Wer sich für moderne Erotikfilme interessiert, dürfte wohl schon vom legendären Titel „Emmanuelle“ gehört haben. Fast jeder kennt zumindest den Namen dieses Klassikers, der erstmals 1974 in die Kinos kam und damals für Furore sorgte. Heute, rund 50 Jahre später, meldet sich die berühmte Hauptfigur nun auch im Heimkino auf DVD und Blu-ray mit einer ganz neuen, überraschend frischen Ausstrahlung zurück.
Basierend auf dem provokanten Roman der Autorin Emmanuelle Arsan und angesiedelt in der glitzernden Millionenmetropole Hong Kong, zeigt diese Neuadaption eine Frau, die fest im Berufsleben steht und sich lange von ihren eigenen Wünschen abgekapselt hat. Die Kamera fängt dabei nicht nur die funkelnden Hochhausschluchten ein, sondern beleuchtet auch das Innenleben einer Frau, die endlich wieder zu ihrer Leidenschaft findet – und das alles im eleganten Stil, ohne jemals ins Plumpe abzurutschen.
Im Mittelpunkt steht Emmanuelle, eine erfolgreiche Auditorin für eine internationale Luxushotel-Kette. Weit weg von ihrem Alltag in London, wird sie nach Hong Kong entsandt, um dort scheinbar Unregelmäßigkeiten in einem bekannten Hotel aufzudecken. Wer allerdings einen kühlen Kontrollfreak erwartet, wird schnell überrascht. Kaum angekommen, gerät Emmanuelle in den Bann eines mysteriösen Fremden namens Kei.
Diese Begegnung lässt sie an ihrem bisherigen Leben zweifeln. Während sie beruflich darauf trainiert ist, Makel aufzuspüren und Schwachstellen aufzudecken, entdeckt sie nun, dass ihr eigenes Verlangen längst in einer Art Tiefschlaf gefangen war. Kei weckt in ihr Gefühle, die sie längst verloren glaubte, und diese unerwartete Verbindung treibt die Story auf emotionale und sinnliche Weise voran.
Die neue „Emmanuelle“ stammt von der französischen Regisseurin Audrey Diwan. Ihr Ansatz ist deutlich feministisch und meilenweit entfernt von einer schnöden Neuauflage des originalen Softsexklassikers. Wo frühere „Emmanuelle“-Filme oft kitschig und voyeuristisch daherkamen, wird in dieser Version der Fokus auf die Selbstbestimmtheit der Hauptfigur gelegt. Es wird keinesfalls nur von oberflächlicher Lust erzählt, sondern von der Entdeckung einer verloren geglaubten Facette des Ichs.
Wir sehen eine Frau, die lernt, neue Facetten ihrer Persönlichkeit anzunehmen. Dabei entstehen einige der eindrücklichsten Szenen im Hotelkomplex selbst, wenn Emmanuelle quasi zwischen perfekten Lobbys und kühnen Glasfronten an ihrer eigenen Fassade rüttelt.
Schauspielerisch glänzen Noémie Merlant und Naomi Watts, unterstützt von Will Sharpe und Jamie Campbell Bower. Besonders Merlant verleiht Emmanuelle eine gewisse Kühle und Eleganz, die aber mit tiefer Sehnsucht und Zwiespältigkeit einhergeht.
All jene, die in einem Erotikfilm reine Schauwerte ohne Substanz vermuten, dürften überrascht sein, wie komplex und vieldeutig das Ganze umgesetzt wurde. Gut an „Emmanuelle“ ist zweifelsohne seine Fähigkeit, sowohl klassische wie auch moderne Erwartungen zu bedienen, ohne sich dabei in Klischees zu verheddern. Für ein Genre, das oft nur auf plakative Nacktheit reduziert wird, ist dieser Blickwinkel erfrischend. Wer sich also für einen Film interessiert, der weit mehr als oberflächliche Erotik zu bieten hat, dürfte mit Audrey Diwans Version von „Emmanuelle“ eine spannende Heimkino-Entdeckung machen.
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