James Bond ist zurück. Nach 14 Jahren ohne großes Videospielabenteuer wagt IO Interactive einen kompletten Neustart mit dem berühmtesten Geheimagenten der Welt. Statt auf bekannte Filmvorlagen oder eine Fortsetzung bestehender Geschichten zu setzen, erzählen die dänischen Hitman-Macher die Anfänge des Agenten neu. Eine Origin-Story also, in der wir keinen klassischen Bond kennenlernen, sondern einen jungen, noch unerfahrenen Rekruten, der sich die Doppelnull erst noch verdienen muss.

Darum geht's

Zu Beginn von 007: First Light ist James Bond noch weit entfernt von dem abgeklärten Agenten, den wir aus den Filmen kennen. Nach einem dramatischen Zwischenfall wird der ehemalige Royal-Navy-Soldat vom MI6 in das neu aufgelegte Doppelnull-Programm aufgenommen. Dort beginnt Bond zunächst die Ausbildung zum Geheimagenten, wird aber alsbald in eine internationale Verschwörung hineingezogen, die den jungen Mann quer über den Globus führt.

Die durchweg beeindruckend inszenierte Palette an Schauplätzen reicht dabei von einem Nobelhotel in der Slowakei über einen Schwarzmarkt in Mauretanien bis hin zu luxuriösen Anlagen in Vietnam und einem Nachtclub in London. Und bei alledem gelingt IO Interactive etwas Bemerkenswertes: Trotz des bekannten und vor allem akustisch wohlvertrauten Bond-Rahmens wirkt die Geschichte frisch. Nach nunmehr 25 offiziellen Filmen ist das eine echte Leistung.

Die Autoren des Spiels tappen glücklicherweise nicht in die übliche Krach-Bumm-Falle vieler Videospiele. Statt ausschließlich auf Explosionen und Action zu setzen, nimmt sich das Spiel Zeit für seine Figuren. Bonds Entwicklung steht im Mittelpunkt und Patrick Gibson liefert als junger Agent eine starke Vorstellung ab. Schlagfertig, charmant und gelegentlich etwas übermütig verkörpert er einen Bond, der zwar bereits viele bekannte Eigenschaften besitzt, sich seinen Ruf aber erst noch verdienen muss. Es würde uns also nicht wundern, wenn Gibson nach seiner Leistung als Spieldarsteller im Topf der möglichen zukünftigen Kino-Bonds landen würde.

Nun sind mit Blick auf die Story zwar nicht alle Wendungen wirklich überraschend und insbesondere die Gegenspieler bleiben teilweise etwas eindimensional, insgesamt entwickelt sich jedoch eine spannende Agentengeschichte, die bis zum Finale motiviert und weit mehr zu erzählen hat als die meisten Videospiele seines Genres.

Stealth, Action und jede Menge Bond-Gefühl

Wobei dieses gar nicht so klar zu umreißen ist. Immerhin bedient IO Interactive schon seit vielen Jahren sein eigenes Metier. Und so erkennen Fans der Hitman-Reihe die Handschrift der Macher bereits nach wenigen Minuten. Denn die Entwickler nutzen ihre Erfahrung mit offenen Sandbox-Levels auch für Bond, gehen dabei aber deutlich erzählerischer vor als bei Agent 47.

Die Missionen bieten mehr Lösungswege, als man in einem Durchlauf gehen kann. Bond kann Gespräche belauschen, Sicherheitssysteme manipulieren, Wachen ablenken oder per Takedown ins Land der Träume schicken. Da wir es mit einem Bond zu tun haben, können wir uns notfalls aber auch mit Charme, Lügen und Improvisation Zutritt verschaffen.

Die offenen Areale sind hervorragend gestaltet, atmosphärisch sehr dicht und dazu noch von unzähligen NPCs bevölkert. Die Szenarien laden ausdrücklich dazu ein, verschiedene Herangehensweisen auszuprobieren, und doch bleibt die Handlung gleichzeitig stets klar im Fokus. Dadurch wirkt 007: First Light deutlich zugänglicher und stringenter als Hitman, ohne dabei seine spielerische Freiheit vollständig aufzugeben.

Besonders gelungen ist die Mischung aus Spionage und Action. Das Spiel wechselt regelmäßig zwischen Schleichpassagen, Erkundung, Verfolgungsjagden, Feuergefechten und spektakulären Storymomenten. Langeweile kommt dabei kaum auf, auch wenn das Pacing zuweilen etwas mehr Zug vertragen hätte. Denn so großartig immersiv IO Interactive die Verknüpfung zwischen Spielelementen und Story gelungen ist, möchte man manchmal einfach mal draufhauen. Denn die Action macht mindestens so viel Laune wie die Erzählung.

Dosierte Action

Da wären zunächst einmal die Nahkämpfe. Solange Gegner nicht zur Waffe greifen, bleibt Bond ebenfalls auf seine Fäuste angewiesen. Mit dieser Prämisse gehen zahlreiche dynamische Prügeleien einher, bei denen Konter und Umgebungsobjekte eine wichtige Rolle spielen. Tastaturen, Flaschen, Werkzeug oder herumliegende Gegenstände werden kurzerhand zweckentfremdet und sorgen für dynamische Auseinandersetzungen.

Die Kämpfe erinnern stellenweise an Uncharted oder die Arkham-Spiele und vermitteln ein überzeugendes Gefühl von Wucht. Allerdings hätten wir uns ein Lock-on-System gewünscht. Kommt es in beengten Umgebungen zum Kampf, gelingt es der Kamera nicht immer, unseren Kontrahenten im Blick zu behalten, und wir schlagen häufig ins Leere. Das wirkt unnötig unkontrolliert und fahrig.

Sobald dann aber Schusswaffen ins Spiel kommen, erhält Bond die Lizenz zum Töten und First Light verwandelt sich in einen klassischen Deckungs-Shooter. Das Gunplay erreicht zwar nicht die Klasse spezialisierter Genrekollegen, funktioniert aber zuverlässig und punktet mit einem saftigen Trefferfeedback, das es uns sogar erlaubt, Gegner gezielt zu entwaffnen oder ihre Rüstung zu zerstören.

Tempo kommt vor allem dadurch rein, dass Bond keine Taschen voller Munition mit sich führt und neben einer Handfeuerwaffe auf das Arsenal angewiesen ist, das auf dem Feld zur Verfügung steht. Und so hetzen wir von Deckung zu Deckung, werfen dem Feind notfalls die leere Knarre an den Kopf und nutzen unsere Gadgets, um für ordentlich Chaos zu sorgen. Denn ein Bond-Abenteuer wäre ohne coole kleine Technik-Spielereien natürlich kaum denkbar.

Wie gewohnt stattet Q den Nachwuchsagenten im Verlauf der Geschichte mit einer Reihe klassischer Geheimagenten-Spielereien aus. Dazu gehören eine vielseitige Smartwatch zum Hacken elektronischer Systeme, Blendlaser, Rauchgranaten oder spezielle Dart-Projektile. Die Gadgets sind clever in das Gameplay integriert und eröffnen zusätzliche Möglichkeiten beim Schleichen und Manipulieren, allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche des Spiels.

Viele Hilfsmittel fühlen sich eher wie nette Extras an als wie zwingend notwendige Werkzeuge. Selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad kommt man häufig problemlos ans Ziel, ohne das gesamte Arsenal auszuschöpfen. Zudem stellt es einen Bruch mit der ansonsten so dichten Atmosphäre dar, wenn Bond aus allen möglichen Geräten Akkus oder Chemikalien zum Nachladen extrahiert. Aber gut: Am Ende ist es eben doch (glücklicherweise) ein Videospiel und kein interaktiver Film. Und wer gerne experimentiert, wird viel Spaß mit den umfangreichen Möglichkeiten haben, die uns Q zur Verfügung stellt.

Ein etwas inkonsistentes Bild zeigt sich indes bei der Gegner-KI. Wachposten reagieren in Stealth-Passagen häufig etwas arg großzügig auf verdächtige Situationen und verfolgen Unregelmäßigkeiten träge. Zudem ist das periphere Sehvermögen offenbar enorm schlecht ausgeprägt. Hier stand also klar die Zugänglichkeit im Vordergrund. Durch die meist recht hohe Zahl an Gegnern und die vielen Möglichkeiten, sich dieser zu entledigen, bleibt es dennoch spannend.

Lassen wir dann die Waffen sprechen, treibt uns die KI mit aggressiven Vorstößen und gezielten Granatwürfen zuverlässig aus der Deckung, was wohlige Erinnerungen an das gute alte Uncharted 3 weckt. Dass man auf dem Schlachtfeld kaum campen kann, mag nicht jedem gefallen, macht die Gefechte aber fraglos aufregender.

Beeindruckende Schauplätze und starke Atmosphäre

Im Test auf der PlayStation 5 hinterließ 007: First Light einen insgesamt sehr stabilen Eindruck. Zwar stürzte uns das Spiel in der Auftaktsequenz direkt ab, der Fehler ließ sich jedoch nicht reproduzieren. Weitere schwerwiegende Probleme traten während unseres Testzeitraums nicht auf.

Die Bildrate bleibt im Performance-Modus überwiegend konstant, kleinere technische Auffälligkeiten beschränken sich auf vereinzelte nachladende Texturen und gelegentliche Unsauberkeiten bei NPC-Animationen. Wirklich störend aufgefallen sind uns aber vor allem die nervigen Ladezeiten nach einem Fehlschlag. Wer in einer schwierigeren Passage mehrfach scheitert, muss regelmäßig spürbar länger auf den Neustart warten, als man es von aktuellen PS5-Titeln gewohnt ist.

Grund dafür sind womöglich die beeindruckend belebten Schauplätze. Hotels, Nachtclubs, Märkte und Museen wirken glaubwürdig bevölkert und vermitteln genau das internationale Agenten-Flair, das man von einem Bond-Abenteuer erwartet. Die Charaktermodelle könnten stärker sein, zeigen aber das nötige Maß an Mimik, um nicht im Uncanny Valley zu landen. An die absolute Grafikspitze des Genres reicht First Light damit zwar nicht ganz heran, überzeugt dafür aber mit stimmungsvoller Beleuchtung, gelungenen Effekten und einer außergewöhnlich dichten Atmosphäre.

Wenig Erfreuliches haben wir dafür über die deutsche Sprachausgabe zu berichten, die es schlicht nicht gibt. Zwar leisten die englischen Sprecher wirklich hervorragende Arbeit und insbesondere Patrick Gibson überzeugt als junger Bond. Dass bei einer Produktion dieser Größenordnung auf anderssprachige Tonspuren verzichtet wird, überrascht allerdings. Frei von Kritik ist dafür der Soundtrack, der das Geschehen hervorragend und vor allem sehr Bond-like begleitet.

Fazit

Ganz großes Kino – 007: First Light ist nicht nur ein gelungenes Bond-Spiel, sondern eines der besten Agenten-Abenteuer der vergangenen Jahre. Der Titel meistert den schwierigen Spagat, die Essenz von James Bond einzufangen und gleichzeitig eine eigenständige Videospielvision daraus zu formen, selbstbewusst und mit einem treffsicheren Gespür für die Stärken der Vorlage.

IO Interactive erweist sich mit seiner Hitman-Erfahrung als perfekter Entwickler für den digitalen 007. Die Mischung aus Stealth, Action, Erkundung und Story funktioniert hervorragend. Die offenen Missionen gehören zu den stärksten Momenten des Spiels, die Action ist wohldosiert und spektakulär inszeniert. Patrick Gibson überzeugt als junger Bond und die Atmosphäre trifft den Geist der Filmreihe erstaunlich präzise.

Kleinere Schwächen zeigen sich in der Gegner-KI und den langen Ladezeiten. Die Gadgets bleiben etwas hinter ihren Möglichkeiten und gelegentlich nimmt uns das Spiel zu stark an die Hand. Sympathiepunkte kostet außerdem die fehlende deutsche Sprachausgabe.

Trotzdem überwiegen die Stärken deutlich. Nach 14 Jahren Videospielpause feiert James Bond ein beeindruckendes Comeback, das große Lust auf weitere Einsätze macht.

007: First Light ist für PlayStation 5, Xbox Series und den PC erhältlich. Eine Version für die Switch 2 soll folgen.