Florence + The Machine melden sich mit „Everybody Scream“ zurück und das Timing könnte nicht passender sein. Exakt an Halloween veröffentlicht, fühlt sich dieses Album an wie der Soundtrack zu einer Nacht, in der man lieber nicht alleine durch den Park läuft. Aber keine Sorge, Angst ist hier keine Schwäche, sondern pure Energie.

Seit Florence Welch vor siebzehn Jahren mit „Kiss With A Fist“ das erste Mal richtig durchgestartet ist, ist sie nicht mehr aus dem Alternative-Rock-Kosmos wegzudenken. Heute steht sie souverän dort, wo andere nur hinwollen. Nämlich als eine der prägendsten britischen Alternative-Stimmen ihrer Zeit. Und dieses sechste Studioalbum wirkt so, als würde sie noch einmal betonen wollen, warum. Ihre Stimme hat ohnehin immer diese Wucht, aber auf „Everybody Scream“ klingt sie noch direkter, entschlossener.

Der Titeltrack und Opener „Everybody Scream“ setzt dabei sofort die Stimmung des neuen Albums. Schreien als Ventil, als Ausdruck, als gemeinsames Erlebnis. Nicht wild und unkontrolliert, sondern bewusst und kraftvoll. Eine Orgel schleicht sich rein wie ein unheimlicher Filmintro-Akkord, ein Chor baut Spannung auf, und Sekunden später bricht alles in stampfende Drums und kraftvolle Vocals aus. Hier gibt es kein Warmwerden und auch kein Zögern.

Nein, direkt rein in diesen Sog aus Energie und Dringlichkeit. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen treibenden Rhythmen und ruhigen Momenten zum Durchatmen. Florence singt dabei nicht, um mit ihrer Stimme zu beeindrucken, sie singt, um etwas loszuwerden. Mal mit einer Kraft, die fast körperlich wirkt, mal mit leisen Tönen, die mehr sagen als jedes große Finale. Man spürt, dass hinter diesem Werk echte Erlebnisse stehen und nicht nur künstlerische Ideen.

Ein kleines erzählerisches Universum

Florence Welch verarbeitet Schmerz, ohne sich davon definieren zu lassen. Es geht um Verlust, Unsicherheit, Zweifel und darum, was man daraus machen kann. Man spürt, dass Florence in den letzten Jahren einiges durchgemacht hat. Und anstatt es leise zu ertragen, hat sie es in Musik verwandelt, die bewegt. Kein schweres Pathos, sondern echte Gefühle, die man mitnimmt, ohne dass sie erdrücken. Es hat etwas Befreiendes, und manchmal auch etwas überraschend Sanftes.

Zwischen treibenden Beats, organischen Arrangements beeindruckt „Everybody Scream“ auch mit einer Produktion, die bewusst Luft lässt. Ein Track wie „Witch Dance“ zeigt das besonders gut. Folk-Einflüsse, mystische Stimmung, und eine Art unterschwellige Unruhe, die perfekt zur Thematik passt. Man hört Schritte im Dunkeln, man ahnt Dinge, ohne dass sie laut benannt werden. Ein kleines erzählerisches Universum, das sich öffnet.

Und dann gibt es Songs wie „One Of The Greats“. Der Track fühlt sich an wie ein Rückblick mit klarer Haltung. Sie erinnert daran, wie schwer es sein kann, ernst genommen zu werden, wenn man früh loslegt und nicht ins klassische Schema passt. Jetzt klingt es wie eine Abrechnung, aber nicht bitter, sondern selbstbewusst: Sie hat ihren Weg gemacht – und der war richtig. Auch der Song „Kraken“ bleibt hängen. Verzerrte Gitarren, vielstimmiger Gesang, und ein Moment, in dem alles in fließende Synth-Wellen übergeht.

Es klingt nach innerem Spiegelbild und gleichzeitig nach der Befreiung von Erwartungen. Der Song „Music By Men“ hingegen lässt keinen Platz für Interpretation. Der Track wirkt wie ein Augenzwinkern und eine klare Warnung zugleich: unterschätze mich nicht! Man hört den Anspruch und die Haltung einer Künstlerin, die gelernt hat, dass Durchsetzungskraft manchmal lauter sein muss, als man möchte.

Alles in allem will „Everybody Scream“ nicht nett sein, und genau das macht es stark. Es feiert Gefühle, die nicht perfekt sortiert sind, und gibt ihnen Raum, ohne sie zu romantisieren. Es geht um Heilung als Prozess, der chaotisch sein darf. „Everybody Scream“ ist aber auch ein Album für Menschen, die Musik nicht nebenbei laufen lassen. Es lädt ein, sich hineinfallen zu lassen und mitzuschwingen. Außerdem zeigt diese Platte, dass Pop, Indie und Emotionen wunderbar zusammen funktionieren, wenn man sie nicht glattbügeln will. Am Ende steht ein eindringliches Meisterwerk mit einem Ruf und wer ihn hört, merkt sofort: schreien kann befreiend sein!

Florence + The Machine „Inertia“ (Republic) – VÖ: 31. Oktober 2025

Tracklist: 01.Everybody Scream // 02. One of the Greats // 03. Witch Dance // 04. Sympathy Magic // 05. Perfume and Milk // 06. Buckle // 07. Kraken // 08. The Old Religion // 09. Drink Deep // 10. Music by Men // 11. You Can Have It All // 12. And Love