anno-Erfahrung: Gebäude errichten, Versorgung sichern, Bedürfnisse stillen, neue Produktionsstufen freischalten. Doch diesmal schwingt der Staub Roms über allem mit. Der Wechsel zwischen den Regionen Latium und Albion sorgt für visuelle Abwechslung und zwei völlig verschiedene Entwicklungswege – romanisiert oder keltisch.

Interessant ist der Umgang mit historischen Themen. Pax Romana blendet die Realität der Sklaverei nicht völlig aus, behandelt sie aber mit Bedacht. Liberti übernehmen einfache Arbeiten, während die höheren Schichten den Luxus genießen.

Mechanik zwischen Religion, Forschung und Feuerwachen

Mit jeder Bevölkerungsstufe steigt die Komplexität. Acht Attribute halten uns permanent auf Trab. Besonders spannend ist das Spannungsfeld zwischen Religion und Wissenschaft: Spieler entscheiden, ob ein Tempel oder eine Akademie die Bedürfnisse einer Schicht stillt. Beide Varianten schalten Boni frei, die sich auf Forschung und Produktion auswirken, was dem Spiel mehr Tiefe verleiht als je zuvor.

Auch optisch verleiht der Fortschritt spürbare Veränderungen. Pflasterstraßen erweitern Reichweiten, Feuerwachen und Ärzte schützen unsere Städte vor Katastrophen – ein Mechanismus, der erstaunlich realistisch wirkt. Diese kleinen Systeme greifen so ineinander, dass jedes neue Gebäude wie ein Zahnrad im römischen Uhrwerk wirkt. Wir haben selten ein Aufbau-Anno gespielt, das so fein abgestimmt auf die Balance zwischen Schönheit und Funktion achtet.

Entscheidungen, Diplomatie und das Spiel der Macht

Während unserer Spielzeit überraschte uns Pax Romana mit zahlreichen Entscheidungsmomenten, die ins Spielgeschehen eingewoben sind und sich – zumindest auf dem ersten Blick – natürlich anfühlen. Ob wir einem Dieb helfen, ein Fest ausrichten oder einen Vertrag brechen – jede Handlung hat Konsequenzen. Die Auswirkungen bleiben subtil, aber spürbar: Ein unzufriedener Mitspieler verweigert Handelsabkommen, ein treuer Verbündeter gewährt günstigere Kredite. Dieses Netz aus kleinen Kausalitäten verleiht dem Spiel eine politische Dynamik, die sich nicht auf Schlachten reduzieren lässt.

Trotzdem ist Krieg möglich – aber optional. Wer Konflikte scheut, kann die gesamte Kampagne friedlich abschließen, wenngleich dies die Gunst des Kaisers schmälert. Kämpfe zu Land und zu Wasser sind solide, aber bewusst zurückhaltend. Der militärische Aspekt ergänzt das Spiel, dominiert es aber nicht.

Keltenregen, Sümpfe und römische Ingenieurskunst

Der Wechsel nach Albion bringt nicht nur graue Wolken, sondern auch neue Spielmechaniken. Unsere Bevölkerung kann sich entweder dem römischen Einfluss anpassen oder an keltischer Kultur festhalten – eine Entscheidung, die Diplomatie und Produktionsketten gleichermaßen prägt. Besonders reizvoll sind die ökologischen Eingriffe: Sümpfe lassen sich trockenlegen, was zwar neue Bauflächen eröffnet, aber auch Ressourcen verändert. Hier zeigt sich, wie fein die Simulation verzahnt ist.

Hinzu kommen vertraute Elemente aus früheren Teilen: Monumentalbauten wie das Amphitheater, Suchaufgaben, Spezialisten mit einzigartigen Effekten – all das kehrt zurück, wirkt aber durch das neue Setting frischer.

Komplexität mit System

Wer Anno 1800 beherrschte, wird sich schnell heimisch fühlen, doch die Antike verlangt Disziplin. Schon nach kurzer Zeit zwingen uns Ressourcenknappheit und begrenzte Fruchtbarkeiten dazu, neue Inseln zu besiedeln und Handelsrouten anzulegen. Besonders die Aquädukte, die Wasser in landwirtschaftliche Betriebe leiten, sind ein gelungenes, aber anspruchsvolles System. Planung wird hier zur Kunstform – und Fehler rächen sich mit Durst und Ernteausfällen.

Zwar bemüht sich das Spiel mit klaren Tutorials und Suchfunktionen um Zugänglichkeit, doch wer auf „Cosy Game“ hofft, wird enttäuscht. Pax Romana fordert Aufmerksamkeit. Gleichzeitig belohnt es uns mit jenen magischen Momenten, wenn die Stadt in der Abendsonne glänzt und Legionäre durch die Straßen marschieren. Kleinere Bugs im Test – springende Zustände, widersprüchliche Verträge – dürften per Patch bald Geschichte sein.

Besonders gelungen ist die neue Bedeutung von Wegen: Gebäude wirken nicht mehr nur über Reichweite, sondern über reale Straßenverbindungen. Dadurch wird Stadtplanung zum taktischen Puzzle und bietet deutlich spürbar mehr Möglichkeiten.

Rom lebt – und es ist schöner denn je

Technisch überzeugt Anno 117: Pax Romana übrigens auf ganzer Linie. Das Spielt sieht unfassbar gut aus. Die Grafik ist prachtvoll, mit enormer Detailtiefe bis in die kleinsten Werkstätten. Selbst nach Stunden ertappen wir uns dabei, die Kamera zu kippen und heranzuzoomen, um einfach nur die Baukunst zu genießen. Das liegt auch zur Liebe zum Detail. Klar, so manche Animation könnte aktualisiert werden, aber die Atmosphäre lädt zum Verweilen an.

Dazu ist die Perfomance für solch eine Grafikpracht beeindruckend. Selbst auf mittelstarken PCs sieht das Spielgeschehen nicht nur sehr gut aus und läuft dennoch flüssig. Das hätten wir so nicht erwartet.

Fazit

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, und Anno 117: Pax Romana beweist, dass auch Aufbaukunst Zeit braucht. Statt das Rad neu zu erfinden, perfektioniert Ubisoft Mainz die bekannte Formel und übersetzt sie nahtlos in Marmor und Mosaik.

Jede Stadt wächst organisch, jede Entscheidung zählt – und wer einmal in Latium baut, bleibt dort gefangen zwischen Planungseifer und Perfektionismus. Und das mit einer Optik und Atmosphäre, die so manchen Spieler sicherlich in Urlaubstimmung versetzen dürfte.

Ganz klar: Das neue Anno ist kein lautes Spiel, sondern eines, das mit Tiefe überzeugt – mit jener befriedigenden Ruhe, die entsteht, wenn alles ineinandergreift. Anno 117: Pax Romana ist kein Neuanfang, sondern die konsequente Krönung eines Genres, das seinen Kaiser gefunden hat.

Optime opus est, Ubisoft Mainz!